Dossier
Sonntagsmagazin-Spezial

1968: Ein Sonderheft

Jugendrevolten, Vietnamkrieg und Politmorde. Love, Peace, aber nicht immer Happiness. Das Jahr 1986 hat die Welt nachhaltig geprägt. Ein Sonderheft zum 50er einer bewegten Ära.

Das legendäre Jahr 1968 - Zeit des Umbruchs und Höhepunkt der Studentenbewegung. Ein Sonderheft der Kleinen Zeitung mit folgenden Inhalten:

+ Bekenntnisse eines Polit-Ignoranten: Eine ganz persönlicher Rückblick auf das Jahr 1968.

+ Der große Konflikt der Generationen: Wie die 68er in Österreich und Deutschland gegen die nicht aufgearbeitete Nazi-Vergangenheit der Eltern revoltierte.

 + Der Weg in die Gewalt: Im Jahr 1968 wurde die Keimzelle gelegt zu Terror-Organisationen wie der Baader-Meinhof-Bande.

+ War alles falsch? 68er-Veteran und Historiker Götz Aly über das Jahr 1968 und was davon bleibt.

 + Die vielen Farben des Protests: In den USA haben die US-Bürgerrechtsbewegung und die Proteste gegen den Vietnam-Krieg eine Welle losgetreten.

+ Eine Frage des Gewissens: Walter Kirchschläger erinnert sich an die Rolle seine Vaters beim "Prager Frühling".

+ "Seid Realisten, verlangt das Unmögliche!": Die Studentenprotest in Frankreich.

+ Die Kunst des Extrems: Die Kunst der Sechziger drängte ins Leben und rebellierte gegen die Ordnung.

+ Utopie der freien Liebe: 1968 und das Ende der bourgeoisen Besitzansprüche, die uneingeschränkte Triebentfaltung.

+ Sympathien für den Teufel und für "Mama": Rockmusik war der Soundtrack des Protests.

+ Zurück in die modische Zukunft: In den 1960er-Jahren gaben insbesondere fünf Designer modisch den Ton an.

+ Hippie, Hippie, Hurra! Friede, Freude, Blumenkranz - 1968 erlebte die Spezies Hippie ihre Blütezeit.

+ "Individualismus ist politisch völlig unwirksam": Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier über die heutige Jugend, ihre Selbstoptimierung und politisches Desinteresse.

+ Was ist für Sie vom Jahr 1968 geblieben? Prominente Österreicher erinnern sich an die Zeit des Umbruchs.

+ Die Achter im Rad der Geschichte: Auch die friedfertige Individual-Anarchie feiert ihren 50er. Momentaufnahmen aus bewegten Zeiten.

 

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Ein 68er erinnert sich

Bekenntnisse eines Polit-Ignoranten

Mein 1968 - für manche war dieses Jahr eher die Zeit persönlicher Revolten und weniger des politischen Umbruchs. Der Autor dieses Textes war einer von denen.

 Die Erinnerung ist ein nonchalanter Betrüger. Vor allem, wenn sie einen selbst betrifft. Natürlich habe ich, Pflasterstein und Molli in den Händen, 1968 Dutzende Demos angeführt. Natürlich hatte ich die Kritische Theorie der Philosophen Adorno, Horkheimer, Habermas & Co im kleinen Finger. Natürlich habe ich am hochrangigen antiimperialistischen Diskurs teilgenommen. Natürlich war ich bei Kunst und Revolution, der sogenannten Uni-Ferkelei, in Wien anwesend und habe für Günter Brus das Toilettenpapier parat gehalten. Und, na ja, Kaufhäuser habe ich keine angezündet, bloß im Rahmen eines Roadtrips durch England einmal ein paar Fischkonserven geklaut.

Womit wir der tatsächlichen Wahrheit etwas näher sind: Nein, kein Molotowcocktail, keine Pflastersteine, vielmehr habe ich durchaus begehrlich den blanken Busen der anmutigen Kommune-1-Ikone Uschi Obermaier bewundert und mir gewünscht, wenigstens für eine Nacht Rainer Langhans zu sein. Nein, auch die Kritische Theorie kannte ich nur vom Hörensagen. Lieber trug ich Taschenbücher von Albert Camus oder Jean-Paul Sartre dekorativ herum. Und auch mit dem antiimperialistischen Diskurs war es nicht weit her. Ab und zu wachelte ich mit einer geschenkten Mao-Bibel herum; ansonsten besserte ich mit einer grafischen Version von Alberto Kordas berühmtem Guevara-Porträt mein Studentenbudget auf.

Die sogenannte Uni-Ferkelei ging völlig an mir vorbei, weil ich kaum Zeitung las und außerdem am 7. Juni 1968 gehörig unter Maturastress stand.

Morde

Man könnte meinen damaligen Zustand eventuell mit einem Zitat des legendären Satirikers Otto Grünmandl zusammenfassen: Politisch bin ich vielleicht ein Trottel, aber privat kenn ich mich aus.
Ich war damals viel zu sehr mit mir beschäftigt, um mich dem Weltgeschehen und seinen Umbrüchen gebührlich zu widmen. Ja, die Morde an Robert Kennedy, Martin Luther King und Malcolm X nahm ich bestürzt zur Kenntnis. (Das im Juni 1968 von Lieutenant William Calley koordinierte Massaker im vietnamesischen My Lai mit 504 ermordeten Zivilisten wurde ja erst im Jahr danach ruchbar.)

 

Foto © Martin Luther King Jr.

Als am 21. August Truppen des Warschauer Pakts in Prag einmarschierten, war mir die Tragweite überhaupt nicht bewusst. In aller Naivität hielt ich das für eine innerkommunistische Angelegenheit, die uns nicht groß berühren müsse.

Ich war zu dieser Zeit per Autostopp in England unterwegs, wo der vorangegangene „Summer of Love“ noch deutliche und bunte Spuren hinterlassen hatte. Ich schlief in Parks, aß in Billig-Kiosks und in der Londoner Carnaby Street erstand ich ein paar Klamotten, die mir den Respekt meiner Freunde und das Entsetzen meiner Eltern sichern würden. Den Soundtrack lieferten die Beatles („Hey Jude“), die Stones („Jumping Jack Flash“), Love Affair („Everlasting Love“), Manfred Mann („Mighty Quinn“) und viele mehr.

 

Im Kino reüssierten Stanley Kubricks „Odyssee 2001“ und Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“. Sowohl der lakonische Sci-Fi-Streifen wie auch die Gewalt-Oper, vom Komponisten Ennio Morricone zusätzlich intensiviert, trafen den Geist der Zeit präzise.
Diverse Lederhosen-Sexklamotten oder die Zuckerbäcker-Erotik der „Angélique“-Serie oder Oswalt Kolles „Aufklärungs“-Filme hinkten ihm indes hinterher. Abgesichert durch die Antibabypille, angestachelt durch diverse Rocksongs und noch in sicherem Abstand zum HI-Virus taten wir die ersten Schritte in Sachen freier Sex: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“, lautete eine rotzfreche Devise dieser Zeit. Für mich hätte eher „Wer so spät mit der Ersten pennt ...“ gegolten. Denn spät, aber doch wurde ich in diesem Jahr von meiner Jungmännlichkeit befreit. - Für die Welt ohne Bedeutung, für mich die Erlösung.

„Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“

Ein Spruch der 68er

1968 war eine atmosphärische Zwischenzone: Das erste Herz war verpflanzt, in Griechenland herrschten die Militärs, bis zu den Manson-Morden und dem Triumph von Woodstock sollte es noch ein Jahr dauern. Wir waren aber von einer euphorischen Renitenz durchflutet, die nichts mit den fiebrigen Empörungsgewittern in den sozialen Netzen von heute zu tun hatte.

Im Herbst kam ich in die steirische Landeshauptstadt Graz, um zu studieren. Völlig desinformiert inskribierte ich diverse Studienrichtungen, bloß, um dann deren Vorlesungen und Seminare zu schwänzen.

Massenrevolte war mangels Mittun der Arbeiterschaft hierorts kein großes Thema. Natürlich rumorte es in Künstler- und Intellektuellenkreisen. Aber der kluge Kulturlandesrat Hanns Koren leitete sie in den neu begründeten „steirischen herbst“ um. Bühne statt Straße. Immerhin gab es ein paar Typen mit ein paar flotten Aktionen, die den neuen Widerstand auch an die Mur brachten. Allerdings in durchaus bekömmlicher Form.

Da waren etwa Helmut Strobl, später Kulturstadtrat in Graz, der Wehrdienstverweigerern, so auch mir, zur Seite stand, lange bevor es einen Zivildienst gab. Oder die Gebrüder Waal, später hoch angesehene Lehrer, Politiker und Wissenschaftler, die mit Sinn für Humor protestierten. Und ein paar andere.

Sie waren älter als ich und ich - vielleicht aus unnötigem Respekt - drang damals nicht in ihre Kreise vor. Ich hielt mich an Wolfgang Pumpernig, selig, dessen clowneske Anarchie mir entgegenkam, weil ich einem sehr disziplinierten, bürgerlichen Elternhaus entronnen war. „Pugi“ machte mich mit Guevaras „Bolivianischem Tagebuch“ vertraut, mit dem Guerilla-Priester Camilo Torres und nahm mich zu privaten Protestaktionen mit. - Mein Interesse für den lateinamerikanischen Befreiungskampf sollte noch über Jahre wach bleiben, wenngleich ich heute weiß, dass der einstige Idealist Guevara zum politischen Irrlicht mit Latenz zum Töten mutiert ist.

Eines Nachts schändeten wir die Fassade eines Grazer Gymnasiums mit einem, nach Auges Meinung, faschistoiden Direktor. Mangels Spraydosen mussten wir die Botschaft mit Farbküberl und Schuhbürsterl anbringen. Sie lautete: „Hofrat M. parfümiert sich, weil's in der Schule stinkt“. Das dauerte halt seine Zeit und kostete mich etliche Tropfen Angstschweiß. Zumal die damals noch existierende Zeitung „Tagespost“ uns „Vandalen“ eine kurze Meldung widmete, betrachteten wir unsere Mission als erfüllt.
Nein, ich habe 1968, als das Jahr im Gange war, es in seiner historischen Bedeutung nicht erkannt. Und vielleicht wird es ja als enger Zeitraum auch überschätzt. Die Revolte begann zweifellos schon früher und währte auch noch länger.

Aber wenn 50 Jahre danach ein FPÖ-Politiker noch fordert, die „Hegemonie der 68er zu brechen“, und eine „konservative Konterrevolution“ ausruft, dann haben die 68er durchaus ihre Wirkung bestätigt.

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1968 in den USA

Die vielen Farben des Protests

In den USA haben die Bürgerrechtsbewegung und die Proteste gegen den Vietnam-Krieg eine Welle losgetreten, die in der Folge auch auf Europa überschwappte.

Als am 22. November 1963 mitten in Dallas die Gewehrschüsse von Lee Harvey Oswald den amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy in dessen offenem Wagen trafen und tödlich verletzten, waren nicht nur die USA, sondern große Teile der Weltöffentlichkeit geschockt. Mit dem jungen Präsidenten hatten sich so viele Hoffnungen auf eine gerechtere Gesellschaft verknüpft, er galt mit seinem Charisma als Garant für das Abwerfen alter Fesseln und für die Durchlüftung des eigenen Landes und der Welt. Er erschien vielen Menschen als die personifizierte Antwort auf die Trägheit, die sich im Jahrzehnt zuvor in den USA und in der westlichen Welt breitgemacht hatte. Und tatsächlich hatte er der jungen Bürgerrechtsbewegung, die für die Gleichstellung der Afroamerikaner eintrat, ein Bürgerrechtsgesetz versprochen, und dieses Versprechen brachte ihm die entscheidenden Stimmen im Wahlkampf von 1960. Erstmals berief Kennedy sodann auch Afroamerikaner in hohe politische Funktionen.

Seit Rosa Parks aus Alabama sich 1955 geweigert hatte, im Bus ihren Sitzplatz für einen Weißen zu räumen, was zu Tumulten führte, war die Rassenfrage auf der politischen Agenda der USA. Der Baptistenpfarrer Martin Luther King stellte sich an die Spitze der Bürgerrechtsbewegung, und als 250.000 Menschen im August 1963 durch Washington zogen, rüttelte er mit seiner Rede („I have a dream - Ich habe einen Traum“) Amerika und die Welt auf. Und tatsächlich entwickelte die Kennedy-Administration ein Bürgerrechtsgesetz, das schließlich 1964 unter Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson beschlossen wurde.

Foto © Rosa Parks nach ihrer Verhaftung

Aber es war auch Kennedy, der die USA ohne Kriegserklärung bereits in den Vietnamkrieg stolpern ließ. Dennoch war es erst sein Nachfolger, der 1964 offiziell in diesen Krieg eintrat und letztlich auch dafür als verantwortlich gebrandmarkt wurde. Es waren diese beiden Problembereiche, an denen sich in den USA und von dort ausgehend in weiten Teilen der Welt eine Protestbewegung gegen die behäbigen Fünfzigerjahre entzündete. Die Eisenhower-Ära, die Babyboomer, die Vorstadtbewohner mit den gepflegten Vorgärten und den großen Autos, die heile Welt, all das wurde von einer kritischen jungen Generation hinterfragt. Dabei war diese Generation, soweit sie weiß war, relativ unbekümmert aufgewachsen.

Als aber ein Studierendenprojekt 1963 viele dieser jungen Leute in den Süden brachte, wo sie im „Mississippi Freedom Summer“-Projekt die Arbeit in den Plantagen kennenlernen sollten, veränderte das die Wahrnehmung. Plötzlich stand man vor Toilettentüren mit der Aufschrift „Schwarze“ oder „Weiße“, man sah die getrennten Schwimmbäder und die getrennten Parkbänke. Aus Entsetzen wurde Solidarität. War man in Anzug oder Petticoat angereist, so kehrte man mit Latzhose, der Bekleidung der Farmarbeiter und Vorläufer der Blue Jeans, in die Elternhaushalte zurück. Ein Generationskonflikt begann mit Kleidung, Haartracht und mit neuer Musik.

Martin Luther King bestand auf seiner Ethik der Gewaltlosigkeit und setzte auf das Wort als Waffe, aber vielen jungen Schwarzen war das nicht genug. Es etablierte sich die Black Power, eine Bewegung, für die Martin Luther King zu sanft und zu kompromissbereit war. Sie setzten auf radikalere Protestformen, entdeckten ihr afrikanisches Kulturerbe, ließen sich die Haare nicht länger glätten und nannten sich Black Muslims und wechselten die Religion. Malcolm X, der radikale Anführer der „Nation of Islam“, wurde 1965 ermordet, was zur weiteren Radikalisierung führte. Aus Cassius Clay, dem umjubelten Boxchampion, wurde Muhammad Ali, und die Black Panthers zeigten bei den Olympischen Spielen von 1968 in Mexico City die Faust im schwarzen Handschuh.

