Love ScamOpfer von Liebesbetrug: "Er hat mir meine Traumwelt zu Füßen gelegt"

Verliebt in ein Fake-Profil. Nicole Flury wurde Opfer eines Liebesbetrugs im Internet (Love Scam). Offen erzählt sie, wie sie in die Liebesfalle tappte und wie ihr Traummann zum Albtraum wurde. Jetzt will sie anderen helfen.

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
Nicole Flury (49) blickt jetzt nach vorne und will anderen Opfern helfen © Anja Wurm
 

Es gibt nur wenige Opfer von Liebesbetrügern, die ihre tiefgreifenden Erfahrungen nicht anonymisiert öffentlich machen. Sie tun es. Warum?

NICOLE FLURY: Die Betroffenen schämen sich dermassen darüber zu sprechen, dass das Thema nur schwer angegangen werden kann. Es ist ein Tabu. Ich möchte das ändern. Ich will Opfern - Frauen und Männern -  helfen, in ihr Leben zurückzufinden, schnell aus ihrem Schmerz rauszukommen, hin zu einem selbstbestimmten, authentischen Leben. Und andere davor bewahren, dass ihnen so etwas überhaupt passiert. Keine Frau und kein Mann ist davor gefeit.

Wie sind Sie in die Liebesfalle getappt?
Ich habe sein Profil auf einer Dating-App gesehen. Gutaussehend, verwitwet, eine Tochter, Amerikaner mit Wohnung in New York und Frankreich. So einen Mann habe ich mir in meinen Träumen immer vorgestellt. Ich war hin und weg und habe ihn gelikt. Er hat zurückgelikt. Ich bin schon länger Single, es war Herbst und die Kontakte wegen Corona eingeschränkt. Die Situation hat gepasst.

Wie hat es ihr "Traummann" geschafft, trotz der Distanz Vertrauen aufzubauen?
Er hat mich wochenlang in einer sanften und fürsorglichen Weise umgarnt und ein sehr enges Vertrauensverhältnis mit mir aufgebaut. Er hat mir das Gefühl gegeben, ich bin der Mittelpunkt seines Lebens. Er war so charmant und immer für mich erreichbar. Wir kommunizierten über WhatsApp, telefonierten mehrmals täglich und es gab sogar Videocalls. Heute weiß ich, dass auch diese gefakt waren. Er hat mir meine Traumwelt zu Füßen gelegt.

Die Betrüger haben nur ein Ziel: das Geld ihrer Opfer. Wann haben Sie das erste Mal gezahlt?
Er musste geschäftlich angeblich nach Afrika reisen. Dort funktionierte seine Bankkarte plötzlich nicht mehr. Vorher hat er immer gesagt, er würde nie eine Frau um Geld fragen. Aber jetzt würde er sich in einer Notlage befinden. Ich wusste sofort, es ist nicht gut, ihm Geld zu geben.

Warum taten sie es trotzdem?
Die Gefühle waren schon zu tief und meine Schuldgefühle zu groß, wenn ich ihm nicht aus seiner Notlage heraushelfen und ihm Geld geben würde.

War es das einzige Mal, dass sie Geld überwiesen haben?
Nein. Man kann sich nicht vorstellen, was für Geschichten kommen. Einmal war es ein Überfall, ein anderes Mal eine Operation. Es ist immer etwas passiert. So ging es über Wochen. Ein unglaublicher Psychoterror. Ich wusste intuitiv, es ist nicht gut, zu zahlen. Aber dieser unglaublich starke Sog von Verliebtheit, von Anerkennung und Aufmerksamkeit, die einem entgegengebracht wird, sowie von Schuldgefühlen die einem plagen wenn man nicht zahlt, bringen einem dazu, es trotz allen Zweifeln doch zu tun.

Hilfe für Betroffene

Die 49-jährige Nicole Flury ist selbst Betroffene, lebt in Zürich und ist Expertin und Botschafterin für das Thema "Romance Scam". Betroffene, die Hilfe oder Rat benötigen, können sich direkt an Frau Flury wenden. Kontaktinfos unter: www.lebensglitzer.ch. Beratungen sowie Begleitungen sind auch online möglich.


