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Klagenfurt

NS-Euthanasie: Wer lästig war, wurde ermordet

Das Buch "NS-Psychiatrie in Klagenfurt" arbeitet eines der dunkelsten Kapitel Kärntens auf, die Euthanasie an der Landes-Irren- und -Siechenanstalt während des Zweiten Weltkrieges.

Die Irrenanstalt Klagenfurt, Abteilung für Unruhige © Sammlung Posch
 

"Dass die Tötung eines Menschen, wie auch die Hilfeleistung dabei ein Verbrechen ist, habe ich gewusst. Ich habe aber nur deshalb Hilfe geleistet, weil ich als kleine Bedienerin dazu aufgefordert worden bin und mich dieser Aufforderung (...) nicht zu widersetzen wagte." Das sagte 1946 die 23-jährige Ilse Printschler im Prozess gegen sie und weitere elf Pflegerinnen, Pfleger und den Primar Franz Niedermoser, alles Bedienstete der Landes-Irren- und -Siechenanstalt Klagenfurt.

Während der Kriegsjahre 1939 bis 1945 wurden in dem Krankenhaus systematisch Pfleglinge ermordet oder mit einem von vier Transporten zur Tötungsanstalt Hartheim bei Linz geschickt. Mindestens 1350 Patienten aus Klagenfurt – die genaue Opferzahl kann nur geschätzt werden – kamen insgesamt ums Leben.

Das neue Buch "NS-Psychiatrie in Klagenfurt", das das Ergebnis eines zweijährigen Forschungsprojektes der Med-Uni Graz ist, beschäftigt sich mit den Euthanasiemorden während der Naziherrschaft. Es stellt aber auch dar, welche Voraussetzungen dafür notwendig waren. Das Gesetz zur Vereinheitlichung des Gesundheitswesens und das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses legten, wie Martina Lang im Buch schreibt, den Grundstein zur NS-Biopolitik, "mit der die medizinisch begründete Verfolgung, Verstümmelung und Vernichtung ,lebensunwerten Lebens' staatlich legitimiert wurden".

Das Projekt

Projekt.
Von der Med-Uni Graz wurde, finanziert aus dem  Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank,  die NS-Zeit an der Landes-Irren- und Landes- Siechenanstalt Klagenfurt erforscht.

Zusammenarbeit.
Mit Helge Stromberger, Wilhelm Wadl und Herwig Oberlerchner u.a.

Buch. NS-Psychiatrie in Klagenfurt, facultas Universitätsverlag. 250 Seiten, broschiert. 28 Euro.

Es kam, unterstützt von Gesundheitsämtern und Amtsärzten, ab 1942 auch von niedergelassenen Ärzten, in Kärnten zu einem "Überwachungs-, Kontroll- und Vernichtunssystems", dem man nur mehr schwer entrinnen konnte. Ab 1940 kam es mittels einer "erbbiologischen Bestandsaufnahme" zu einer "nahezu lückenlosen Überwachung der Bevölkerung".

Aber wie auch die gerichtliche Aufarbeitung kurz nach dem Krieg zeigte, war die NS-Erbgesundheitspolitik nur ein Faktor, durch den man ins Netz der Überwachung geraten konnte. Amtsärzte bezogen verstärkt soziale Faktoren in ihre Diagnose ein. "In vielen Fällen", schreibt Lang, "entschied das Kriterium ,Arbeitsunfähigkeit' über den Beginn der Zwangseinweisung."

Zwei Phasen des Tötens

Die Euthanasie in Klagenfurt lässt sich in zwei Phasen einteilen. Vom 29. Juni 1940 bis zum 7. Juli 1941 wurden 744 Menschen aus Klagenfurt nach Hartheim in den Tod geschickt. Im August 1941 wurde ein Euthanasie-Stopp verhängt. Wie Daniela Fürstauer im Buch schreibt, "wurde die Aufgabe zur ,Ausmerze der Ballastexistenzen' jedoch dezentral an die einzelnen Anstalten abgegeben".

Dies geschah in Klagenfurt ab 1942. Dort habe man sich, sagt Wolfgang Freidl, Leiter des Forschungsprojektes und Herausgeber des Buches, "hervorgetan": "Erschreckend war, dass das verantwortliche Pflegepersonal die Morde nicht nur akzeptierte und tolerierte, sondern sich bereitwillig daran beteiligte. Und die dabei fast unvorstellbare angewandte Grausamkeit!" Die Forschungsergebnisse widersprechen auch dem, was Printschler und ihre Mitangeklagten aussagten. Freidl: "Klagenfurt hat sich als sehr ,bereitwillig' präsentiert, als dass sich vergleichsweise viele Personen des ,einfachen' medizinischen Personals daran beteiligt haben. Schwestern, Pfleger und Pflegerinnen haben Euthanasieaktionen teilweise in Eigenverantwortung, ohne einen entsprechenden ärztlichen Auftrag, durchgeführt." Wer den Pflegern lästig war, wurde zum Opfer, wer arbeitswillig, sauber und pflegeleicht war, hatte größere Chancen zu überleben.

In der Regel kam der Tötungsauftrag aus der Hauptstadt. Primar Niedermoser schickte Patientenfragebögen nach Berlin, von dort kam ein "Behandlungsauftrag" zurück. Niedermoser gab diesen durch Gesten oder kurze Äußerungen weiter. "Das Berühren des Kopfpolsters eines Patienten/einer Patientin bedeutete dabei ebenso die Freigabe zur Tötung wie der Satz ,Hier können Sie noch etwas nachhelfen'. Die betreffenden PatientInnen wurden in der Regel gebadet (man wollte sich die Leichenwäsche ersparen, Anm.), mit geeigneten Schlafmitteln in einen Dämmerzustand versetzt und später in die sogenannten ,Wäschekammern' gebracht, wo sie meist durch eine zusätzliche Injektion oder mittels starker Medikamente getötet wurden", schreibt Fürstauer. Darin zeigt sich der "informelle" Charakter der Tötungen, es gab zwar einen "Führererlass" für die Euthanasie, sie wurde aber nie gesetzlich geregelt. Dazu passt auch, dass Tötungen hinter verschlossenen Türen im Siechenhaus durchgeführt wurden, man hoffte sie dort besser geheimhalten zu können, auch machte das dortige Personal bereitwillig mit.

Kärntner Landesarchiv
Prozess 1946: Pachner, Schellander, ein Wachbeamter und Niedermoser © Kärntner Landesarchiv

Die Täter

Primar Franz Niedermoser wurde am 16. November 1946 hingerichtet. Oberschwester Antonie Pachner wurde zum Tode verurteilt, aber zu 20 Jahren schwerem Kerker begnadigt. Sie starb 1951 im Gefängnis. Oberpfleger Eduard Brandstätter beging vor Vollstreckung des Todesurteils Selbstmord. Oberpflegerin Ottilie Schellander wurde zum Tode verurteilt, zu lebenslangem Kerker begnadigt und 1955 vorzeitig entlassen. Vorzeitig entlassen wurde auch Pflegerin Paula Tomasch (1953), Pflegerin Julie Wolf (1951) Hilfskraft Ilse Printschler (1951), Oberpflegerin Maria Cholawa (1953) und Oberpfleger Ladislaus Hribar (1951). Die anderen Angeklagten wurden freigesprochen.