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Matrei

Wie ein Ort seit Jahrzehnten alle das Fürchten lehrt

Das Klaubaufgehen in Matrei im Osttirol entführt in eine archaische Zeit: Ein Mythos zwischen Furcht und Faszination. Am heutigen Sonntag findet das Ausläuten im Ort statt.

Uralt ist der Brauch in Matrei: Ein Foto von 1925 bezeugt das
Uralt ist der Brauch in Matrei: Ein Foto von 1925 bezeugt das © KK
 

"Man hat Angst und ist gleichzeitig fasziniert.“ Der Kultursoziologe Roland Girtler weiß, wovon er spricht. Girtler ist nicht nur langjähriger Gast der Matreier Gespräche, die derzeit im Ort im Iseltal stattfinden, sondern auch begeisterter Beobachter des Klaubauf-Brauchtums. Was sich jedoch am 6. Dezember 2013 in Matrei abspielte, dafür hat er nur ein Wort: „Verbrechen.“ Ein junger Bursche wurde damals von einem Klaubauf so schwer verletzt, dass er mit einem Schädelbruch im Klinikum Klagenfurt landete. Der Täter wurde nie erwischt.


Das Klaubauf-Brauchtum besteht aus mehreren Elementen: Einerseits werden vom Nikolaus, Engeln, den Figuren Lotter und Lütterin sowie den Kleibeifen private Häuser besucht. Der dramatische Höhepunkt dieses Brauches ist am Sonntag in Matrei, Punkt Mitternacht. Im Ortskern versammeln sich die Kleibeife zum zeremoniellen Gerangel. Die Kleibeife versuchen mit einem rituellen Wurf, wobei sie sich im Kreis drehen, ihre „Gegner“ auf den Boden zu werfen. Danach werden sie wieder aufgeklaubt (daher auch der Name). „Auch ein Klaubauf muss Regeln haben. Das gehört zur Ehre“, sagt Girtler.


Alter Brauch


Das Klaubauf-Brauchtum in Matrei ist alt, so alt, dass es sonst nirgends mehr in dieser Art betrieben wird. Der verstorbene österreichische Verhaltensforscher Otto König war derart fasziniert, dass er Studien durchführte und die Matreier Gespräche ins Leben rief. Das Ausläuten selbst ist zum furchtgewaltigen Mythos geworden: Medien unerwünscht, ein „Brauchtum von Matreiern für Matreier“, wie Bürgermeister Andreas Köll betont: „Das ist keine touristische Veranstaltung.“ Es gibt keinen Schnick-Schnack, in Matrei treffen die Kleibeife auf vornehmlich Burschen zum rituellen Kampf. Es gibt nicht einmal einen Verein. Der studierte Jurist Köll und Obmann des Bezirkskrankenhauses sieht zwischen Klaubauf und Rechtsstaatlichkeit keinen Widerspruch: „Wenn jemand sich so verhält, dass er gegen das Strafrecht verstößt, dann ist es eine Frage der Staatsanwaltschaft, der Polizei und der Gerichte.“ Dennoch gibt es jedes Jahr in Osttirol dutzende Verletzte: voriges Jahr „nur“ 53.


Die Matreier Gespräche stehen im Zeichen der „Kolonisierung“. „Wir sind hier in Matrei, weil es eine Art Rückzugsgebiet vom Alltag ist“, sagt Bernhart Ruso, organisatorischer Leiter der Tagung. Das Brauchtum in Matrei sieht er als identitätsstiftend für die Region: „Es fördert den Zusammenhalt.“ Und was ist mit der Gewalt? „Fürchten braucht man sich nicht. Wenn es Verletzungen gibt, ist das aber kein Brauchtum.“ Genau bei diesem Punkt hakt Wolfgang Lattacher, Kärntner Brauchtumsexperte ein: „Man muss den Brauch in die Gegenwart stellen und fragen: Passt das so? Der Brauch in Matrei ist sehr hart geworden. Es ist an der Zeit, nachzudenken, was verändert werden soll.“ Und Lattacher fügt hinzu: „Gäste sollten das Brauchtum auch miterleben können. Ohne besondere Gefahren.“

Ein Knigge für den Krampus

In Kärnten hat man Richtlinien für den Krampusbrauch herausgegeben: Zwar sollte ein Krampus temperamentvoll, aber nicht aggressiv oder gewalttätig sein. „Und keinesfalls dürfen die Krampusse alkoholisiert sein“, sagt Brauchtumsexperte Wolfgang Lattacher. Weiters fordert der Knigge für Krampusse ein: Beim Zusammentreffen mit Kindern, ist besondere einfühlsame Vorsicht geboten. Lattacher fügt hinzu: „Jeder Brauch hat das recht sich zu ändern, auch unterzugehen, wenn er nicht mehr zeitgemäß ist.“ Auch in Matrei wendet sich Bürgermeister Andreas Köll heuer an die Matreier und erinnert an den schrecklichen Vorfall am 6. Dezember 2013 und erinnert an den Ehrenkodex.

Klaubauf in internationalen Medien

Der Brauch rund um den Klaubauf lebt auch in Virgen, nur wenige Kilometer von Matrei entfernt. In Virgen bereiteten Kleibeife 22 untergebrachte Asylwerber aus Syrien, aus dem Irak und aus Afghanistan im geschützten Rahmen auf die ersten sechs Dezembertage vor.


In dieser Zeit ziehen Kleibeife und Nikolaus im Ort von Haus zu Haus. Den Flüchtlingen wurde der Brauch anschaulich erklärt und versucht, ihnen in der direkten Begegnung Angst vor den Furcht einflößenden Gestalten zu nehmen. Mit dem Integrationsakt landete Virgen in internationalen Medien und bei einem Millionenpublikum. Der britische „Daily Mirror“ berichtete von der Aktion im kleinen Osttiroler Bergdorf ebenso, wie der News-Kanal NBC.

ANDREAS KANATSCHNIG

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gsauer
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4
Lesenswert?

Hat mit Brauch

nichts mehr zu tun,Hauptsache Lärm und Alkohol

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