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Josef WinklerAnna Baar: "Winkler Themenverfehlung vorzuwerfen, wäre dumm"

Anna Baar kritisiert in ihrem Text die "altbekannte Spießumkehr, das Aufzeigen von Skandalen als eigentlichen Skandal hinzustellen".

Anna Baar
Anna Baar © APA/Johannes Puch
 

Ein Glück, in einem Land zu leben, in dem es nicht nur möglich ist, sondern sich geziemt, bei offiziellen Feiern auch aufmüpfige Schriftsteller reden zu lassen, Misstöne auszuhalten und sich nicht im Jubel einzulullen. Nun haben sich aber am vergangenen Dienstag beim Festakt zum 500-jährigen Bestehen der Stadt, während einer wenig überraschenden, vieles zum Teil notwendigerweise wiederholenden Schriftstellerrede einige Politiker aus dem Wappensaal des Landhauses getrollt. Weil sie sich von den Wortgeschossen getroffen fanden, obwohl die Geschütze nachweislich nicht auf sie gerichtet waren. Angepeilt waren nur „bestimmte Herren“ aus ihrem Kreis, die dem Kreis mehrheitlich gar nicht mehr angehören, was wiederum in der Mehrzahl der Fälle auf die kriminellen Machenschaften der ehemaligen Mitglieder zurückzuführen ist. Es stellt sich also die Frage, warum es zum Phantomschmerz kommt – und ob er nicht als Zeichen einer tiefen Übereinstimmung und Verbundenheit mit jenen Abgefallenen zu deuten ist.

Hätten die Enteilten konzentriert zugehört oder später wenigstens sinnerfassend nachgelesen, hätten sie erkannt, dass sie, obwohl ein Mal direkt angesprochen, in den Anklagen des Schriftstellers gar nicht mitgemeint waren. Und bestimmt bereut es mittlerweile mancher von ihnen, nicht geduldig auf seinem Platz ausgeharrt zu haben, anstatt sich ins eigene Fleisch zu schneiden mit einer Reaktion, die es nun beinah so aussehen lässt, als würde sich eine ganze Fraktion sozusagen im vorauseilenden Parteigehorsam mit den „bestimmten Herren“ identifizieren. Ja, man hätte sich auf den guten alten Brauch der selbst den Hofnarren zugestandenen Freiheit besinnen können, ungestraft Kritik an den bestehenden Verhältnissen zu üben, anstatt sich zur altbekannten Spießumkehr hinreißen zu lassen, das Aufzeigen von Skandalen als eigentlichen Skandal hinzustellen. Denn wie steht man jetzt da! Und wie schaut denn das aus, wenn jetzt ausgerechnet diejenigen die angeblich fehlende Menschlichkeit des Josef Winkler beklagen, deren Partei den Ruf hat, selbst nicht zimperlich zu sein – und bis heute säumig, wenn es darum geht, sich eindeutig und radikal und ein für alle Mal und ohne jede Hintertür von Grausiggestrigem zu emanzipieren? Endet das parteieigene Menschlichkeitsverständnis nicht zumeist dort, wo das Wir an seine streng bewachten Grenzen stößt? Was ist davon zu halten, wenn ausgerechnet derjenige beim unbequemen Redeteil als Erster vom Ehrenplatzsessel aufspringt, dem vor nicht allzu langer Zeit die „Freiheit der Kunst“ als Argument gerade recht kam, als es um eine die inhumane Politik Nordkoreas beschönigende Fotoausstellungen im Klagenfurter Landhaus ging? Was hat es zu bedeuten, wenn jetzt ausgerechnet der sagt, dass für ihn die Freiheit der Kunst dort ende, wo es um menschliche Verletzungen und pauschale Verunglimpfung einer Personengruppe gehe? Die Ansicht ist ja gut. Sie ehrt einen jeden, der genau diese Grenzen auch der politischen Freiheit setzt. Aber einen, der es sich einst in seiner Rolle als Landtagspräsident herausgenommen hat, Zwietracht zu sähen, indem er den Rat der Kärntner Slowenen als „Nestbeschmutzer“ diffamierte, den Ortstafelkompromiss abwertete oder die Konsensgruppe aus dem Wappensaal sperrte, als das Europaparlament sie dort für ihre Versöhnungsarbeit zwischen den Volksgruppen ehren wollte? Auch auf die Gefahr hin, dass man mich jetzt ebenfalls reflexartig der Hetze bezichtigt: Mir soll keiner von menschlichen Verletzungen reden, der zwar beim zwielichtigen Gedenken in Bleiburg aufkreuzte, das mittlerweile eines der größten rechtsextremen Treffen Europas geworden ist, aber vor lauter Erinnern offenbar nicht nur die Rolle der Partisanenopfer während der NS-Zeit vergaß, sondern auch die an Leib und Seele Verwundeten des „eigenen“ verbrecherischen Systems. Sollte Herr Lobnig doch irgendwann in offizieller Mission bei einer Gedenkfeier für die Opfer des Faschismus dabei gewesen sein, so nehme ich die Unterstellung der selektiven Gedächtnisstörung hiermit wieder zurück.

