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Wiener FestwochenSlagmuylder startet in Donaustadt

Der neue Festival-Chef will "temporäre Festivalzentren etablieren". Eine neue Zusammenarbeit mit Filmemachern ist vorgesehen.

Christophe Slagmuylder
Christophe Slagmuylder © (c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)
 

Ganz angekommen fühlt sich der neue Intendant der Wiener Festwochen noch nicht, auch wenn er bereits keine Stunde im Kaffeehaus verbringen kann, ohne angesprochen zu werden. "Ich fühle mich schon noch als 'Fremdkörper'", sagt Christophe Slagmuylder und wählt im APA-Interview den Begriff bewusst auf Deutsch. "Manchmal leide ich darunter. Und manchmal denke ich, genau das ist das Abenteuer."

Im Juni wurde der 51-jährige Belgier als interimistischer Nachfolger des überraschend zurückgetretenen Festivalchefs Tomas Zierhofer-Kin vorgestellt, im Oktober ging er als Sieger aus einer Ausschreibung hervor, bei der sich neben ihm allerdings nur vier weitere Personen beworben hatten. Bis 2024 wird der langjährige Leiter des Brüsseler Kunstfestivals Kunstenfestivaldesarts also insgesamt sechs Festwochen-Ausgaben in Wien verantworten.

Als Festival-Leiter war es Slagmuylder gewohnt, ständig auf Reisen zu sein. In den vergangenen Wochen war er dagegen sesshaft wie schon lange nicht mehr. "Ich bin nicht viel gereist. Stattdessen habe ich viele Menschen in Wien getroffen. Ich versuche herauszufinden, was für diese Stadt von grundlegender Wichtigkeit ist. Ein Festival ist nicht wie ein Flughafen. Ich möchte nicht einfach herkommen, mein Ding machen und wieder abreisen."

Also ist der studierte Kunstgeschichtler dabei, sich in der Stadt zu vernetzen. Sein erster Eindruck: "Die bildende Kunst hat hier eine lebendige Szene, bedingt auch durch die internationale Ausrichtung der Kunst-Universitäten und ihre Gastprofessoren. Vielleicht werden wir versuchen, künftig mehr zusammenzuarbeiten. Auch Musik und Gegenwartsmusik sind stark vertreten, oder der Experimentalfilm. Was ich hier nicht so entwickelt finde ist die darstellende Kunst. Natürlich gibt es erstklassige Bühnen, tolle Schauspieler und Autoren, aber es sind von Wien aus in den vergangenen Jahren wenige Regie-Impulse ausgegangen, keine Handschriften hier entstanden."

Anders in Brüssel, wo er 1967 geboren wurde, ja im ganzen Benelux-Raum: Von hier sind ab den 1980er-Jahren wesentliche Entwicklungen ausgegangen, die die europäische Opern-, Tanz- und Theater-Landschaft verändert haben. Diese kulturelle Aufbruchsstimmung ist heute einer politischen Umbruchsituation gewichen, in der sich die großen Verwerfungen unserer Zeit im Kleinen zu fokussieren scheinen.

Am Streit über den UN-Migrationspakt ist vor Weihnachten die Regierung des liberalen Premiers Charles Michel zerbrochen, nachdem sich die flämische Nationalisten-Partei N-VA aus der Koalition zurückgezogen hatte. "Die N-VA ist eigentlich keine wirklich rechtsextreme Partei, hat aber den Vlaams Belang stark zurückgedrängt", erklärt Slagmuylder, der sich keine wirklichen Sorgen macht: "Belgien ist ein Land der Kompromisse. Wir sind dazu immer schon gezwungen gewesen. In Belgien wohnen Menschen so verschiedener Herkunft, dazu kommen noch die vielen Eurokraten in Brüssel. Es wirkt wie ein Zukunftslaboratorium, in dem man versucht, ohne extreme Positionen auszukommen."