 

Foto © Tommie Smith und John Carlos mit dem Black-Panther-Salute bei den Olympischen Spielen in Mexico

Afroamerikanische Kleidung, gekraustes Haar (im Musical „Hair“ 1968 zum Kult erhoben), afrikanische Wurzeln, konstruierte moslemische Tradition, eine neue, eigene Musik, all das grenzte die weißen Unterstützer der Bürgerrechtsbewegung bald aus. Und als Martin Luther King am 4. April 1968 in Memphis, Tennessee, von einem Rassisten erschossen wurde, war der Traum eines gemeinsamen Weges zu einer gerechteren Gesellschaft für längere Zeit ausgeträumt.


Überlappend, aber nicht deckungsgleich mit der Bürgerrechtsbewegung, entfaltete sich der Protest gegen das amerikanische Engagement in Vietnam. Bis in die sechziger Jahre waren die amerikanischen Soldaten in ihrer Heimat als Helden angesehen worden. In den Dörfern band man gelbe Bänder um die Bäume („Tie a yellow ribbon round the old oak tree“), um den tapferen Heimkehrer zu begrüßen. Doch nun war alles anders. Das Fernsehen brachte erstmals die Grausamkeit des Krieges in die Wohnzimmer der Nation, man sah die Toten, die Verwundeten, man sah die Entlaubungen und man sah das Massaker von My Lai. Die amerikanische Gesellschaft hatte für die Heimkehrer keinen Platz mehr im Olymp der Helden, als oftmals kaputte Existenzen lebten viele ausgegrenzt in den Wohnwagenquartieren am Rande der Städte oder in den Elendsvierteln.

In diesen Krieg wollten die meisten jungen Amerikaner nicht ziehen. An den Universitäten wurde gegen den Einsatz der Forschung für militärische Zwecke protestiert, und als die allgemeine Wehrpflicht auch die Studierenden zu erfassen begann, regte sich Protest. „We won't go“ skandierte man an den Universitäten, verbrannte Einberufungsbefehle und verhinderte, dass die Militärbehörden Einsicht in die Personalakten der Studierenden erhalten konnten. Das Land war in Aufruhr, dieser Krieg war nicht mehr patriotisch interpretierbar. Viele junge Studierende gingen über die grüne Grenze nach Kanada, um der Einberufung nach Vietnam zu entgehen. Manche bessergestellten jungen Leute konnten, wie Bill Clinton, auf ein Auslandstudium nach Europa gehen, für andere, wie etwa für George W. Bush, richteten es die Väter. Der junge Bush konnte seinen Militärdienst im Land ableisten.


Präsident Johnson verzichtete angesichts dieser Proteste auf die Kandidatur für eine weitere Amtszeit. So entbrannte unter den Demokraten ein erbitterter Vorwahlkampf, dessen dramatischer Höhepunkt die Ermordung von Robert Kennedy, dem jüngeren Bruder von John F. Kennedy, am 6. Juni 1968 in Los Angeles war. Der Wahlkampf stand ganz im Zeichen des Krieges, und dass am Ende Richard Nixon von den Republikanern als Sieger hervorging, zeigte an, dass in der breiten Öffentlichkeit die Sehnsucht nach den ruhigeren Zeiten unter Eisenhower, als dessen Vizepräsident Nixon agiert hatte, bereits die Oberhand gewonnen hatte.

Die politische Zielrichtung der Proteste, sowohl des afroamerikanischen Protests als auch der Antikriegsbewegung, war allerdings mit den Schüssen auf Martin Luther King und auf Robert Kennedy brutal gestoppt worden. Man nahm schmerzhaft zur Kenntnis, dass es eine schweigende Mehrheit gab, für die die Anliegen der Protestbewegung absolut fremd waren.

Aber sowohl die Inhalte als auch die Formen des Protests hatten weltweite Beispielswirkungen. Sie waren die Folie, vor der auch in Europa jene Ereignisse abliefen, die man gemeinhin unter der Chiffre „1968“ zusammenfasst. Auch hier rief man „Ho. Ho Ho Chi Minh“ oder protestierte mit einem „Sit In“. Auch hier veränderten sich die Bekleidungsformen und die sexuellen Normen, auch hier ließ man sich nun die Haare wachsen. Aber die nationalen Besonderheiten zeigten doch gravierende Unterschiede, und die Jugend der westeuropäischen Länder hatte durchaus ihre unterschiedlichen Feindbilder und spezifischen Herausforderungen.

Terror

Baader-Meinhof-Bande: Der Weg in die Gewalt

Im Jahr 1968 wurde die Keimzelle gelegt zu Terror-Organisationen wie der Baader-Meinhof-Bande, die vor allem in den 70er-Jahren eine blutige Spur hinterließ.

Die Generation 1968 träumte von einem Leben ohne Gewalt. „Make love, not war“, war die Parole, aber man sah Gewalt nicht nur als militärische oder polizeistaatliche Machtausübung, sondern benannte auch die strukturelle Gewalt, die aus der Konstruktion einer kapitalistischen Gesellschaft mit ihren Zwängen erwuchs. Die Theoretiker erklärten den Zusammenhang von Kapitalismus und Faschismus, und manche jungen Menschen erhofften sich ganz neue gesellschaftliche Organisationsformen.

In Deutschland und abgeschwächt auch in Österreich lief diese Diskussion. Während aber in Österreich die SPÖ seit 1966 in Opposition war und es Bruno Kreisky gelang, viele der jungen Heißköpfe in sein Alternativprogramm zur Regierung einzubinden, indem er versprach, das „moderne Österreich“ zu bauen - immerhin blieben die Reduzierung der Wehrdienstzeit, die Hochschulreform und die Abschaffung des § 144, der strafrechtlichen Verfolgung des Schwangerschaftsabbruchs -, war die Situation in Deutschland ganz anders.

Foto © Willy Brandt (l) und Kurt Georg Kiesinger

Dort war 1966 die bürgerliche Regierung unter Ludwig Erhard durch ein „konstruktives Misstrauensvotum“ gestürzt worden, und mit diesem Gegenangebot an Mehrheiten war eine Große Koalition zustande gekommen. Kurt Georg Kiesinger von der CDU war neuer Kanzler, Willy Brandt von der SPD sein Vizekanzler. Das war, gelinde gesagt, ein seltsames Gespann. Brandt war der populäre Oberbürgermeister von Berlin, eine Hoffnung der Linken, im Krieg Emigrant. Kiesinger war schon 1933 der NSDAP beigetreten und hatte Funktionen in der Propagandamaschinerie der Nazis erreicht. Beate Klarsfeld, eine engagierte deutsch-französische Journalistin und Aufklärerin von Naziverbrechen, ohrfeigte Kiesinger im November 1968 auf offener Bühne am Podium des CDU-Parteitages und rief: „Nazi, Nazi, Nazi!“

Die SPD war mit diesem Regierungspartner keine Option für junge kritische Linke. Zudem hatte die Regierung im Mai 1968 das eben beschlossene Grundgesetz der BRD um die Notstandsgesetze erweitert, die der Staatsmacht Handlungsvollmachten in Krisensituationen ermöglichten. Das war als Antwort auf den Mai in Paris zu sehen, wo de Gaulle ausgeflogen werden musste, weil Studierende und streikende Arbeiter die Straßen beherrschten. Kritiker befürchteten, dass das Notstandsgesetz eine Art Ermächtigungsgesetz sein könnte, mit dem 1933 die Nazis die parlamentarische Opposition ausgeschaltet hatten.
Da aber beide Großparteien hinter dem Gesetz standen, es also praktisch keine parlamentarische Opposition gab, verstärkte sich die seit der Bildung der Großen Koalition aktive Außerparlamentarische Opposition (APO). Sie sah den Staat zunehmend als Polizei- und Überwachungsstaat.