Haben Sie sich nicht Freunden anvertraut?
Jein. Sie haben den Betrug sehr schnell gewittert und mich darauf aufmerksam gemacht. Ich war aber in einer anderen Blase unterwegs und wollte davon nichts hören. Ich war sauer und hatte eher das Gefühl, sie würden mir meinen Traummann nicht gönnen.

Wann sind auch bei Ihnen Zweifel aufgetaucht?
Es war der Moment, als ich mir von seinem Konto mein Geld zurücküberweisen sollte. Da gab es Differenzen mit der Bank und mir sind in der Korrespondenz Ungereimtheiten aufgefallen. Ich habe ihn daraufhin blockiert und Anzeige bei der Polizei erstattet. Dabei ging es mir um meine eigene Sicherheit. Aus diesem Grund empfehle ich jedem Opfer, Anzeige bei der Polizei zu erstatten, auch wenn es kein einfacher Schritt ist, über das Geschehene gerade mit der Polizei, zu sprechen.

Wie geht es Ihnen jetzt damit?
Ich gebe mir keine Schuld. Es ist eine Zeit emotionaler Grausamkeit gewesen. Jetzt blicke ich, mit einer für mich sehr wertvollen Erfahrung reicher, nach vorne. Meine eigenen Erfahrungen mit Romance Scam sollen jetzt anderen helfen. Denn es gibt Wege - sehr schöne Glitzerwege - raus aus der Sackgasse. Wir wollen doch alle dasselbe: Einen echten Traumpartner finden.

Liebesfalle Internet

In der Pandemie wurden laut Kriminalstatistik auch in Kärnten mehr „Love Scam“-Fälle (Liebesbetrug im Netz und Dating-Fallen) angezeigt. Experten befürchten eine hohe Dunkelziffer.

Die Liebesmasche. Die Opfer (vorwiegend Frauen über 40 Jahre) werden in den sozialen Netzwerken kontaktiert. Nach Aufbau einer Vertrauensbasis und Zusage eines Treffens wird unter dem Vorwand einer Notsituation um finanzielle Hilfe gebeten. Geldbeträge sollen wegen der schlechten Rückverfolgbarkeit per Money-Transfer-Dienst übermittelt werden. Dann folgt der nächste Schicksalsschlag und es wird wieder um Geld gebeten.

Fake-Profil. Laut Flury sprechen folgende Anzeichen für ein Fake-Profil: realistische Situationen auf Fotos (mit Familie, auf Reisen), ständige Erreichbarkeit, extreme Fürsorglichkeit, großer Vertrauensaufbau.

Zum eigenen Schutz. Die Polizei rät, keine Videos und persönlichen Fotos oder persönliche Daten auszutauschen. Damit wäre man später erpressbar. „Ich empfehle jedem Opfer zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten“, sagt Flury. Auch wenn gerade dieser Schritt schwer fällt und man sein Geld ohnehin nicht mehr zurückbekommt.

Weitere Informationen erhält man auch auf der Homepage des Bundeskriminalamtes: www.bmi.gv.at/praevention. Die Spezialisten der Kriminalprävention stehen auch kostenlos und österreichwet unter der Telefonnummer 059133 zur Verfügung.

Kommentare (2)
future4you
0
8
Lesenswert?

Hochachtung,

dass Sie offen darüber reden und dadurch vielleicht andere Menschen schützen können. Der Betrug im Web gehört weit stärker bestraft und weit mehr Ressourcen zur Aufklärung bereitgestellt.

FRED4712
0
5
Lesenswert?

mein gott, wie viele

zeitungsartikel und xy sendungen zu dem Thma müssen noch kommen, bis alle kapiert haben, dass das eine gemeine masche von gaunern ist.....die machen sich nichtmal die mühe, die ganze story mal zu ändern...immer ein ami (meistens soldat in Afrika)......bankkarte geht nicht, sohn muss operiert werden......wie kann man sich in jemanden verlieben, den man nie gesehen hat???? mir unbegreiflich......ein tipp meine damen , wenn ein herr von ihnen geld fordert oder erbittet, dann ist das kein "HERR"