Den Schriftsteller Josef Winkler als „Hassprediger“ zu bezeichnen, ein Paradebeispiel für Projektion, zeugt vom eigenen Hass auf einen, der nicht mitmacht beim bösen Spiel von Verdrängen und Verschweigen, einen, von dessen Weltsicht und Werk man aber allenfalls eine dunkle Ahnung hat. Hätte man sich damit vertraut gemacht, verstünde man seine Besessenheit, sich in Gesellschaft der Toten zu begeben, sie wieder und wieder auferstehen, unter den Heutigen weilen und dort ihr Wesen und Unwesen treiben zu lassen. Oder die Leidenschaft fürs manchmal grotesk Bildliche und Gleichnishafte. Oder die Neigung zur Wiederholung bis hin zur Penetranz. Das muss nicht den Geschmack des Publikums treffen. Literatur muss zum Glück überhaupt nichts – außer vielleicht in Tagen wie diesen, da die ebenfalls zur Festrede geladene Historikerin den Zweiten Weltkrieg mit einem einzigen Satz zum Kriegsende (!) streift, die Funktion eines kritischen Korrektivs erfüllen und gegen die Übermacht von Dummheit und Vergesslichkeit angehen.

Autorenkollegen, die dieser Verantwortung nicht gewachsen sind, können zumindest mithelfen, indem sie jenen, die schwer genug an ihr tragen, nicht in den Rücken fallen. Dass heiß nicht, dass sie nicht sagen sollen, dass sie alles ganz anders gesagt und bestimmt besser gemacht hätten. Oder dass sie die Rede des Josef Winkler für langweilig, geschmacklos oder sogar unterirdisch halten. Aber ihm Themenverfehlung vorzuwerfen, wäre schlichtweg dumm. Schließlich wissen wir: Einzig der Stachel im eigenen Fleisch gibt dem Künstler ein Thema vor. Und wir wissen auch, dass es dieser Tage um mehr geht, als um diese leidige Rede: die Freiheit der Kunst in unserem Land! Ich halte es daher für ein böses Gerücht, dass ein Kollege den anderen – noch dazu vor einem amüsierten Zeitungspublikum – einen „kläffenden Terrier“ genannt haben soll. Schon gar nicht würde das einer tun, der den verstorbenen Landeshauptmann lieber als „verwesenden Dobermann“ denn als „Phönix“ bezeichnet wissen will. Und falls es doch geschehen sein soll, im Eifer des geltungssüchtigen Gefechts, so hoffe ich, dass es sich beim solcherart Gestrauchelten nur um einen Caranthanischen Windhund und keinen English Trend-Setter handelt.

Anna Baar

Anna Baar wurde 1973 in Zagreb geboren. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie in Wien, Kärnten und auf der Insel Brač. Sie studierte Publizistik, Slawistik und Theaterwissenschaften in Wien sowie in Klagenfurt. 2008 diplomierte sie an der Universität Klagenfurt zum Dr. phil. Seither arbeitet sieals freischaffende Schriftstellerin für Auftraggeber aus der Wirtschaft, der Wissenschaft sowie der Kunst.2015 nahm sie am Ingeborg-Bachmann-Preis teil.

Veröffentlichungen:
Als ob sie träumend gingen,
Roman. Wallstein, 2017.
Die Farbe des Granatapfels,
Roman. Wallstein, Göttingen 2015.

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