Schon ein knappes Jahr zuvor, am 2. Juni 1967, war bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien in Berlin Benno Ohnesorg, ein Pazifist und Mitglied der evangelischen Studentengemeinde, erschossen worden. Die Hintergründe zu dieser Tat wurden erst Jahrzehnte später ausgeleuchtet. Aber die Stimmung heizte sich auf. In Berlin erklärten einige Medien Rudi Dutschke zum Volksfeind Nummer 1, und Populärmedien („Bild“, „Berliner Morgenpost“, „Bravo,“ „Eltern“, „Jasmin“ etc.) machten Stimmung gegen die langhaarigen Studierenden, die in der besonderen Situation Berlins als Agenten des Ostens angesehen wurden. Am 11. April 1968 schoss ein junger Hilfsarbeiter auf dem Kurfürstendamm auf Rudi Dutschke und verletzte ihn schwer. Er sollte an den Spätfolgen ein Jahrzehnt später sterben.

Foto © Rudi Dutschke

In dieser komplexen Lage mit der geringen Hoffnung zur Durchsetzung politischer Forderungen bildeten sich in der Außerparlamentarischen Opposition zwei unterschiedliche Richtungen. Eine setzte auf den „langen Marsch durch die Institutionen“, auf eine Änderung der SPD von innen heraus. Ein anderer Flügel setzte auf Aktionen bis hin zur Gewalt. Schon im April 1968 wurden in zwei Frankfurter Kaufhäusern Brände gelegt, und eine Gruppe um Gudrun Ensslin und Andreas Baader erweiterte sich im Prozess um die Journalistin Ulrike Meinhof. Daraus erwuchs die „Rote Armee Fraktion“ (RAF), deren Aktionen und Attentate das politische Klima der Folgejahre bestimmten. Als Baader-Meinhof-Bande ging die Gruppe in die Geschichte der Bundesrepublik ein.

Foto © Ulrike Meinhof

Es ging um Aufmerksamkeit, um die Hegemonie im politischen Diskurs. Das setzte eine Spirale der Gewalt in Gang, die letztlich zu 33 Morden führte, zu Banküberfällen, Geiselnahmen und Entführungen. Dramatischer Höhepunkt war die Entführung und Ermordung des Präsidenten der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände, Hanns Martin Schleyer, am 18. Oktober 1977. Deutschland war endgültig in seinem Herbst der politischen Auseinandersetzung angekommen. Diese Entführung und Ermordung war die Rache der RAF für den Tod von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe im Gefängnis Stuttgart-Stammheim in einer Todesnacht, um die sich bis heute Verschwörungstheorien ranken.

 

Foto © Der entführte Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer

Künstler wie Gerhard Richter in seinen Bildern und Fotos oder Heinrich Böll in seinen Texten zeigten die Ambivalenz dieses Jahrzehnts. Die öffentliche Meinung hingegen war eindeutig. Die Gegensätze waren unüberbrückbar und konnten nur durch eine völlige Ausschaltung der RAF gelöst werden. Das ist schließlich gelungen, aber das Beispiel machte Schule. In Italien waren 1970 die „Brigate Rosse“, die Roten Brigaden, entstanden, die das Land einige Zeit in Atem halten sollten. Und selbst nach Österreich griff das Beispiel über. Am 8. November 1977 wurde der Industrielle Walter Michael Palmers entführt, 100 Stunden festgehalten und erst gegen die Zahlung eines Lösegelds von 31 Millionen Schilling freigelassen. Die Aktion blieb zum Glück unblutig. Aber der deutsche Terror fand international seine Nachahmer. Die Protestbewegung des Jahres 1968 hinterließ also nicht nur den „Summer of Love“, sondern auch für einige Jahre eine Geschichte der Gewalt.

Götz Aly im Interview

Erinnerungen an 1968: War alles falsch?

Ein Veteran blickt irritiert zurück: Der Berliner Historiker Götz Aly über das Jahr 1968 und was davon bleibt. Ein Gespräch.

Warum weckt 1968 selbst so viele Jahre danach noch so starke Emotionen?
GÖTZ ALY: Diese Revolte hatte etwas sehr Rechthaberisches. Sie hat Menschen hervorgebracht, die glaubten, auf der besseren Seite der Menschheit zu stehen. Ohne selber eine reale Leistung zu vollbringen, haben sie daraus ein Gefühl der moralischen Überlegenheit abgeleitet. Dieser Gestus ist den Achtundsechzigern geblieben. Wenn ich zum 65. Geburtstag eines ehemaligen Genossen eingeladen bin, dann treffe ich auf eine von sich überzeugte Gesellschaft, die revolutionsselig ihre Sturm-und-Drang-Zeit als Geschichte einer frommen Heilsarmee verklärt. Versucht man, dieses Selbstbild zurechtzurücken, reagieren viele empfindlich.

Sie gehörten damals zu den radikalsten Revoluzzern. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?
GÖTZ ALY: 1968 war wie eine religiöse Erweckungsbewegung. Und es funktionierte auch wie eine Sekte. Wir waren die Wiedertäufer der Wohlstandsgesellschaft. Das Verstörende daran ist, wie rasch wir uns eine eigene innere und nach außen hermetisch abgeriegelte Wahrheit geschaffen haben, die fern jeder Realität war.

In Ihrer furiosen, in Buchform erschienenen Abrechnung mit 1968, „Unser Kampf“, schreiben Sie, Sie hätten Dinge getan, für die Sie sich heute schämten. Was für Dinge meinen Sie denn?
GÖTZ ALY:
Da ist ein besonders schäbiges Flugblatt, mit dem wir 1971 zur „Schweinejagd“ an der Freien Universität in Berlin aufgerufen haben. Die „Schweine“ waren liberale Professoren. Sie und nicht die alten Nazis, die zum Teil offen mit uns sympathisierten, waren unsere Hauptfeinde, weil wir sie für die klugen Charaktermasken des kapitalistischen Systems hielten. Was mir heute am peinlichsten ist: Das größte „Schwein“ war Richard Löwenthal, der als Jude verfolgt worden und trotzdem aus dem Exil zurückgekehrt war. Er wurde auf der Karikatur mit dem antisemitischen Schlachtruf „Hepp!“ auf dem Misthaufen der Geschichte entsorgt.

