CoronakriseIch habe meinen Job verloren: Was nun?

Psychologin Kerstin Kulterer-Prodnik erklärt, wie wichtig Resilienz nun ist und gibt Tipps für den Weg aus der persönlichen Krise.

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Zurzeit stehen viele Menschen vor den Scherben ihrer Existenz. Neben der gesundheitlichen Bedrohung durch das Coronavirus sehen sich viele zusätzlich mit Arbeitslosigkeit und finanzieller Not konfrontiert. Den Arbeitsplatz zu verlieren durch eine Kündigung ist immer eine außergewöhnliche Belastung. Den Job in Zeiten einer Krise zu verlieren, verschärft die Situation enorm, weil viele nun auch befürchten, länger arbeitslos zu bleiben. Insbesondere der stabilisierende Faktor der Arbeit, der nicht nur unsere materielle Existenz sichert, sondern auch Tagesstruktur und soziale Kontakte bietet, spielt hier eine große Rolle. Fällt dieser Faktor weg, können Menschen kurzfristig in ein tiefes Loch fallen, ähnlich den Gefühlen des Verlassenwerdens. Es ist ein Verlusterlebnis, es wird mir etwas genommen und ich habe keine Kontrolle darüber.

Nicht unterschätzen

Solche Verlusterlebnisse greifen vor allem unser Selbstwertgefühl an, häufig gepaart mit Gefühlen der Hilfs- und Hoffnungslosigkeit, aber auch Wut und Resignation. Nun befinden wir uns alle schon seit Wochen in einem Ausnahmezustand, welcher all diese Gefühle ebenso hervorrufen kann. Hier treffen also mehrere tiefschürfende Belastungen aufeinander, dies darf keinesfalls unterschätzt werden.

Zur Person

Kerstin Kulterer-Prodnik ist Gesundheitspsychologin in Villach. Information: praxis.prodnik.at

In solch einer Situation ist es besonders wichtig, wieder so schnell wie möglich in die Kontrolle und Selbstbestimmung zu kommen. Wie das gelingen kann, lehrt uns die Resilienzforschung. Resilienz ist unsere innere Widerstandskraft und kann auch als Immunsystem der Seele betrachtet werden. Abgeleitet von dem englischen Wort „resilience“ bedeutet es umgangssprachlich „sich zu biegen, anstatt zu brechen“. Es ist die Fähigkeit, erfolgreich mit belastenden Lebensumständen umzugehen und sie ist erlernbar. So nutzen resiliente Menschen Krisen, um aus ihnen zu lernen und sich dadurch weiter zu entwickeln. Sie nehmen Schicksalsschläge ernst, empfinden ebenso Gefühle der Wut und Trauer, aber sie verzweifeln nicht daran.

Resilient sein

Sie können sich immer wieder neu motivieren und haben auch einen kritischen, aber dennoch liebevollen Blick auf sich selbst. „Fehler werden gemacht, um daraus zu lernen.“ „Nur durch das Hinfallen, lernt man wieder Aufzustehen.“ Solche Sätze sind Beispiele des Denkens einer resilienten Person. Und es zahlt sich aus, in diese Fähigkeit zu investieren, denn die Folgen der Resilienz sind nicht nur weniger Ängste und mehr Lebenszufriedenheit, sondern auch schnellere Erholung und auch weniger körperliche Beschwerden.

Angelehnt an „The Road to Resilience“ der American Psychological Association (APA) soll hier in wenigen Schritten erklärt werden, wie man diese Fähigkeit selbst erlernen kann. Dabei ist es nicht von Bedeutung, ob Sie alle Schritte umsetzen oder vielleicht erstmal nur einen, denn bereits die kleinste Veränderung einer Verhaltensweise in unserem Leben beeinflusst im Hintergrund so viele weitere Umstände. Ähnlich einem Dominospiel, wo nur ein Stein das Umfallen vieler anderer bewirken kann. Hier gilt vielmehr der altbekannte Spruch „Der Weg ist das Ziel.“

Bauen Sie soziale Kontakte auf und pflegen Sie bestehende.
Gute Beziehungen zu Freunden und Angehörigen sind hilfreicher Unterstützer in Krisenzeiten und stärken Ihr Selbstwertgefühl. Auch das Engagement in einem Ehrenamt oder die Mitgliedschaft in einem Verein kann vieles abfedern. Darüber hinaus ist es besonders für den beruflichen Kontext nie verkehrt ein großes Netzwerk an Personen zu pflegen, um so an eventuelle neue Jobmöglichkeiten zu kommen.

