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MedizinWas ist so schlimm am 12-Stunden- Arbeitstag

Der 12-Stunden-Arbeitstag macht krank, trotzdem wird diskutiert und polemisiert. Zumeist am Thema vorbei, wie der Mediziner Gerhard Stark findet. Dabei gäbe es viel bessere ­Alternativen für mehr Produktivität.

Gerhard Stark ist Internist und hat heute die medizinische Gesamtleitung aller Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen der Österreichischen Ordensprovinz der Barmherzigen Brüder mit Stand­orten in Österreich, Ungarn, Tschechien und der Slowakei © Jürgen Fuchs
 

Ganz oder gar nicht! In der Diskussion um den 12-Stunden-Arbeitstag ist kein Kompromiss abzusehen, ganz im Gegenteil: Statt Argumente werden Weltanschauungen politisch aufgeladen und es wird munter drauflos polemisiert. Das Wort Arbeitszeitflexibilisierung hat bereits heute beste Chancen, zum Unwort des Jahres gewählt zu werden.
Bekanntlich will die Bundesregierung bis in den Herbst Vorschläge veröffentlichen, wie man „freiwillig“, so die Diktion, bis zu zwölf Stunden am Tag oder maximal 60 Stunden pro Woche arbeiten kann. Die Vereinbarungen sollen auf Betriebs­ebene erfolgen, unter Einbindung des Betriebsrates, heißt es. Und der Mitarbeiter dürfe wählen: Zeitausgleich oder Bezahlung der Überstunden. Bundesregierung und Opposition befinden sich deshalb im Dauerclinch und arbeiten sich aneinander ab. Wohl mehr als 12 Stunden, täglich. In der allgemeinen Aufregung scheint nur eines fix zu sein – all die Diskussionen um den 12-Stunden-Tag gehen in den meisten Fällen so richtig schön am Thema vorbei.

Kein Mensch scheint sich derzeit für Fakten zu interessieren. Vor allem die medizinischen Perspektiven kommen zu kurz. Gerhard Stark, Internist und ärztlicher Direktor für alle Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen der Österreichischen Ordensprovinz der Barmherzigen Brüder mit Standorten in Österreich, Ungarn, Tschechien und der Slowakei, überblickt eine Mitarbeiterzahl von 8500 Menschen. Er weiß um die Wichtigkeit der Differenzierung je nach Job: „Was ganz klar zuerst zu klären ist: Um welche Arbeit handelt es sich überhaupt? Je höher der Präsenzanteil gegenüber dem operativen Anteil ist, desto eher ist ein 12-Stunden-Tag in bestimmten Fällen und zeitlich abgegrenzt zumutbar.“ Stark weiter: „Wenn der operative Anteil gegenüber dem Präsenzanteil stark steigt, dann lässt der 12-Stunden-Tag die Leistungsfähigkeit dementsprechend sinken. Es ist ein Gebot der Klugheit des Arbeitgebers, das genau zu hinterfragen.“

Medizinisch sind die Auswirkungen klar, auf mehreren Ebenen. Das Gehirn zum Beispiel könne nicht über 12 Stunden bei voller Leistung konzentriert arbeiten. Qualitatives Arbeiten über so einen Zeitraum sicherzustellen, sei unmöglich. Kognitive Fähigkeiten nehmen bei so einer Arbeitsdauer ab, das Gehirn gehe mit der Überlastung in ein Chaos-Management über. Dinge werden vergessen, Fehler passieren, das Gehirn entwickle – überspitzt formuliert – ein „Eigenleben“, um sich zu schützen. Bei Stress werden Stresshormone ausgeschüttet, Blutdruck und Herzfrequenz steigen, das ganze fein balancierte System des Körpers gerät unweigerlich aus den Fugen.
Die Folge einer permanenten Überlastung: Neben psychischen Problemen, die auftreten können, steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wissenschaftler gehen von vermehrten Krankenständen aus und erklären, dass die Ruhezeiten bei 12-Stunden-Tagen dramatisch angehoben werden müssten.
Stark sagt: „Das Resultat ist letztlich Überforderung, es gibt mehr Abwesenheiten und das frühere Ausscheiden aus dem Arbeitsprozess wird wahrscheinlicher.“ Man wisse aktuell um die physischen Auswirkungen der Arbeit und eines 12-Stunden-Arbeitstages gut Bescheid – schwere körperliche Arbeit sei über so einen langen Zeitraum nicht möglich. „Weniger verlässliche Daten haben wir jedoch im psychischen Bereich. Das Resultat ist eben, dass wir viele Menschen im Bezug auf ihre mentale Leistungsfähigkeit überfordern. Früher waren mehrheitlich Skelett- und Stützapparatprobleme Frühpensionstreiber, heute sind es die Mentalerkrankungen.“ Aber er gibt auch zu bedenken: Die Arbeit alleine löse kein Burnout aus, es gehe immer um mehrere Faktoren und wie sie aufeinander wirken: Familie, Beziehungen ...