Für Sie ist der Exzess im Rückblick kein Zufall. Warum?
GÖTZ ALY: 1968 war getrieben von den Pathologien des 20. Jahrhunderts. So wie unsere Väter, die sich als Junge für die Nationalsozialisten begeistert hatten, wollten auch wir Achtundsechziger eine neue Welt erschaffen. So wie sie dachten wir in einem Freund-Feind-Schema und haben die Kuhwärme des Kollektivs gesucht. Und so wie sie waren auch wir bereit, die Hindernisse auf dem Weg ins Gelobte Land mit Gewalt aus dem Weg zu räumen. Wenn man heute im Tagebuch von Rudi Dutschke liest, dann ist das von A bis Z revolutionsromantisches, totalitäres Denken. Als sein Kampfgenosse Fritz Teufel ins Gefängnis musste, hielt Dutschke eine Rede, in der er an den Brand des Wiener Justizpalastes im Jahr 1927 erinnerte. Das war ein klarer Aufruf zur Gewalt!

Aber trennt die Achtundsechziger insgesamt nicht mehr von ihren Vätern, als sie verbindet?
GÖTZ ALY: Unsere Väter waren vom Krieg schwer traumatisierte, schwache Individuen. Spätestens 1945 war ihnen klar, dass sie für die falsche Sache gekämpft hatten. Das hat zu verhärteten Familien und seltsamen Autoritäten geführt, die wussten, dass sie keine waren. Dieser Enge wollten wir entfliehen. Doch wir haben vom totalitären Gift mehr abgekriegt, als uns bewusst war.

Viele Achtundsechziger halten sich zugute, erst ihr Protest habe zu Demokratisierung, zu sexueller Befreiung und intensiver Beschäftigung mit der NS-Zeit geführt. Wollen Sie das leugnen?
GÖTZ ALY: Das ganze Gerede ist doch Quatsch! Die Ludwigsburger Zentrale Stelle für NS- und Kriegsverbrechen wurde bereits 1958 gegründet, ab 1963 fanden die Auschwitz-Prozesse statt. Als die Revolte losbrach, waren die gesellschaftlichen Reformen in der Bundesrepublik voll im Gange; zur sexuellen Selbstfindung hat Oswalt Kolle mit seinen populären Filmen sicherlich mehr beigetragen als irgendwelche Kommunarden, die sich nackt auszogen und auf Gruppensex machten. Aufklärerisch-emanzipatorisch wäre es gewesen, die Angebote anzunehmen, die damals zur Genüge auf dem Tisch lagen. Doch wir haben nicht mitgemacht. Wir haben in den Abgrund von Auschwitz geblickt und sind zurückgeschreckt. Wir haben die große Schuld der Deutschen auf die kleinere Schuld der Amerikaner im Vietnam draufgepackt und auf den Demos „USA, SA, SS“ gebrüllt. Anstatt unser bipolares Gut-Böse-Denken zu überwinden, haben wir uns in die existenziell vereinfachte Logik des Schützengrabens eingesponnen.

War alles falsch?
GÖTZ ALY: Es war, wie es war. Wir waren Getriebene, hatten diesen Konflikt nicht in der Hand und konnten ihm nicht entrinnen. Karl Marx hat gesagt, die Geschichte finde einmal als Tragödie statt und wiederhole sich als Farce. Wenn dem so ist, war Adolf Hitlers Machtergreifung im Jahr 1933 die Tragödie und die Revolte von 1968 die Posse.

Was bleibt von 1968?
GÖTZ ALY: Das glückliche Scheitern unserer Ideen. Nach zehn, fünfzehn Jahren haben die meisten wieder ins bürgerliche Leben zurückgefunden. Anstatt den Schah in Teheran stürzen zu wollen, haben die einen nur noch Müsli gegessen. Die anderen wiederum haben in einer Mittwochgruppe nach dem G-Punkt gesucht oder Bürgerinitiativen für die Einrichtung von Spielstraßen gegründet. Aus Weltrevolutionären sind angepasste Bürger geworden. Und das ist gut so.

Zur Person

Götz Aly, geboren am 3. Mai 1947 in Heidelberg, ist Journalist und Buchautor. Er besuchte die Deutsche Journalistenschule in München und studierte in Berlin Geschichte und Politologie.

Zahlreiche Publikationen zum Nationalsozialismus. Zuletzt: „Europa gegen die Juden“.

1968 war Aly selbst Aktivist. Mit dem Buch „Unser Kampf. 1968 ein irritierter Blick zurück“ (S. Fischer) störte er 2008 die Jubiläumsseligkeit der Achtundsechziger.

1968 in Frankreich

„Seid Realisten, verlangt das Unmögliche!“

Vom Studentenprotest zur breiten Bewegung: Kein Land ist so dem Mythos von 1968 verbunden wie Frankreich. Was als Aufbegehren gegen verkrustete Uni-Strukturen begann, endete fast in einer Revolution.

"Ich habe im Pariser Mai 1968 gelernt: Eine depressive, leblose, unterwürfig schweigende oder herumjammernde Gesellschaft kann von einem Augenblick auf den anderen erwachen und sagen: So, jetzt ist Schluss! Und dann gerät alles aus den Fugen“, erinnert sich der Schriftsteller Hervé Hamon, ein Zeitzeuge des Pariser Mai 1968.

Alles begann damit, dass die Studenten für ihre ehrwürdige, angestaubte Universität Sorbonne eine Hochschulreform verlangten. An der Uni-Dependance in Nanterre starteten sie ihren Widerstand. Ein aufmüpfiger, rotschopfiger Deutscher spielte dabei eine Schlüsselrolle: Daniel Cohn-Bendit. Sohn einer deutsch-jüdischen Mutter und eines französischen Vaters, aufgewachsen in Frankreich und Deutschland, deutsche Staatsangehörigkeit. „Und im Sommer 1968„von de Gaulle als ,deutscher Jude' aus Frankreich ausgewiesen“, erinnert sich Alice Schwarzer in einem „Emma“-Beitrag an Cohn-Bendit, „und die Kameraden von ,Daniel le Rouge' protestierten: ,Nous sommes tous des juifs allemands!' - Wir sind alle deutsche Juden.“ Der Zuspruch für die Studentenproteste war nirgends größer als in Frankreich. Deren Parolen „Seid Realisten, verlangt das Unmögliche!“ oder „Es ist verboten zu verbieten!“ wurden rasch unterstützt.

Bald ließen sich die Arbeiter von der Revolte anstecken. Die Gewerkschaften riefen zum Generalstreik auf. Sie forderten höhere Mindestlöhne, kürzere Arbeitszeiten, Mitbestimmung. Im Mai 1968 wurde in Frankreich etwas Wirklichkeit, was in anderen Ländern über die Probe nicht hinauskam: Studentischer Protest verband sich mit dem Aufbegehren der Arbeiter. Beide Gruppen waren sich in einem einig: „De Gaulle adieu!“, so skandierten sie lautstark.

In atemberaubender Geschwindigkeit war der Studentenprotest in den Barrikadenaufstand mit Hunderten Schwerverletzten gemündet, die Straßenschlacht in den Generalstreik und dieser in eine schwere Prüfung für das Regierungssystem von Präsident Charles de Gaulle und seinen Premier Georges Pompidou. Dass die in Frankreich nach dem Krieg einflussreiche Kommunistische Partei gegen die Proteste war, führte letztlich zu ihrem Niedergang.
„Die Wurzeln des Mai 68 reichen weiter zurück“, schreibt der Physiker Alain Geismar, neben Cohn-Bendit einer der Anführer der Studentenproteste, im „Spiegel“. Nach Streiks in den Kohlegruben Nordfrankreichs 1963 hatte Präsident Charles de Gaulle die Region unter militärische Kuratel gestellt. Die Kumpel hatten ihren Ausstand dennoch fortgesetzt.

