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Hilde Dalik

"Arbeit mit Flüchtlingen hat mich verändert"

Josephstadt-Schauspielerin Hilde Dalik hat 2016 viel vor. Sie ist in der Kultserie "Vorstadtweiber" ab März zu sehen - nebenbei spielt sie Theater und arbeitet mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen.

© APA
 

In den Kammerspielen umsorgt Hilde Dalik in der letzten Inszenierung Helmuth Lohners ("Schon wieder Sonntag") als adrette Krankenschwester die Altersheiminsassen Otto Schenk und Harald Serafin. In der ORF-Kultserie "Vorstadtweiber" wird sie ab März als Neuzugang in der mit Sex und Crime scharf gewürzten Intrigenküche mitkochen. Auch im Film "Hotel Rock'N'Roll" wird sie zu sehen sein.

Was aber die Schauspielerin in einer Tanzschule in Wien-Neubau macht, findet nicht im Scheinwerferlicht statt: Dalik arbeitet mit einer kleinen Gruppe junger Männer aus Afghanistan an einem neuen Bühnen-Projekt. Heute sind Burschen im Alter zwischen 8 und 23 Jahren zum Körpertraining erschienen, die Stimmung ist überaus herzlich, der Umgang miteinander freundschaftlich, dennoch ist jeder mit Ernst bei der Sache. Auf dem wöchentlichen Probenplan stehen auch Sprachtraining und Musikproben.

Unbegleitete Flüchtlinge

"Chong" nennt sich die Truppe, die aus unbegleiteten Flüchtlingen besteht und bereits "Romeo und Julia - freestyle" erfolgreich zur Premiere gebracht hat. Das Stück, das zunächst im Dschungel Wien herauskam, wird weiter auf Gastspielen gezeigt, zumindest bis die neue Produktion herzeigbar ist. Und nicht nur die künstlerische Arbeit wird weitergehen. Was die junge Josefstadt-Schauspielerin davon hat? "Es ist ein schönes Gefühl, Teil einer solchen Gemeinschaft zu sein."

Begonnen hat es vor zwei, drei Jahren. Dalik, deren karitatives Engagement sich bis dahin im gelegentlichen Ausschenken am Charity-Punsch-Stand erschöpfte, begann sich für das Laura Gatner Haus der Diakonie in Hirtenberg zu interessieren, wo minderjährige Flüchtlinge betreut werden. "Dort habe ich dann immer wieder gefragt, wie ich helfen kann. Anfangs hieß es: Spenden Sie! Ich wollte aber etwas Richtiges machen."

"Wenn man so aufgefangen ist wie ich vom Leben, kommt man wenig mit der Armut in Kontakt", erzählt die 37-Jährige im Gespräch mit der APA von ihrer Motivation. "Und lange hatte man ja auch keine Vorstellung von Flüchtlingen - wenn man weggeschaut hat. Ich verstehe auch die Angst vor dem Fremden - auch, wenn ich sie nicht habe."

Die Idee einer eigenen Produktion

Nachdem sie anfangs bei Theaterpädagogik-Workshops hospitiert hatte und mit den Jugendlichen immer wieder ins Theater oder ins Kino gegangen war, entstand die Idee, nicht nur einfach gemeinsames Theatertraining zu machen, sondern auf eine richtige Produktion hinzuarbeiten. Das Wichtigste dabei für sie: Geduld und Verständnis dafür haben, dass nicht jeder mit dem gleichen Engagement dabei ist und sich Prioritäten bei jungen Leuten rasch ändern können. Das Wichtigste für ihre junge Truppe: eine Aufgabe bekommen.

"Diejenigen, die auf ihren Asylbescheid warten, sind zum Nichtstun gezwungen. Sie dürfen nicht wirklich arbeiten. Die meisten sind traumatisiert, haben Kopfweh und können nicht schlafen. Und wieder fühlen sie sich ohnmächtig, weil sie so lange auf ihr Asylverfahren warten müssen. In der Zeit trauen sie sich auch gar nicht, glücklich zu sein - denn ihr Unglück ist ja der Grund, warum sie Asyl bekommen möchten." Sie selbst habe als junge Frau nie ein Problem mit ihren Schützlingen gehabt. "Das war für mich völlig unproblematisch. Mein Problem war eher, meine Harmoniesucht zu überwinden. Wenn man eine Produktion leitet, muss man aber schon mal sagen, was Sache ist. Heute nennen mich manche zum Spaß 'Boss'."

Begleitung zu Asylverfahren

Abgrenzungsprobleme, die bei Arbeit mit Randgruppen meist entstehen, kennt Dalik dagegen nicht: "Für meine Theatergruppe mache ich alles - sie zu Terminen im Asylverfahren begleiten, ihnen bei Wohnungs- und Ausbildungsplätzen helfen. Diese Menschen liegen mir am Herzen. Sie sind wie meine Familie geworden. Da gehört das dazu." So fuhr man nach der letzten Vorstellung der erfolgreichen ersten "Romeo und Julia"-Spielserie im vergangenen Sommer gemeinsam an den Klopeiner See.

Man wollte nicht auseinandergehen. "Wir haben gesagt: Das kann es nicht gewesen sein." Als die Zustände im Erstaufnahmelager Traiskirchen prekär wurden, fuhr man fast jeden Tag mit Koffern voller Kleidung dorthin. Die Jugendlichen der Theatergruppe haben als Dolmetscher fungiert und haben persönliche Koffer gepackt und verteilt.

Und die nächste Produktion soll im Sommer rauskommen. "Es wird vermutlich wieder von einem Klassiker ausgehen und vom Geschichtenerzählen handeln. Es kommen ja so viele neue Geschichten zu uns, die man erzählen muss." Auch Erfolgsgeschichten sind darunter, denn ihre Schützlinge haben mittlerweile anerkannten Asylstatus und haben das geschafft, was man unter diesen schwierigen Umständen wohl als "geordnete Verhältnisse" bezeichnen kann.

Geld, das man derzeit in den Bau von Grenzzäunen investiere, sei in mehr Schlafplätzen oder in die dringend nötige psychologische Betreuung viel besser investiert, meint Dalik, die eines gelernt hat: "Es gibt vielleicht eine Kapazitätsgrenze für Quartiere - aber keine für Mitmenschlichkeit." Die vergangenen drei Jahre hätten sie sehr bereichert, sagt sie. "Das hat mich sehr verändert. Ich bin schon weiterhin Schauspielerin und nehme das nach wie vor ernst. Aber ich sehe das, was ich dabei mache, heute anders."

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

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