Welche Stellung nimmt in dieser Situation für ihn die Kunst ein? "Kunst ist sicher nicht nur ein reiner Beobachter. Aber man darf sie nicht instrumentalisieren. Sie ist weniger für die Dokumentation, sondern mehr für die Vision zuständig. Sie spürt möglichen Zukunftsentwicklungen nach. Natürlich steht sie nicht außerhalb der Gesellschaft. Sie ist ein Teil von ihr. Aber sie braucht Freiräume." Genau deswegen ist es für Slagmuylder wichtig, nicht nur die einzelnen Kunstszenen der Stadt kennenzulernen, sondern auch ihre Stimmungen, ihre Spannungen, ihr Funktionieren, ihre gesellschaftlichen Zusammenhänge.

Er sehe die Wiener Festwochen zwar international in der Ausrichtung, aber lokal in ihrer Verankerung, erklärt der Intendant. "Natürlich wird es einzelne Projekte geben, die man auch anderswo sehen kann. Aber wichtiger ist es, etwas speziell für hier zu kreieren. Dazu muss man mir aber etwas Zeit geben. Für mich ist das erste Jahr eines, in dem ich mir Dinge anschaue, um herauszufinden, was ich verändern will, und um herauszufinden, was hier und jetzt gebraucht wird."

Eine seiner ersten Beobachtungen: "Viele Dinge haben hier großes Gewicht und damit auch großes Beharrungsvermögen. Die Festwochen haben große Partner, bei denen viele Mitarbeiter involviert sind. Es scheint schwierig, sich Spontaneität zu bewahren." Fürs erste arbeitet er mit demselben Team. "Das ist auch eine Frage des Respekts für jene, die hier seit vielen Jahren Hervorragendes leisten. Ich will nicht der Arrogante sein, der mit seiner eigenen Mannschaft kommt. Ich kann nur gewinnen, wenn ich möglichst viele von meinen Vorhaben überzeugen kann."

Am 14. Februar wird Christophe Slagmuylder sein erstes Programm vorstellen. Und schon jetzt lässt sich sagen, dass man den neuen Wind, den er bringt, spüren wird. Der neue Intendant hat die Clubschiene "Hyperreality" eingestellt. "Ich möchte keine Clubbings veranstalten. Dazu braucht man die Festwochen nicht." Er überlegt, welche Rolle Oper im Festwochen-Rahmen in der Musikstadt Wien künftig spielen soll. Bereits jetzt ist eine andere Zielrichtung klar: Der große Tanker Festwochen soll wieder flotter, wendiger werden. Das wird sich auch in einer größeren Fülle von Schauplätzen niederschlagen. "Ich möchte die Tatsache, dass wir keine eigene Festivalbühne haben, in einen Vorteil ummünzen. Wir werden nomadischer werden, uns viel bewegen und temporäre Festivalzentren auch außerhalb der Innenstadt etablieren."

Das traditionelle Eröffnungsfest am Rathausplatz bleibt zwar diesmal unangetastet, doch abgesehen davon wird das ganze Eröffnungs-Wochenende in Wien-Donaustadt stattfinden, rund um ein großes Projekt, über das er noch nichts verraten will. Auch das Volkstheater und das Hamakom Theater am Nestroyplatz werden intensiv bespielt. Statt des angekündigten, aber von seinem Vorgänger Tomas Zierhofer-Kin noch nicht fixierten großen Filmprojekts von Paul McCarthy werde es "eine sehr interessante Zusammenarbeit mit Filmemachern" geben.

Man merkt Christophe Slagmuylder an, wie viel Veränderungswille und Enthusiasmus bereits in seinem ersten Programm steckt. Doch bevor er so richtig ins (Aus-)Plaudern kommt, ruft er sich auch schon zur Ordnung: "Halt. Jetzt habe ich eigentlich schon zu viel verraten. Es muss ja noch etwas für unsere Pressekonferenz übrig bleiben..."

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