1963 findet auch das Festival von „Salut les copains“ statt, „ein frühes französisches Woodstock“, erklärt Geismar, „bei dem sich bei amerikanischer Musik rund 100.000 Jugendliche aus dem Bürgertum und aus den Arbeitervorstädten verbrüdern“.

Foto © Daniel Cohn Bendit, genannt "Dany le Rouge"

Nach den Jahren der Zerwürfnisse habe Frankreich 1968 nach innen geschaut, auf die Ungleichheiten und die gesellschaftlichen Verwerfungen. Im Winter 1967 streikten die Textilarbeiter in Lyon. „Als die Rezeptgebühr erhöht werden soll, bricht in Le Mans offener Aufruhr aus, der brutal niedergeschlagen wird, und während eines Tarifstreits in Caen bauen junge Metallarbeiter erstmals Barrikaden. Erst drei Jahre zuvor ist der blutige Algerienkrieg mit der Unabhängigkeit der französischen Kolonie beendet worden“, erörtert Geismar.

1968 sollte schließlich das Jahr werden, das Frankreich veränderte. Auf Initiative von Premier Georges Pompidou kam es zu Verhandlungen mit den Arbeitern, Ende Mai wurde das „Abkommen von Grenelle“ geschlossen, der Mindestlohn wurde um 35 Prozent erhöht, die Arbeitszeit verkürzt, es gab arbeitsrechtliche Verbesserungen. Ab diesem Zeitpunkt war die Revolte gebrochen. De Gaulle kündigte Neuwahlen an, Ende Juni wurde die konservative Regierungspartei überragend an der Macht bestätigt.

Was blieb von 1968? Eher linke Gruppen interpretieren den Mai 68 als überfälligen Bruch mit der autoritär und stark hierarchisch geprägten französischen Gesellschaftsordnung, für Konservative wurden Autoritäten wie der Staat durch die Revolte beschädigt. „Unbestritten ist, dass sich der französische Mai 1968 unmittelbar in einen Umbau der Parteienlandschaft, der politischen Kultur und des Wertegefüges“ Frankreichs einfügte, analysiert Kulturwissenschaftler Ingo Kolboom in einem Beitrag für die deutsche „Bundeszentrale für politische Bildung“.
Für Frankreichs aktuellen Präsidenten Emmanuel Macron, Jahrgang 1977, spielt das Jahr 1968 eine geringe Rolle. Er denke nicht in links oder rechts, wie es damals üblich gewesen sei, sagt er. Frankreichs ehemaliger Präsident Nicolas Sarkozy hatte seine ganze Präsidentschaftskampagne 2007 noch unter das Motto gestellt, er wolle „das Erbe vom Mai 68 liquidieren“.

1968 und die Liebe

Utopie der freien Liebe

Das Ende bourgeoiser Besitzansprüche, die uneingeschränkte Triebentfaltung: Alles schien möglich anno 1968. Aber nur kurz. Heute wird wieder ganz anders theoretisiert.

Es gibt so Momente, da könnte man meinen, es hätte die letzten 50 Jahre nie gegeben. Jordan Peterson zum Beispiel verhilft einem zu solchen Momenten. Der kanadische Psychologe und Kulturkritiker, aktuell Liebkind der politischen Rechtsausleger in Amerika, hat jüngst in einem Interview mit der „New York Times“ Ideen dargelegt, die er auch in viel besuchten Vorträgen verbreitet. Männliche Gewalttätigkeit, findet er, ließe sich etwa durch „Zwangsmonogamie“ lösen: Indem man also Frauen an unattraktive Männer verheiratet - und derart vermeidet, dass Letztere aus sexueller Frustration aggressiv werden. Ähnlich argumentieren seit einiger Zeit sogenannte „incels“ („involuntary celibates“, unfreiwillig Zölibatäre), Gruppen rabiater Männerbündler, die im Web eine „sexuelle Umverteilung“ zu ihren Gunsten und damit einhergehend die Einschränkung von Frauenrechten propagieren.

Man kann und soll solche Machenschaften absurd finden oder dass sie jahrzehntelanges Ringen um Gleichberechtigung als Irrweg abtun. Aber man fühlt sich durch sie auch daran erinnert, warum einst die amerikanische Feministin Betty Friedan in ihrem Buch „Der Weiblichkeitswahn“ (1966) die Ehe als Unterdrückungsinstrument beschrieb. Oder daran, dass erst mit der berühmten Familienrechtsreform von 1975 Frauen in Österreich ohne Zustimmung ihres Ehemannes arbeiten gehen, über den gemeinsamen Wohnsitz mitentscheiden und ihren Familiennamen selbst wählen durften.

Friedan zählt mit Gloria Steinem zu den bekanntesten feministischen Vordenkerinnen der sogenannten zweiten Welle der Frauenbewegung, die, ausgehend von der „Women's Lib“-Bewegung in USA, in den 60er-Jahren tüchtig Fahrt aufnahm. Obwohl der Feminismus jener Jahre in den gesellschaftlichen Umbrüchen der 68er-Bewegung wurzelte, etablierte er sich recht bald mit eigenen Protestformen und fokussierte auf die Anliegen der Frauen.

Foto © Historisch: Frauenprotest gegen die "Miss America"-Wahl 1968

Wundern muss man sich darüber nicht: Ziemlich bald hatte sich die Verheißung sexueller weiblicher Autonomie durch die Verfügbarkeit der Pille als Mogelpackung erwiesen. Und die Versprechen der freien Liebe - keine bürgerlichen Besitzansprüche, keine einschnürenden Paarbeziehungen alter Schule, stattdessen uneingeschränkte Triebentfaltung und fröhliche Auslotung der „orgiastischen Potenz“ (Wilhelm Reich) - die waren, wie viele Frauen alsbald feststellen mussten, bloß neuere, attraktivere Ausformungen des hässlichen alten Patriarchats. Denn die gesellschaftlichen Mechanismen, die Frauen in männlicher Abhängigkeit hielten, von Simone de Beauvoir in „Das andere Geschlecht“ (1949) offengelegt, sie waren nach wie vor in Kraft. Und die Entfaltung der Sexualität, die Aufklärungsfilme wie Oswalt Kolles „Wunder der Liebe“ (1968) versprachen, sie überforderte letztlich viele der Rebellen, die alles anders machen wollten als ihre Eltern - und doch erwarteten, dass ihnen ihre Freundinnen den Tee brachten und die Blümchen auf die Hemden stickten. Die Liebe von alten Zwängen zu befreien, erwies sich als schwierig. Auch, wenn damit ein politischer Auftrag verbunden war: Schließlich macht nach Wilhelm Reich die sexuelle Unterdrückung die Menschen anfällig für den Faschismus.

Was lag da also näher als der Schluss, dass man zur Überwindung des Faschismus die Lust von ihren gesellschaftlichen und kulturellen Fesseln befreien müsse, Motto: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.“ Man kann sich über diese schlichte Logik mokieren, man muss aber auch die rigide Sexualmoral mitbedenken, die ihr vorausging: Sex war sündig, es gab keine Aufklärung und bitte keinen Geschlechtsverkehr vor der Ehe; diese diente der Fortpflanzung oder der „Kameradschaft“ zwischen Mann und Frau. Jungen Frauen wurde die unbedingte Bewahrung ihrer Jungfräulichkeit eingebläut: „Wenn ein Mann dich küsst, will er nur oben anfragen, ob unten frei ist.“

 

Foto © John Lennon und Yoko Ono

Freie Liebe, Lust an der Provokation, nackte Hippies auf Musikfestivals, John und Yokos gern fotografierte Bed-ins in den Betten dieser Welt, Kommunenvögeln statt Paarbeziehung: Für die ältere Generation gab es da einiges zu verdauen. Dafür sollten die Folgen der sexuellen Revolution Feministinnen noch jahrzehntelang beschäftigen: Schließlich nahm mit ihr auch die Sexualisierung des Alltags in Werbung, Medien, Mode ihren Anfang.

