Bericht einer Betroffenen„Hauptsache, das Heroin kam in meinen Körper“

Zwölf Jahre spritzte sich die Villacherin Sandra H. täglich Heroin. Eine mehrjährige Haft zwang sie in den Entzug und ließ sie überleben. Im Schweigen und Schämen sieht sie die größte Gefahr.

Wenn sie keine Vene fand, spritzte die Villacherin sich in Knochen oder Muskelstränge
Wenn sie keine Vene fand, spritzte die Villacherin sich in Knochen oder Muskelstränge © Hannes Pacheiner
 

Die Narben an den Armen von Sandra H.* erzählen den Leidensweg, den das Leben der 61-Jährigen schrieb. Zwölf Jahre lang gab sich die zweifache Mutter Tag für Tag ihrer Drogensucht hin. Heroin und Kokain gleich als Einstiegsdroge mit Anfang Dreißig und die Jahre darauf täglich zum Morgenkaffee. Ein Gramm verteilt auf ein paar Tage, dann wieder eine neue Lieferung für neues Glück. Die Villacherin hantelte sich von Rausch zu Rausch, um Job, Kindererziehung und Alltag zu bewältigen. Auf jedes Hoch folgte ein tiefer Fall. Tränen, Krämpfe, Schwindel, Erbrechen. Der Entzug machte sich sofort bemerkbar. Wieder der Griff zur Droge. Durch jede Vene, die die damals 40-Jährige finden konnte, spritzte sie sich am Höhepunkt der Abhängigkeit das Heroin. „War keine mehr zu finden, zerstach ich mir Unterarmknochen und Muskelstränge. Hauptsache das Zeug kam irgendwie in meinen Körper.“

Solange, bis sich der Körper zu wehren begann. „Auf einmal entzündeten sich all meine Einstichlöcher, egal wo ich stach. Ich verband die Wunden selbst und ging zur Arbeit.“ Ein Arztbesuch? Ein Entzug? Die Angst vor der Wahrheit und ihren Folgen waren zu groß, die Sucht zu stark. „Niemand sollte etwas erfahren. Mir ging es ja gut. Ich war in meinen Augen nie so abhängig. Das Kartenhaus durfte nicht zusammenbrechen“, erzählt sie heute. Im Alter von 43 Jahren brach das Kartenhaus zusammen und die schwer Abhängige wurde wegen ihres Konsums für mehrere Jahre inhaftiert. Aus heutiger Sicht rettete ihr das Gefängnis das Leben, der Entzug ließ sie allerdings fast ums Leben kommen. „Dazu die Krebsdiagnose im Gefängnis. Damals war mir klar, wenn ich diese Krankheit überlebe, werde ich meinem Körper das nicht mehr antun.“

Sandra H. überlebte und stillte mit Substitutionsmitteln ihre Sucht. Die ersten Monate nach der Haft war die Versuchung am Größten. „Alles in der alten Wohnung erinnerte mich an früher. Ich musste mein Umfeld verändern, den Wohnort verlegen, Kontakte abbrechen, Freunde hinter mir lassen.“ Heute, zwölf Jahre später, lebt von diesen Freunden keiner mehr. Alle starben an einer Überdosis. Sandra H. bereitet sich unterdessen auf ein Leben gänzlich ohne Substitutionsmitteln vor. „Mit Jahresbeginn lassen wir auch die Ersatzdrogen auslaufen, dann ist alles so, wie es vor dreißig Jahren war“, blickt sie nach vorne – und zurück auf ein Leben, das sie gerne anders gelebt hätte. Dass immer mehr Menschen an den Folgen ihrer Sucht sterben, kann Sandra H. trotz ihrer Geschichte nur bedingt nachvollziehen. „Viele wissen nicht einmal, was sie nehmen und wie es wirkt. Sie bestellen sich die Drogen im Internet und sterben, noch während die Spritze in ihrem Körper steckt.“

Sandra H. lässt sich in der Drogenambulanz helfen. Am Bild: Leiter Gerald Kattnig Foto © Hannes Pacheiner

Gerald Kattnig, Leiter der Roots-Drogenambulanz in Villach sieht einen Wandel im Konsum. „Die Drogen werden einerseits reiner und somit stärker. Andererseits wird aber auch wild durcheinander konsumiert und die Substanzen gemischt. Das macht den Konsum zusätzlich gefährlich“, so Kattnig. Mehr als 500 Klienten zwischen 14 und 65 Jahren werden in den Roots Ambulatorien in Villach, Völkermarkt und Spittal betreut, 800 sind es in Klagenfurt. Die Einrichtungen platzen aus allen Nähten, die Hoffnung lastet auf den Schultern der Politik, die Verantwortung aber bei jedem Einzelnen. „Sucht spannt sich von Schlafmitteln über Alkohol bis zu Heroin. Sie darf nicht mehr tabuisiert werden. Jeder ist aufgerufen auch Tablettenkonsum zu hinterfragen“, so Kattnig. Angehörigen von Abhängigen rät er, das Problem anzusprechen, kein Lügenkonstrukt zu unterstützen und sich dem Problem zu stellen.

*Name von der Redaktion geändert.

Roots Villach

Zielsetzung: Reflexion des Konsums, Reduzierung und Absage zu Drogen, Verarbeitung der Lebensgeschichte
Behandlungen. Gesprächstherapien, medizinische Behandlung und Substitution. Alle Behandlungen erfolgen kostenfrei und anonym.
Kontakt. Telefonnummer: 04242/27830 oder per Mail roots@avs-sozial.at.
Öffnungszeiten. Montag, Dienstag, Freitag 9 bis 11 Uhr, Mittwoch 15 bis 17 Uhr, Donnerstag 16 bis 18 Uhr.

Kommentare (1)

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GordonKelz
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JEDEN TAG...

...NOCH MEHR SOLCHE REPORTAGEN , DAS AUCH JENE DIE STÄNDIG SICH SELBST BELÜGEN ,NICHT SÜCHTIG ZU SEIN , ERKENNEN WIE DIE FAKTEN AUSSEHEN !
Gratulation für diesen Bericht an Frau Eva
Maria Scharf .
Gordon Kelz

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