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SommergesprächPater Anton Wanner: „Krisen zwingen uns zum Nachdenken“

Als Seelsorger spendet Pater Anton Wanner nicht nur im Gefängnis und im Krankenhaus Trost. Auch in der Corona-Krise war der 80-Jährige unermüdlich im Einsatz.

In der Kapelle im Klinikum Klagenfurt tankt Pater Anton Wanner Kraft nach den täglichen Gesprächen mit den Patienten.
In der Kapelle im Klinikum Klagenfurt tankt Pater Anton Wanner Kraft nach den täglichen Gesprächen mit den Patienten. © Weichselbraun Helmuth
 

Wann hatten Sie erstmals das Gefühl, dass Sie ein Talent dafür haben, anderen Menschen zu helfen?
Pater Anton Wanner: Ich wuchs in einem religiösen Elternhaus auf, und habe immer gerne Menschen geholfen. Vor dem Theologiestudium war ich Spediteur. In dieser Zeit beobachtete ich schwere Verkehrsunfälle. Als junger Mensch macht man sich da schon Gedanken, wie schnell das Leben vorbei sein kann.

Als Seelsorger begleiten Sie Sterbende und Trauernde. Was empfinden Sie in so schweren Momenten als Erfolg?
Erfolg ist kein Vokabel Gottes. Was zählt, ist, den Menschen in der letzten Phase ihres Lebens beizustehen, zu jeder Tages- oder Nachtzeit. Auch wenn es zwei Uhr früh ist.

Schildern Sie bitte ein Beispiel aus Ihrer Arbeit.
Vor vielen Jahren erzählte mir ein Journalist, der nur noch einen Monat zu leben hatte, dass er Rufmord begangen habe. Menschen hätten wegen ihm seine Arbeit und die Familie verloren, alles auf Basis der Unwahrheit. Das belastete ihn sehr. Ich sagte ihm, dass es eine Gnade sei, diese Erkenntnis noch zu Lebzeiten erlangt zu haben. 

Keine Krankheit ist ganz umsonst, manchmal trägt sie einen tieferen Sinn in sich.

Pater Anton


Sehr berührt haben mich auch die Gespräche mit Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben. Einige haben sich an mich gewandt, weil sie nicht mehr schlafen können. „In der Nacht sehe ich die Gesichter, auf die ich im Krieg geschossen habe“, sagten sie.

Was haben Sie ihnen geraten?
Ich riet ihnen, für Verzeihung zu beten. Was getan wurde, kann nicht rückgängig gemacht werden, aber das Verzeihen kann ein heilsamer Moment sein - auch wenn es bereits am Abend des Lebens ist.

Wie kann man sich Ihre Arbeit im Gefängnis vorstellen?
Im Gefängnis bin ich ein Operateur. Die Tat darf nicht verschönert werden, man muss sie im Lichte des Opfers sehen. Das muss man klar ansprechen. Das schmerzt, macht aber einen Neuanfang erst möglich. Der Gefangene muss nach seiner Entlassung die Chance haben, eine bessere Lebensausrichtung zu finden.

Bei all dem Leid, das Sie sehen - Zweifeln Sie jemals an Gott?
Keine Krankheit ist ganz umsonst, manchmal trägt sie einen tieferen Sinn in sich. Vor Jahren sprach ich mit einem sterbenskranken Kind, dessen Eltern geschieden waren. Nach seinem Tod haben sie einander wieder gefunden und geheiratet.

Ich sehe Corona nicht als Strafe Gottes. Krisen zwingen uns manchmal zum Innehalten.

Pater Anton


Welchen Sinn hat Corona?

Ich sehe Corona nicht als Strafe. Vielleicht kann man irgendwann einmal sagen, dass diese Monate der Zurückgezogenheit und Isolation mit Angst verbunden waren, aber manch einen zu einem genügsameren Leben veranlasst haben. Der Alltag bietet oft wenig Gelegenheit, über das Gute und Schlechte im Leben nachzudenken. Aber Krisen zwingen uns zum Innehalten. Vielleicht haben wir erkannt, dass unser Dasein nicht in unseren Händen liegt. Und dass wir Verantwortung für unsere Umwelt haben.

Wie beeinflusste der Lockdown Ihre Arbeit als Seelsorger?
Das Besuchsrecht im Krankenhaus war eingeschränkt. Ich hatte mehr zu tun als sonst. Gerade in dieser Zeit brauchten die Menschen jemanden, der sie tröstete. Meine Gottesdienste wurden per Fernseher in die Zimmer übertragen.

Haben Sie jemals Urlaub?

Ich hatte seit 40 Jahren keinen Urlaub. Ich bin noch nie geflogen, war weder in Rom, noch in Lourdes.

Kommentare (1)

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Quack9020
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Respekt und Dankbarkeit

Danke Pater Anton für die vielen Jahre und es mögen noch ganz viele folgen.

Sie sind ein bewundernswerter Mensch.

Als unsere Mutter kurz vor Weihnachten verstarb und wir zum Gespräch bei Ihnen waren, haben sie spät abends den Christbaum im LKH geschmückt.

Wir wollten helfen, aber sie meinten nur, sie genießen die Stille und es sei Tradition es alleine zu machen.

Die alte Schreibmaschine auf der sie gerippt haben, einfach alles so ehrlich und original.

Alles Gute!