Foto © Warhol-Attentäterin Valerie Solanas bei ihrer Verhaftung
Foto © Warhol-Attentäterin Valerie Solanas bei ihrer Verhaftung

Der Kampf dagegen sollte bald klare Fronten annehmen - der revolutionären Stimmung des Jahres 1968 dürfte es dagegen geschuldet sein, dass ein Schussattentat der Schauspielerin und Aktivistin Valerie Solanas auf Pop-Art-Künstler Andy Warhol bis heute zum Akt feministischen Widerstands verklärt wird. Auch dank eines Manifests, das Solanas vorab verfasst hatte: „Das Leben in dieser Gesellschaft ist ein einziger Stumpfsinn, kein Aspekt der Gesellschaft vermag die Frau zu interessieren, daher bleibt den aufgeklärten, verantwortungsbewussten und abenteuerlustigen Frauen nichts anderes übrig, als die Regierung zu stürzen, das Geldsystem abzuschaffen, die umfassende Automation einzuführen und das männliche Geschlecht zu vernichten.“ Hoffentlich liest Jordan Peterson das nie.

Die Musik der 68er

Sympathien für den Teufel und für „Mama“

Rockmusik war der Soundtrack des Protests, eine ideale Reibungsfläche zwischen „den Jungen“ und „den Alten“ und darüber hinaus ein maßgebliches Vehikel, um die Botschaften der Protestierenden zu verbreiten.

Was wie ein Paradoxon klingt, ist keines. Damals, im Jahr 1968, das natürlich lange vorhallte und nachklang, war die heimische Welt zwar im Auf- und Umbruch - aber trotzdem in Ordnung. Denn „die Jungen“ hatten, im Gegensatz zu heute, reichlich Flächen, um sich an „den Alten“ zu reiben und sich von ihnen abzugrenzen. Es war klar, wer auf welcher Seite stand und vor allem, wer welche Musik hörte. Mama und Papa schmolzen im Österreich des Jahres 1968 bei „Mama“ von Heintje dahin, die Sprösslinge huldigten gemeinsam mit den Stones dem Teufel. Und heute: Mama und Papa chillen zu Kanye und die Sprösslinge bedienen sich am Plattenschrank der Oldies. Verkehrte Welt. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Die Intensität der Wirkung und auch die Verfügbarkeit der Ware (schwarzes Gold, Vinyl) war zwar länderweise sehr unterschiedlich, aber global gesehen gilt: Rockmusik war der Soundtrack des Protests und ein maßgebliches Vehikel, um die Botschaften der Protestierenden weltweit und rasant zu verbreiten. Dass damals auch musikalische Monumente in die Ewigkeit gemeißelt wurden, ist eine schöne Begleiterscheinung.

 

Freilich, so homogen wie diese musikalische Revolution heute erscheinen mag, war sie nicht. Berserker wie der deklarierte Bürgerschreck Frank Zappa oder die brachialen MC 5 haben ihre Wut auf das „Schweinssystem“ ohne Rücksicht auf Verlust in die Welt gerotzt. Apropos Schwein: Die MC 5 waren auch dabei, als Studentenführer ein solches zum Präsidentschaftskandidaten küren wollten - eine Aktion, die damals von Polizisten brutal zusammengeknüppelt wurde. Dass Musik und Gegenkultur Hand in Hand gehen und dahinter trotz des Postulats der Spontaneität durchaus auch ein Plan steckt, daran lässt auch ein Statement des damaligen MC 5-Managers John Sinclair keinen Zweifel offen: „Rock 'n' Roll ist die Speerspitze unserer Attacke“, meinte er. „Mit unserer Musik ziehen wir nichts ahnenden Spießern das Geld aus der Tasche und machen ihre Kinder zu Revolutionären.“

 

Linke Ikonen wie Country Joe McDonald wiederum standen in der Tradition ihrer wegweisenden Folk-Vorbilder wie Woody Guthrie („This Guitar Kills Fascists“) und liefen vor allem gegen den Vietnamkrieg Sturm. Sein vor Sarkasmus triefender Song „I Feel Like I'm Fixin' to Die Rag“ wurde zur Protesthymne, zu deren schmissigen Klängen - was für eine perfide Ironie! - sogar die G.I.s in Vietnam ins Feld zogen. Im Text geht es unter anderem darum, dass amerikanische Eltern ermuntert werden, ihre Söhne möglichst schnell in den Krieg zu schicken. Dadurch würden sich die Chancen erhöhen, die ersten im Wohnblock zu sein, deren Sohn im Sarg heimkehrt.

Bob Dylan wiederum, die Ikone der Verweigerung, war zwar seit Beginn seiner Karriere explizit politisch, hat sich aber mit allen Kräften aus der Umarmung der institutionalisierten Protestbewegung, die ihn fast zu Tode erdrückt hätte, befreit. Nach einem schweren Motorradunfall 1966 zog er sich völlig ins Private zurück und kehrte dann 1967 mit gefälligen Country-Alben zurück, die wie aus der Zeit gefallen klangen und mit ihrem störrischen Anachronismus das aufgeladene Publikum nachhaltig irritierten.

Die „68er“ waren aber nicht nur gegen etwas, sondern auch für etwas. Dafür nämlich, möglichst viel aus diesem Leben rauszuholen, gerne auch mit allerlei vermeintlich oder tatsächlich bewusstseinserweiternden Substanzen. Die heute noch hochverehrte Trias dieser Generation - Janis Joplin, Jim Morrison und Jimi Hendrix - wird demnach weniger mit politischem Aktionismus in Verbindung gebracht, sie symbolisiert vielmehr einen exzessiven Hedonismus, der wenige Jahre später für alle drei in „The End“ münden sollte. Joplin und Hendrix starben 1970, Morrison ein Jahr später. „I Want It All And I Want It Now“ war eine schöne Parole, sie hatte aber einen hohen Preis.

 

Und sonst? Was haben die beiden „Big Player“ zur Verbesserung der Welt beigetragen? Musikalisch gesehen viel. Die Beatles haben ihr legendäres „White Album“ in die Umlaufbahn geschickt, die Stones haben mit „Beggars Banquet“ eines ihrer besten Alben aufgenommen. Einschlägig ideologisch haben diese Wortführer der Popkultur aber einigermaßen ausgelassen. Die Beatles waren erst Anfang des Jahres 68 von ihrem Indien-Selbstfindungstrip zurückgekehrt. Das „Weiße Album“ enthielt zwar pflichtgemäß einige politische Statements, doch in Wahrheit waren die Fab Four, die bald ihren Schwanengesang anstimmen sollten, massiv mit dem Establishment verstrickt. Als Polit-Aktivist und Friedensapostel hatte der Solokünstler John Lennon erst später sein Erweckungserlebnis. Die Stones wiederum, vor allem der vermeintliche Rebell Mick Jagger, heften sich gerne den „Street Fighting Man“ auf die Fahnen, doch in Wahrheit ist der Song alles andere als eine pflastersteinschwere Schlachthymne. „Denn im verschlafenen London ist einfach kein Platz für einen Straßenkämpfer.“

„The End“ auch kollektiv: Die 60er-Jahre waren im Ausklingen. Ein Jahr später, 1969, ging das Woodstock-Festival über die Bühne. Und danach wurde aus der Musik-Bewegung ein Musik-Business. Aber in Österreich war auch Ende 1968 noch alles gut. Hier verdrängte Heintje mit „Heidschi Bumbeidschi“ die Beatles von der Spitze der Hitparade.

