"Ist es ein Gefühl von Freiheit? Wir kennen es nicht anders, für uns ist es nichts Besonderes und Normalität", philosophiert Adolf Berger und blickt über seinen Hof. Auf 1535 Metern ist er Bergbauer mit Leib und Seele. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Elfriede sowie seinem Sohn Matthias und dessen Familie betreibt er den Oberbichlerhof in Prägraten, den höchstgelegenen Hof der Gemeinde. Dort leben sie ein nahezu autarkes Leben: Brot, Milchprodukte, Salat, Fleisch, Säfte und Schnäpse - Produkte des täglichen Lebens werden hier selbst gemacht. "Nur einen Teil des Gemüses kaufen wir bei einem befreundeten Biobauern zu", erzählt Berger. Der Hof beheimatet fünf Milchkühe, zehn Jungrinder, 30 Steinschafe, vier Ziegen, vier Schweine, einen Hund und zwei Katzen. Derzeit verbringen ein Großteil der Tiere die Sommerfrische auf der Alm. Die Familie bewirtschaftet und betreut mehrere Hektar Heimgutfläche und Hutweide.

Der Hof liegt auf 1535 Meter und ist das höchste Anwesen der Gemeinde
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Selbermacher

Der Strom wird mittels Fotovoltaik hergestellt. "Wir erzeugen doppelt so viel, wie wir verbrauchen. Der Rest wird verkauft und ins Netz eingespeist." Das Warmwasser wird mit thermischer Energie über Solaranlagen erzeugt, die Hackschnitzelheizung sorgt für die warme Stube. Der Großteil der Milch wird an die Tirol Milch verkauft. Alle zwei Tage kommt der Tankwagen. Auch Arbeiten an Haus und Stall werden nach Möglichkeit und handwerklichem Geschick von der Familie selbst erledigt.

Die alte Mühle kann jederzeit wieder aktiviert werden
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Sparsam, aber mit „tollem Lebensstandard“

Es ist eine bewusste Lebensphilosophie der Familie. "Wir wissen, woher unsere Produkte sind, was drin ist und dass die Qualität stimmt. Daher müssen wir uns keine großen Sorgen um Preisteuerungen, Versorgungsengpässe, Blackouts oder Lockdowns machen." Das Geld ist für die sparsame Familie ein Motivationsfaktor. "Gut zu wirtschaften, ist uns wichtig. Das Ersparte investieren wir wieder in den Hof", erklärt Berger, der den autarken Gedanken schon von seinen Eltern vorgelebt bekam. Doch Berger ist es auch wichtig zu betonen: "Es ist nicht so, dass wir auf etwas verzichten müssen. Wir haben trotzdem einen tollen Lebensstandard, können jeden Tag frisch kochen, haben eine große Palette an Produkten zur Auswahl und lassen es uns gut gehen."

Berger mit Ziege Paula
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Monatelange Isolation wäre kein Problem

Über die Gemeindestraße führt der Weg in den Ortskern. Sollte die Hofzufahrt durch Natur- und Unwetterereignisse einmal versperrt sein, so zeigt sich die wahre Stärke des Oberbichlerhofs. "Wir können problemlos Monate hier überleben", erklärt Berger. Alleine die Getreidevorräte reichen über ein Jahr. Die alte Mühle lässt sich rasch reaktivieren. "Das gibt dir Sicherheit, wenn du weißt, du brauchst nur in den Keller gehen und hast alles, was du brauchst." Doch es gibt auch die Kehrseite der Medaille. "Es ist zweifelsfrei mit viel Arbeit verbunden. Urlaub kennen wir nicht", erzählt Berger.  Gerade kommen sie von der Heumahd, bald folgt der zweite Schnitt. Die Tiere auf der Alm benötigen Aufmerksamkeit, die Angst vor dem Wolf ist omnipräsent. Am Haus fallen immer Arbeiten an, Sohn Matthias baut gerade um. Der preisgekrönte Schnaps brennt sich nicht von alleine, die Feriengäste freuen sich über Gesellschaft. Doch am Ende des Tages bleibt ein Gefühl, unabhängig zu sein - unabhängig vom Trubel. "Ja, es ist ein Gefühl von Freiheit", sagt Adolf Berger.

Am Hof befindet sich eine kleine Brennerei. Der Oberbichler-Schnaps wurde bereits mehrfach mit dem "Destillata-Preis" ausgezeichnet
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