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Schauspielhaus Graz

Dorsts "Merlin" in Graz: "Magier und Visionär"

Am Donnerstag fand am Grazer Schauspielhaus die erste Saisonpremiere der neuen Intendantin Iris Laufenberg. Sie eröffnete mit Tankred Dorsts "Merlin oder das wüste Land". Der Dramatiker im Interview.

Merlin: neue Welt voll Chaos und Dunkelheit © Lupi Spuma
 

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Im Grazer Schauspielhaus gilt die erste Saisonpremiere Tankred Dorsts "Merlin oder Das wüste Land". Der Dramatiker, der im Dezember seinen 90. Geburtstag feiert, beschäftigte sich Zeit seines Lebens mit Mythen um die Tafelrunde. Dabei ging es ihm immer um Fragen der menschlichen Existenz, um Utopien und um Freiheit.

Sie haben sich viele Jahre lang und in verschiedenen Werken mit dem Artus-Mythos beschäftigt, was hat Sie daran interessiert?
TANKRED DORST: Vor allem Peter Zadek hat mich auf den Artus-Mythos aufmerksam gemacht. Meine Fassung "Merlin oder Das wüste Land" verwebt verschiedene mittelalterliche Mythen. Wir haben quasi neue Mythen aus den alten gemacht. Auch die Titelfigur Merlin hat einen mythologischen Hintergrund als Sohn des Teufels und einer frommen Frau. Er ist bestellt dazu, die Welt zum Bösen zu befreien. Das sind zwei große Komplexe, mit denen Ursula Ehler und ich beim Schreiben umgingen. Ist der Mensch frei? Kann er seine Entscheidungen treffen, wie er will? Zwingt ihn sein Schicksal dazu, darauf einzugehen? Darin steckt eine Vielzahl von komplexen und komplizierten Handlungselementen.

Dramatiker Tankred Dorst
Foto © AP

Worin liegt die Relevanz dieses Themas für die heutige Zeit? Sowohl "Merlin" als auch Ihr "Parzival" werden in letzter Zeit häufig gespielt.
DORST: An der Oberfläche sind das Rittergeschichten, Abenteuergeschichten, Geschichten von vergeblichen Anstrengungen. Themen, die uns heute nicht fremd sind. Parzival wirkt für viele wie eine Figur aus einer anderen Zeit, mit anderen Idealen. Er wächst im Wald mit seiner Mutter auf, ohne weiteren menschlichen Kontakt. Von dem Moment an, als er auf Ritter trifft, ist er begierig, mehr zu wissen, seinen Kosmos zu erweitern.

Welche Bedeutung hat Merlin, die Titelfigur? Er wird hier als Sohn des Teufels gezeigt, leitet Artus an, König zu werden, zieht viele Fäden, landet zuletzt aber durch seine Verliebtheit machtlos in der Weißdornhecke.
DORST: Dieser Merlin, der eine Art Magier ist, gehört einerseits in die Welt des Mittelalters, andererseits ist er auch eine Art Visionär. Mich hat an der Figur gerade das Rätselhafte, das Irrationale, das Verrückte und Eigensinnige interessiert. Artus hingegen hat als König ein politisches Konzept. Artus ist die Ratio, Merlin das Irrationale, das den Menschen treibt. Merlin sagt selbst zu Artus: Ich bin deine Fantasie. Das ist eigentlich das Schlüsselwort für diese Figur. Und darum braucht Artus Merlin.

Sehen Sie "Merlin" als ein Stück über den Krieg, über Religion, oder geht es um das Scheitern der Menschen an Utopien?
DORST: Das Stück ist stark an die Idee der Utopien geknüpft. Und es geht immer wieder um Freiheit. Zentral ist die Frage nach der Freiheit des Menschen.

In Graz wird "Merlin" zum ersten Mal mit Puppen inszeniert. Bedeutet das für Sie ein theatertaugliches Mittel oder besteht die Gefahr einer Verharmlosung der Thematik?
DORST: Diese Kunstform gibt es bereits seit dem Mittelalter und hat in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Renaissance erlebt. In Graz wird "Merlin" zum ersten Mal mit Puppen umgesetzt. Das macht es sehr faszinierend. Puppen können sehr viel mehr als Menschen, außerdem kommt das Spiel beim Zuschauer sehr emotional an.

Welchen Stellenwert hat die Komik in "Merlin"?
DORST: Das hängt stark vom Regisseur ab. Ob er einen Sinn für das Absurde hat. Ich denke, man muss inhaltlich sehr genau damit umgehen, ans Licht bringen. Die Inszenierungen sollen und können komische Szenen haben. Das Unfreiwillige und Ungewollte ist ja auch eine gewisse Art von Komik.

"Merlin" dauert ungekürzt rund 15 Stunden und sprengt schon rein formal den Rahmen eines normalen Dramas, es gibt Szenen wie aus einem Roman - wie würden Sie sich die ideale Aufführung Ihres Werkes wünschen?
DORST: Wenn man so einen Stoff anfängt und sich darauf einlässt, sind die üblichen Regeln der Dramaturgie dazu nicht geeignet. Man muss etwas anderes erfinden. Und man muss dem Regisseur die Freiheit geben, das Stück zu nehmen und zu entdecken. Wichtig ist, dass er in seiner Version zeigt, was ihm am Herzen liegt. Denn zu entdecken gibt es in dem Stück noch viel.
Interview: Karin Zehetleitner/APA

 

ZUM STÜCK

Merlin oder Das wüste Land" von Tankred Dorst.
Regie: Jan-Christoph Gockel.
Puppenbau: Michael Pietsch.
Musik und Hörspiel: Matthias Grübel.
Mit: Julia Gräfner, Benedikt Greiner, Fredrik Jan Hofmann, Florian Köhler, Raphael Muff, Michael Pietsch, Evamaria Salcher, Franz Solar.
Grazer Schauspielhaus, Premiere: 24.
September, 19 Uhr.
Nächste Aufführungen: 25., 26.9., 7., 14., 15., 20., 27.10.
Karten unter Tel. 0316/8000
www.schauspielhaus-graz.com

 

 

 

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