Betrachten Sie Krisen nicht als unüberwindbares Problem.
Man kann den Jobverlust zwar nicht rückgängig machen, aber man kann beeinflussen, wie man darüber denkt und darauf reagiert. Das Gefühl der Kontrolle kann hier enorm entlastend wirken. Ebenso die Denkweise, dass es sich um eine zeitlich begrenzte Krise und keinen Dauerzustand handelt. Diese zeitliche Begrenzung meiner Arbeitslosigkeit und die Überzeugung, meine eigenen Lebensumstände weiterhin beeinflussen zu können, zeichnen eine resiliente Denkweise aus.

Fokus auf die Zukunft legen

Entwickeln Sie realistische Ziele.
Der Fokus auf die Zukunft, auf all die Wünsche und Ziele, die man verwirklichen und erreichen möchte, sollte insbesondere in Krisenzeiten nicht verloren gehen. Denn selbst in Zeiten des Verlusts bleiben Ihre Ziele und Wünsche dennoch vorhanden. Insbesondere lang gehegte Wünsche einer beruflichen Veränderung können in solchen Zeiten wieder mehr in den Vordergrund rücken.

Werden Sie aktiv und verlassen Sie die Opferrolle.
Das anfängliche Gefühl der Resignation, die Wut und Trauer, den Kopf in den Sand zu stecken… all das darf sein. Doch das Verharren in dieser Rolle sollte nicht zum Dauerzustand werden, weil Sie dies zunehmend schwächen kann. Nutzen Sie stattdessen die Möglichkeit, um Bilanz zu ziehen und eine Bestandsaufnahme zu machen. War das wirklich mein selbstgewählter Weg, den ich bisher gegangen bin? Konnte ich meine Stärken und Kompetenzen einsetzen und wurde ich anerkannt in meinem Handeln und Tun? Wie möchte ich meine berufliche Zukunft gestalten, welche Möglichkeiten habe ich? Was wollte ich eigentlich immer schon erlernen? Was kann ich selbst verändern und in die Tat umsetzen? All das sind initiative Gedanken, die Sie wieder ins Tun bringen und verhindern, sich durch das Geschehene allzu sehr lähmen zu lassen.

Glauben Sie an sich

Glauben Sie an Ihre eigenen Kompetenzen.
Lernen Sie sich in dieser Zeit noch besser kennen und entwickeln Sie sich weiter. Erinnern Sie sich an schwierige Lebensumstände, die Sie bereits bewältigt haben und erkennen Sie, welche Eigenschaften Ihnen dabei geholfen haben. Wem es gelingt, sich in Krisenzeiten neu zu entdecken, kann daraus ungemeine Kraft schöpfen und ein intensiveres Lebensgefühl erfahren.

Nehmen Sie eine Langzeitperspektive ein.
Auch wenn die gegenwärtige Situation eine sehr schmerzhafte ist, sollte man versuchen, den Fokus auf den gesamten Lebensverlauf zu legen. So ist diese Zeit in der Gesamtheit Ihrer Lebensspanne nur ein sehr kleiner Teilbereich, der nicht automatisch ihr gesamtes Leben definiert. Es kann hilfreich sein, sich auch hier wieder die Fragen zu stellen: Gab es in der Vergangenheit ähnlich herausfordernde Zeiten und wie habe ich diese erfolgreich hinter mich gebracht? Welchen Einfluss hatten diese Zeiten auf mein heutiges Leben? Oder auch „Wie möchte ich in 10 Jahren auf diese schwierige Zeit zurückblicken?“

Hilfe suchen und annehmen

Und zu guter Letzt, sorgen Sie für sich selbst.
Nicht nur aktiv und positiv zu bleiben, kann helfen gut durch eine schwierige Zeit zu kommen. Auch die Phasen des Rückzugs und des Klagens zuzulassen und sich diese Zeiten zu erlauben, ist ein wichtiger Bestandteil des Ganzen. Spüren Sie nach, was es gerade braucht und zögern Sie nicht, sich professionelle Unterstützung zu holen, wenn der Leidensdruck zu groß wird. So können Sie einen Teil des Weges gemeinsam gehen und dabei den neutralen Blick von außen nutzen, um für sich selbst neue und zuversichtliche Blickrichtungen zu entdecken.



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