Entlarvend ist in diesem komplexen Spannungsfeld eine kürzlich in einer renommierten medizinischen Zeitschrift publizierte Studie, die über Jungmediziner gemacht wurde: „Man hat zwei Gruppen aufgestellt“, erzählt Stark. „Eine mit und die andere ohne Stundenlimits. Das Resultat: In beiden Gruppen wurden vergleichbare Ausbildungsergebnisse erreicht, die direkte Zeit am Patienten stieg in der Gruppe ohne Stundenlimits jedoch nicht an.“
„Deshalb“, so Stark, „ist der Gedanke, wir brauchen den 12-Stunden-Arbeitstag, damit die Wirtschaft funktioniert und die Produktivität steigt, ein zu einfaches Denken. Ein 12-Stunden-Tag kann in Spitzenbelastungszeiten helfen. Aber es ist zu bedenken, dass die Leistung eines Menschen nun einmal abhängig von der Dauer der Belastung ist und dadurch eine längere Arbeitszeit nicht unbedingt zu mehr Produktivität führen muss.“

Natürlich weiß Stark um berichtete Unzulänglichkeiten in manchen Unternehmen: Wenn der Chef zum Beispiel sagt, man sei zu langsam, um das Arbeitspensum zu bewältigen – und die Mitarbeiter auch aus Angst vor einem Jobverlust früher als das tatsächliche Ende der Arbeitsperiode bei der Zeiterfassung ausstempeln.
In diesem Zusammenhang sagt er als Manager und Mediziner ganz klar: „Wenn ein Unternehmen dieses gesetzeswidrige Verhalten benötigt, dann mache ich mir Sorgen um das Unternehmen und dessen weiteres Bestehen. Wenn ein derartiges Verhalten zum System wird, dann ist es die Bankrotterklärung für ein Unternehmen.“

Stark plädiert in Sachen Management überhaupt für eine neue Sichtweise. Denn: „Was noch zu bedenken ist: Die Babyboomer-Generation hat eine ganz andere Beziehung zum Thema Arbeit. Was die Babyboomer an Belastung und Arbeitszeit vielleicht noch mitmachen, werden die kommenden Generationen nicht mehr hinnehmen. Das trifft jedes Unternehmen innerhalb der nächsten fünf Jahre. Die nachkommenden Generationen lassen und brauchen sich vieles nicht gefallen zu lassen, weil die Abgänge der Babyboomer solche Löcher reißen, dass es für nachkommende Generationen am Arbeitsmarkt einfacher werden könnte. In vielen Bereichen ist das bereits spürbar, wie dies der aktuelle Techniker- und Facharbeitermangel wie auch in manchen Gebieten der Ärzte- und Pflegekräftemangel zeigt.“
Die nachfolgenden Generationen seien gesundheitsbewusster und auch bewusster im Abgrenzen zwischen Arbeit und Freizeit. Man müsse daher neue Zugänge in der Führung suchen. In einer jüngsten Publikation des Institute für Health­care Improvement mit dem Titel „Health Care Leaders: Heroism Is Out, Humility Is In“ würden laut Stark neue Führungsgrundsätze mit großer Involvierung der Mitarbeiter propagiert, die bedeutsam mehr an Produktivität erwarten lassen als zum Beispiel eine einfache Maßnahme eines alleinigen Erhöhens der maximalen Tagesarbeitszeit – inklusive erwünschter Nebenwirkungen wie einer besseren Stimmung im Unternehmen.

„Es geht um Involvierung der Mitarbeiter in das gesamte Leistungsgeschehen“, so Stark. „Kurz zusammengefasst: Die Diskussion um den 12-Stunden-Tag ist nicht allein ein numerisches Thema, es ist auch nicht allein ein Thema um Produktivität und auch nicht allein ein Thema, das auf der gesundheitlichen Basis zu diskutieren ist, es ist vielmehr ein Thema über Vertrauen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer und eben auch ein Thema des Respekts und der Involvierung der Mitarbeiterexpertise und der Mitarbeiterbedürfnisse zu der von ihnen geleisteten Arbeit.“

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