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Franzose Bismuth in der Kunsthalle Wien

Einer Dreifaltigkeit der Kunstselektion begegnet man aktuell in der Kunsthalle Wien: Für die erste große Einzelausstellung des Franzosen Pierre Bismuth hat dieser drei Menschen unterschiedlicher Profession gebeten, sich seiner Arbeiten anzunehmen. Die "Der Kurator, der Anwalt und der Psychoanalytiker" betitelte Schau wird heute, Dienstagabend, gemeinsam mit "The Future of Memory" eröffnet.

 

Seit gut 30 Jahren setzt sich der in Brüssel lebende Bismuth auf vielfältige Weise mit dem Kunstbetrieb auseinander, seziert angestammte Sehgewohnheiten, sabotiert konventionelle Präsentationsformen und bedient sich dafür etlicher Medien und Materialien. Entsprechend sei ein Wiedererkennungswert "nicht so sehr an einzelnen Arbeiten festzumachen", wie Kunsthallen-Leiter Nicolaus Schafhausen bei der Presseführung der bis 22. März laufenden Schau erläuterte. Erst die Konfrontation mit den mehr als 60, miteinander in Beziehung gesetzten Werken lässt eine kontinuierliche Lesart plausibel erscheinen. der bis 22. März laufenden Schau erläuterte. Erst die Konfrontation mit den mehr als 60, miteinander in Beziehung gesetzten Werken lässt eine kontinuierliche Lesart plausibel erscheinen.

Die Verbindung wurde wiederum von Bismuth gewählt: Er hat Kurator Luca Lo Pinto sowie den Anwalt Laurent Caretto und den Psychoanalytiker Angel Enciso gebeten, aus seinem Oeuvre zu schöpfen und damit korrespondierende Texte zu verfassen. "Wir glauben immer, was ein Künstler über sein Schaffen sagt. Aber ich denke, dass es nicht genug ist, nur diese Aussagen zu hören", unterstrich Bismuth. "Es gibt auch andere Möglichkeiten der Interpretation."

Im Obergeschoß der Kunsthalle sieht man sich nun u.a. einer Bearbeitung von Disneys "Dschungelbuch" gegenüber: Bismuth hat jeder Figur eine der zahlreichen Synchronfassungen zugeordnet und lässt den Zeichentrickfilm damit zu einem Sprachdschungel werden. Für die Serie "Collage For Men" hat er wiederum nackte Frauenkörper aus Zeitschriften bedeckt, während "Following the right hand of..." etwa eine Videoaufzeichnung Sigmund Freuds zeigt, auf der Bismuth die Handbewegung des Psychoanalytikers nachzeichnet und dies mit der Aufnahme überlagert.

"Er konterkariert damit auch die alte Idee des künstlerischen Genies", so Lo Pinto, demzufolge die Ausstellung Bismuths Arbeiten "einem neuen Publikum zugänglich machen" soll. Der Auswahlprozess ermögliche "multiple Lesarten und Interpretationen. Und gerade der Anwalt macht in diesem Kontext Sinn, da sich Bismuth oft mit der Idee von Urheberschaft beschäftigt." Eine Ausnahme bildet dabei die einzige neue Arbeit, "Fried Chicken Flavored Polyethylene": In der Mitte des Raumes finden sich ein Extruder, eine Maschine zur Formgebung von Kunststoff, sowie Säcke mit Plastikgranulat und "Chicken Flavour". Rundherum sind die Ergebnisse dieser Mischung, recht ungustiös wirkende Plastiknester, angeordnet.

Die Auseinandersetzung mit Pierre Bismuth benötigt Zeit. Insofern keine ganz nebensächliche Tatsache, als Dienstagabend mit "The Future of Memory" (bis 29. März) eine weitere Ausstellung "über die Unendlichkeit der Gegenwart" eröffnet: Hier stehen digitale Kommunikationsformen, veränderte Verhaltensweisen und gesellschaftliche Problemherde im Fokus. So überlagert etwa Dragana Zarevac YouTube-Videos zu Pharrell Williams' "Happy" mit Straßenkämpfen aus Konfliktherden wie der Ukraine, Syrien oder dem Gazastreifen, während im "Carousel" von Edith Dekyndt nur leere Dias beleuchtet werden.

Dass sich das Rad der Zeit gerade in technischer Hinsicht immer schneller zu drehen scheint, thematisiert Ignacio Uriarte: Schon auf dem Weg in die Ausstellungshalle begegnet man seinen "60 Seconds", einem aus Armbanduhren gebildeten Kreis, wobei die digitalen Zeitmesser jeweils eine Sekunde voneinander abweichen und in regelmäßigen Abständen in den Alarmmodus wechseln. Geradezu entschleunigt wirkt dagegen Augustas Serapinas "Marie", ein in die Schau integriertes Büro für Kokuratorin Marie Egger.

Angesichts der Unmenge an Eindrücken, Seh- und Hörerlebnissen lockt diese mit Gegenständen aus Kunsthallen-Arbeitsplätzen drapierte Räumlichkeit zwar zum kurzen Verweilen (sollte Frau Egger das gerade ermöglichen), ganz entziehen kann man sich dem digitalen Rummel allerdings nicht. Sowohl Bismuth als auch die Gruppenschau sind fordernd und keinesfalls im Vorbeigehen zu erfassen. Wer sich aber darauf einlässt, für den ist der Tanz zwischen lustvollem Cartoon-Genuss und technoidem Gepiepe durchaus lohnend.

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