Mao-Bibel und Trotzkisten

Die Achter im Rad der Geschichte

Angelangt am Ende der Fahnenstange? Nicht ganz. Auch die friedfertige Individual-Anarchie feiert ihren 50er. Momentaufnahmen aus bewegten Zeiten.

Die Mao-Bibel musste immer dabei sein. Gut sichtbar getragen, diente sie als Statussymbol. Die meisten in dem handlichen Büchlein enthaltenen Zitate erreichten kaum das Niveau von Kalendersprüchen, andere klangen grauenhaft kriegerisch. Das magische Wort „Kulturrevolution“ überdeckte alles. Ein Götzendienst für einen Massenmörder, ein verheerender Irrtum in jener Zeit. Entschuldbar am ehesten durch die Tatsache, dass es 1968 so gut wie keine Nachrichten über das wahnwitzige Wüten von Mao in China gab. Lediglich einige Propagandafilmchen machten die Runde. Zur Bibel gehörte auch die Mao-Kappe.

Von den großen Studentenunruhen wurde Österreich nur gestreift. Die Mythenbildungen und Verklärungen folgten erst später. Was blieb, war viel Theater auf einer realen Bühne, mit Feindbild-Attrappen. Die maoistische Studentenorganisation wirkte wacker mit. Es war eine überschaubare Gruppe. Vorwiegend in Wien hatten sich neben den Maoisten die Trotzkisten eingenistet, als GRM, Gruppe revolutionärer Marxisten. Sie hatten, reichlich bestückt mit exzellenten Rhetorikern, keine kleinen Ziele vor Augen. Sie planten die Weltrevolution.

Regelmäßig reisten die Wiener Trotzkisten zu Teach-ins in die Landeshauptstädte. Die ideologischen Debatten und lautstarken Streitgespräche in der jeweiligen Uni-Mensa dauerten etliche Stunden. Am Ende siegten stets die Trotzkisten. Die große Mehrheit der Maoisten stammte aus gutbürgerlichen Häusern. Sie kamen häufig mit teuren Autos zu den Treffen, Geschenk ihrer Väter zur Matura oder zu sonstigen Anlässen. Bevorzugt waren Cabrios, mit offenem Schiebedach. Nach dem Ende der Treffen düsten sie in ihren Cabrios davon, die Faust möglichst weit nach oben gereckt. Radical chic war das.

 

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Bald teilte sich die MSO in zwei Gruppen. Ein Teil widmete sich der Theorie, der andere der Praxis. Die Praxis-Gruppe war zuständig für den Arbeiterkampf und den Schulterschluss mit dem Proletariat. Mit Transparenten wurde Stellung bezogen vor den Toren der größeren Fabriken, auch Flugblätter waren im Gepäck. „Streik“, „Lasst euch nicht ausbeuten!“ und ähnliche Parolen waren auf den Transparenten zu lesen. Die herauskommenden Arbeiter marschierten rasch vorbei, einige blieben stehen. Sie reagierten wütend. Tumulte blieben nicht aus. Die zerstörten Transparente, quer verstreut, boten keinen schönen Anblick. Der Erkenntniswert war nicht gering, wurde aber nicht selten ignoriert.


Filmstar Brigitte Bardot machte international Werbung für den Mao-Look; sie zeigte sich begeistert. Viele taten es ihr nach. Die Frauenbewegung, ein wichtiges Kind dieser Zeit, nahm anderswo ihren Anfang. Demonstriert wurde häufig. Die Themen wechselten. Einmal war der Vietnamkrieg an der Reihe, dann die Militärdiktatur in Chile und das Ende des Prager Frühlings. Stets marschierten Stapo-Leute mit, bald schon kannte und grüßte man sich. „Hoch die internationale Solidarität“, wurde lautstark gerufen. Bei einer der Demos scherte ein Freund aus, er wollte nicht mehr schreien, ich teilte diese Meinung. Die friedfertige Individual-Anarchie bot sich als praktikable Alternative an; mit Selbstbestimmung, Misstrauen gegen die Politik, individueller Suche nach Neuem und intensiver Lektüre.

Französische Philosophen kamen des Weges, Ken Kesey (damals nur im Original erhältlich) mit seinem „Kuckucksnest“, Adorno, Marcuse, Günther Anders, die Forum-Stadtpark-Autorinnen und -Autoren sowieso, und viele andere auch. Jahre später kam es zu Zufallsbegegnungen mit einstigen Hauptakteuren. Nicht wenige hatten gute Jobs, in der Landesregierung oder beim Magistrat, Pragmatisierung inklusive. Befragt nach dem deutlichen Gesinnungswandel, folgte, mit Verschwörungsgehabe, die Standard-Antwort, meist fast geflüstert: Der lange Marsch durch die Instanzen sei das. Wie einst von Rudi Dutschke proklamiert.

Und im Stadtpark blühten die Bäume.

Teil 2 der Geschichte. Über die Achter im Räderwerk. Natürlich hatten die Politiker Angst. Es war die erste, gigantische Jugendbewegung, antiautoritär, polemisch, mit klaren Forderungen und neuen kollektiven Initiativen. Bruno Kreisky, SPÖ-Chef, damals in der Opposition, spöttelte über die „Revolutionsharlekine“.

Er hatte andere Probleme. In Südösterreich trug die SPÖ den Beinamen NSPÖ, reich an Ex-Nazis in hohen Positionen. Sie saßen auch in den Universitäten und anderen wichtigen Institutionen. Der Auftritt der Aktionisten am 7. Juni in der Uni Wien galt als Skandal. Die Künstler kamen vor Gericht, die psychologischen Gutachten stammten von Heinrich Gross, dem berüchtigten NS-Euthanasiearzt. Er war aktives Mitglied der SPÖ, skandalbefreit. Dass von der brodelnden braunen Suppe nach Jahren des Schweigens endlich der Deckel wegflog, zählte zu den wichtigsten Verdiensten der 68er-Gesinnung, Hand in Hand mit dem stark aufkommenden Antifaschismus.

Foto © Heinrich Gross, auf einem Archivbild 1979


Das Rad der Geschichte, gekennzeichnet durch Prüderie, Intoleranz, Unterdrückung, strafrechtlicher Verfolgung, etwa der Homosexuellen, bekam einige Achter ab und drehte sich in eine neue Richtung. Das sarkastische Urteil von Peter Sloterdijk steht für sich: „Wir 68er haben mit Erfolg Hitler verhindert. Allerdings mit fünfzigjähriger Verspätung.“ Das hat schon seine Richtigkeit. Vieles ließ sich nicht verhindern, verändern aber schon. Allem voran die Denkweisen.

Angelangt am Ende der Fahnenstange? Nicht ganz. Auch die friedfertige Individual-Anarchie feiert ihren 50er. Momentaufnahmen aus bewegten Zeiten.