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MEIN TRAUMBERUF

Cutter: Sie machen den Film erst zum Kunstwerk

Ein Beruf, der sich im „stillen Kämmerlein“ abspielt, aber für den Erfolg eines Films ungemein wichtig ist: Cutter. Ingrid Koller ist als Cutterin in Österreich absolut top.

Präzisionsarbeit: heute nur noch digital © (c) arahan - Fotolia
 

Cutter bringen endloses Filmmaterial erst in Form – gibt es Beispiele, wie sich ein gekonnter Filmschnitt auf den Erfolg eines Films auswirken kann?
INGRID KOLLER: Ja, Fred Zinnemanns „12 Uhr mittags“ zum Beispiel lief nur recht und schlecht, bis der Cutter den Vorschlag machte, das gesamte Material noch einmal zu überarbeiten. Dadurch wurde der Film viel dichter – und letztendlich zum Klassiker. Gary Cooper erhielt den Oscar als bester Hauptdarsteller. „Der Mann, der herrschen wollte“ aus dem Jahr 1949 war so miserabel, dass er gar nicht erst in die Kinos gebracht wurde. Regisseur und Autor Robert Rossen kämpfte für eine Neuversion. Es gab drastische Schnitte – und am Ende drei Oscars.

Wie wird man Cutterin?
KOLLER: Ein Weg ist die Filmakademie. Ich ging den anderen, von der Pike auf. Zweite Assistentin, erste Assistentin, Schnittmeisterin.

Eine absehbare Karriere?
KOLLER: Mein Großvater war Fotograf, mein Vater Kameraschwenker, der noch beim legendären Sascha Kolowrat lernte. Die Familie war mit einem Ehepaar befreundet, in der beide Cutter waren. Insofern war eine gewisse Basis da. Ich aber wollte zunächst an die Graphische, wurde nicht genommen, weil ich mit 14 zu jung war. So landete ich an der Textilfachschule, in der Wirkerei und Strickerei. Dort gefiel es mir nicht, ich bin noch vor der Matura ausgebrochen.

Was war Ihr Ziel?
KOLLER: Ich wollte an die private Schauspielschule Krauss. Mein Vater weigerte sich aber zu zahlen. Er meinte, dann müsse ich mir zwecks Finanzierung einen Job suchen. Aus der Schauspielschule wurde dann nichts. Es reichte nur bis zur ersten Kontrollprüfung, dann warf mich Lehrer Fritz Muliar raus. Ich hatte folgende Szene zu spielen: Das Telefon läutet, ich hebe ab und erfahre, dass meine Mutter gestorben ist. Muliar sagte: „Spielen Sie das!“ Es muss elend gewesen sein. Begründung für meine negative Beurteilung war, dass aus meiner „Darstellung“ überhaupt nicht hervorging, welches Verhältnis ich zu meiner Mutter gehabt hatte.

Wie kamen Sie dann trotzdem zum Film?
KOLLER: 1969 begann ich bei der Telefilm als zweite Cutter-Assistentin. Das hatte ich meinem Onkel Joe zu verdanken. Seine Tochter wollte diesen Beruf nicht ergreifen und so konzentrierte er all seine Energie auf mich. In vollem Ausmaß. Die anderen tratschten, ich musste arbeiten. Onkel Joe meinte immer: „Du machst das schon!“ Während es die anderen lustig hatten, habe ich geschuftet. Ich war aber sehr ehrgeizig und durfte die letzte Folge einer Alpen-Doku allein schneiden. So avancierte ich von der Assistentin zur Cutterin.

Was war Ihre beste Schule in diesem Beruf?
KOLLER: Die jahrelange Mitarbeit bei „Apropos Film“, da habe ich am meisten gelernt. Damals durfte bei Filmaufnahmen mitgedreht werden und anhand dieses Materials konnte ich im Schneideraum so etwas wie eine Handlung entwerfen. Heute erlauben sie dieses Mitdrehen nicht mehr, bei Festivals bekommt man ein komplettes Making-of in die Hand gedrückt. Ich habe auch viele Schnitte zu Musik gemacht. Später setzte ich, gegen viele Widerstände, den Job des Ton-Cutters durch. Dessen Bedeutung habe ich erst erkannt, als mich Robert Dornhelm für eine TV-Produktion von „Die zehn Gebote“ nach Hollywood holte. Prompt erhielt ich eine Nominierung für den höchsten Fernsehpreis „Emmy“. Heute ist der Ton-Cutter auch bei uns ganz normal.

Sie waren Chefcutterin unter anderem für die österreichischen Mega-Erfolge „Müllers Büro“ und „Hinterholz 8“. Mit welchen Regisseuren haben Sie hierzulande gearbeitet?
KOLLER: Mit fast allen. Nur nicht mit Axel Corti und Michael Haneke. Nach dem ersten Trailer mit Haneke wurde beschlossen: Wir werden nie mehr miteinander schneiden.

Mitte der Achtzigerjahre begann der digitale Durchbruch. Was ist für Sie dadurch anders geworden?
KOLLER: Alles geht einfacher. Früher zum Beispiel gab es alle 16, 18 Kader Fußnummern, die man im Kopf haben musste, um die Tonspur anzugleichen. Früher wurden die Schnitte mit Tixo geklebt und wenn es da ganz kurze Schnitte gab, stellte sich manchmal der ganze Film auf. Wenn man sich verschnitt, mussten die Muster neu bestellt werden. Das haben die Produzenten nicht bezahlt. Also musste sich unsereiner jeden Schnitt ganz genau überlegen. Heute, mit dem Computer, geht alles schneller und einfacher. Passt etwas nicht, löscht man es und fängt von vorne wieder an. Einstellungen können viel schneller gewechselt werden. Wollte man früher Muster zeigen, musste man die richtigen Röllchen aus der Schachtel holen und alles abrollen, um gewünschte Stellen herzuzeigen. Das ist viel unkomplizierter geworden.

Haben Sie schon einmal ans Aufhören gedacht?
KOLLER: Nein. Ich mache weiter, solange sie mich wollen.

Das Interview führte Luigi Heinrich.

ZUR PERSON

Ingrid Koller wurde am 19. März 1950 in der Wiener
Innenstadt geboren.

Ausbildung. Sie besuchte die Volksschule St. Ursula, danach mehrere Schulen, weil sie Eiskunstläuferin werden wollte und sich die nötigen Eis-Termine mit dem Schulunterricht schlecht vereinbaren ließen. Erst trainierte sie als Solistin, dann als Eistänzerin, wo sie bei den Staatsmeisterschaften einen zweiten Platz schaffte. Sie beendete ihre Karriere, weil sie ihre Zukunft nicht in einer Revue sah. Auch die Schauspielschule brach sie ab, ebenso die Textilfachschule. Erfüllung fand sie erst in der Ausbildung zur Filmcutterin ab 1969.

Privatleben. Seit 35 Jahren ist sie mit Kameramann Walter Kindler verheiratet.

Aktuelle Arbeiten. Zwei „Tatorte“ und der Kinofilm „Beautiful Girl“, der nächstes Jahr anlaufen wird.

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