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Diagonale-Finale

Optimistische Bilanz der neuen Diagonale-Intendanten

Die Festivalleiter Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber zeigen sich zufrieden mit ihrer ersten Diagonale. Das Duo wünscht sich aber "mehr Handlungsspielraum" in der "Kreativstadt Graz".

Peter Schernhuber und Sebastian Höglinger © APA/Erwin Scheriau
 

Peter Schernhuber (28) und Sebastian Höglinger (32) sind auf der Zielgeraden. Ein "Marathon" sei die am Sonntag zu Ende gehende Diagonale in Graz für die neuen Intendanten bisher gewesen - inklusive Etappensiegen: Der neue Festivaldistrikt sei gut angenommen worden, Branche und Publikum hätten sich verstärkt vermischt und viele Vorstellungen waren ausverkauft, so das Duo im Interview.

Ob sich das gute Gefühl auch in der Besucherstatistik niederschlägt, zeigt sich bei Bekanntgabe der Zahlen am Montag. "Wünschenswert wäre es, wenn wir uns irgendwo am Niveau des letzten Jahres orientieren könnten", sagt Schernhuber - wissend, dass der Rekord mit 27.000 Besuchern Ergebnis von "sieben Jahren formidabler Aufbauarbeit von Barbara Pichler" war. Auch die "sehr, sehr gute Reihe" zu Mia Hansen-Love, die 2015 persönlich zu Gast war, habe da mitgespielt.

Haneke kommt am Sonntag

Am Sonntag ist Goldene-Palme- und Oscar-Preisträger Michael Haneke im Rahmen des filmhistorischen Programms "Österreich: Zum Vergessen" zu Gast in Graz. Bisweilen konnte man seit Dienstag aber in der Grazer Innenstadt auf Schauspielgrößen wie Hannelore Elsner ("Hannas schlafende Hunde") oder Erwin Steinhauer ("Thank You For Bombing") treffen. Die beiden haben auch Chancen, bei der  Preisverleihung im Orpheum ausgezeichnet zu werden.

Es wäre wünschenswert, wenn da in den nächsten Jahren mehr Flexibilität und Handlungsspielraum entsteht. 

Intendant Peter Schernhuber in Richtung Politik

Die Massen zog dann ohnehin kein Promi, sondern ein eigentlich klein ausgelegtes Projekt an: 500 Leute - und damit fünf Mal so viele wie angekündigt - spazierten Donnerstagabend mit "Street Cinema Graz" durch die Straßen, als an Orten ehemaliger Lichtspielhäuser Filme an Wände projiziert wurden. "Wenn so eine unmittelbare Korrespondenz mit der Stadt passiert, ist das gut, und ein weiterer Schritt für das Festival", sagt Schernhuber, und nimmt sogleich die Politik mehr in die Verantwortung. "Graz versteht sich als Kreativstadt, in der die Innenstadt pulsieren soll. Umgekehrt war es bei Street Cinema nicht so leicht, Möglichkeiten zu schaffen und überall projizieren zu dürfen. Es wäre wünschenswert, wenn da in den nächsten Jahren mehr Flexibilität und Handlungsspielraum entsteht." Die Stadt könne davon profitieren, "man muss eben auch situationselastisch sein".

Von ihrer langjährigen Leitung des Welser Jugend- und Medienfestivals Youki haben Schernhuber und Höglinger den Ansatz mitgebracht, "das Festival aus der Stadt heraus zu entwickeln". "Durch Umbauten in der Festivalgeografie wollten wir die Stadt mehr einbinden", sagt Höglinger, etwa mit Diskussionen und täglichen Partys im Haus der Architektur (HDA), "wo man mit der Glasfront in die Stadt ausstrahlt". Zahlreiche neue Kooperationen mit Grazer Institutionen sind die beiden Oberösterreicher bereits eingegangen, etwa mit dem Künstlerhaus, Street Cinema und dem Schauspielhaus Graz; weitere sind in den nächsten drei Jahren geplant, darunter mit den Grazer Spielstätten.

Es muss eine Kooperation zwischen dem 'Tanker' Spielstätten und dem 'Tanker' Diagonale ebenso möglich sein wie mit Street Cinema. 

Intendant Sebastian Höglinger

"Es war bereits Teil unseres Konzepts, branchenübergreifend zu agieren, zu schauen, wo ähnliche Themen verhandelt werden man inhaltlich zusammenarbeiten, organisatorisch Synergien nutzen und so neues Publikum erschließen kann", sagt Höglinger, wobei sein Kollege auch einen "kulturellen und kulturpolitischen Auftrag" sieht: "Es ist die Zukunft für Kulturtanker, auch spartenübergreifend nach Synergien zu suchen, und die vermeintlichen Dichotomien von Großen und Kleinen aufzubrechen. Es muss eine Kooperation zwischen dem 'Tanker' Spielstätten und dem 'Tanker' Diagonale ebenso möglich sein wie mit Street Cinema."

Dem österreichischen Film damit auch über das Festival hinaus "ein gewisses Standing zu verleihen" sei eine "Vision und etwas, das länger braucht", sagt Höglinger. Dazu gehörte auch, mit Bundespräsident Heinz Fischer - anders als in den Vorjahren - einen Politiker zur Eröffnungsrede zu laden. Nicht zuletzt könne man mit politischer Präsenz "die Politik in die Pflicht nehmen", sagt Schernhuber, der die Diagonale als Ort etablieren will, "wo Dinge besprochen werden, die das ganze Jahr über nachwirken". Gerade in punkto Gleichberechtigung und Diversität sowie Formatvielfalt bei der Fördermittelvergabe hätten hier "Denkprozesse eingesetzt". "Das stimmt mich optimistisch."

Talks teilweise spärlich besucht

Noch war zu beobachten, dass die Diskussionsveranstaltungen vorrangig von Branchenmitgliedern sowie oft spärlich besucht waren. "Vermittlung ist ein ganz zentraler Punkt dabei, was es auszubauen gilt", sagt Höglinger. Auch die neu ausgerufene Reihe "In Referenz", in der österreichisches Filmschaffen mit internationalen und heimischen Positionen in Dialog zu bringen, wollen sie stärker kommunizieren und mit nun längeren Vorlaufzeiten "größer" denken. "Vorfreudig" ist Höglinger, die Personale, die heuer für Filmschaffende abseits Regie geöffnet und Produzentin Gabriele Kranzelbinder gewidmet wurde, "nach dem Festival wieder neu zu denken, einen anderen Akzent zu setzen und das Festival dadurch auch wieder drehen zu können".

"Fischer Heinz, Nummer Eins"

An der Diagonale als "Branchentreffpunkt" werde übrigens nicht gerüttelt, auch wenn man sich immer mehr dem Publikum öffnet. Ob das bei dem einen oder anderen Unmut auslöst, werde ihnen "wohl erst nach dem Festival kommuniziert", lachen die beiden, die auch ihren von der Branche verliehenen Spitznamen "Diagonale-Jungs" mit Humor nehmen. "Die Protokollabteilung des Bundespräsidenten war wohl auch nicht so glücklich mit der Begrüßung 'Fischer Heinz, Nummer Eins (durch Moderator Christoph Grissemann bei der Eröffnung, Anm.)", schmunzelt Schernhuber. "Man darf sich auf sowas nicht verkrampfen. Solange wir ernst genommen werden und deutlich wird, dass wir klare Positionen haben und diese artikulieren können, es also keine Verkindlichung oder Verlieblichung sondern charmante Koketterie ist, kann das ruhig so sein."

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