Wer hat diesen Soundcheck soeben gemacht? War das Conchita oder Tom für Conchita?
CONCHITA: Das ist so lustig, dass die Leute da immer glauben, differenzieren zu müssen. Ich bin tatsächlich nur eine Person - manchmal eben mit Perücke und manchmal ohne.

Wie fließend ist dieser Übergang zwischen Kunstfigur und Privatperson?
CONCHITA: Früher war der Unterschied größer. Mittlerweile ist er fast schon verschwunden. Dennoch spielen mir Perücke und Make-up einen Raum frei, in dem ich Dinge lauter sage, als ich das als Privatperson machen würde.

Das bedeutet, Sie schlüpfen ein bisschen wie ein Schauspieler in die Rolle der Conchita?
CONCHITA: Die Haare und das Make-Up helfen mir natürlich, die Person zu sein, die ich auf der Bühne sein möchte. Die ist dann nicht zwingend gleich, wie die Person die am Sonntagabend auf der Couch liegt.

Verwenden Sie die Bühne auch ein bisschen, um sich selbst zu finden?
CONCHITA: Nicht nur die Bühne! Jeden Tag, jede Minute suche ich mich, hinterfrage alles und reflektiere. Aber die Bühne ist sehr intensiv, man hat die dritte Ebene, nämlich die Menschen, die dir zusehen. Da lernt man schon sehr viel über sich selbst - vor allem, wenn man in Situationen kommt, die man nicht vorhersehen kann.

 

Hat sich Conchita auch ein bisschen den Ansprüchen von Tom angepasst? Früher haben Sie sich in dieser femininen Rolle sehr wohlgefühlt - jetzt legen Sie sie ab.
CONCHITA: Absolut. Ich habe mich von einer sehr femininen Kunstfigur mit bodenlangen Abendkleidern und High-Heels zu einer etwas gemütlicheren Variante entwickelt. Und ja, wahrscheinlich auch ein bisschen mehr zu meiner männlichen Seite. Ich mag das eigentlich total gern - bereits jetzt, wenn ich auf mein Leben zurückblicke, kann ich behaupten, dass es sehr bewegt und intensiv ist. Wenn ich einmal unter der Erde liege, würde ich mir wünschen, sagen zu können, dass ich jede Minute genossen habe. Bisher mach ich das glaub ich ganz gut.

Sie versuchen also immer mehr, die Kunstfigur Conchita abzulegen. Als Conchita aber etwa die Oper von Sydney gefüllt. Denken Sie da nicht manchmal: „Wenn es so gut ankommt, dann mach ich das doch einfach weiter“?
CONCHITA: Es ist tatsächlich sehr verlockend zu sagen, was gut funktioniert, macht man so lange bis es keiner mehr will. Quasi: Never change a winning team. Ich bin kein Fan dieser Phrasen, denn am Ende des Tages mach ich es für mich. Natürlich ist es schön, wenn man erfolgreich ist - und wahrscheinlich hätte ich längst etwas Anderes gemacht, würde das nicht erfolgreich sein. Aber die Weiterentwicklung ist das einzige, was
mich interessiert. Ich möchte nicht stehen bleiben, ich langweile mich dann wahnsinnig schnell!

Was möchten Sie denn als Conchita noch erleben?
CONCHITA: Ich möchte auf jeden Fall unter diesem Namen ein Album herausbringen, dann möchte ich damit auf Tour gehen und danach… wir werden sehen!

Sie schnuppern jetzt sogar ein bisschen in die Politszene hinein, sag uns: Wofür lohnt es sich zu kämpfen?
CONCHITA: Das allerwichtigste, wofür man kämpfen sollte ist die Freiheit. Das ist zwar wahnsinnig kitschig, aber die Freiheit ist nun einmal das Wichtigste, was wir haben. Wir können sie nur dann erreichen, wenn wir uns alle gegenseitig respektieren. Das klingt zwar sehr leicht, aber jeden Tag haben wir - und so auch ich - die Wahl uns zu entscheiden: Bin ich ein Arschloch oder nicht.

Eine Konzertkritik von den Kasematten finden Sie in der morgigen Printausgabe der Kleinen Zeitung. Christian Ude schreibt darin: Mit einer clever zusammen gestellten Mischung aus eigenen Songs (zwei davon noch unveröffentlicht wie das dunkle „The Truth“) und Coverversionen von Prince über Betsy bis Trude Herr bewies Conchita drei Jahre nach dem ESC-Sieg, dass sie viel mehr als eine Kunstfigur ist, die für Respekt und Toleranz steht – nämlich eine wunderbare Interpretin mit Gänsehautfaktor.

Live kann man Conchita u. a. wieder am 6. September beim Open-air in Bad Mitterndorf erleben (Grimming Therme, 19 Uhr).