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NachrufChor-Enthusiast Wolfgang Wulz allzu früh verstorben

Er war ein grandioser Motivationskünstler. Er war die ideale Schnittmenge aus Unbekümmertheit, Neugier und Leidenschaft. Er war, wie man so sagt, ein „wilder Hund“. Er war einer mit harter Schale und weichem Kern. Und er war vor allem: Chorleiter. Wolfgang Wulz, der am Donnerstag (30. Juli) allzu früh im Alter von 63 Jahren verstarb.

Wolfgang Wulz vor ein paar Jahren bei einem Treffen mit seinen ehemaligen "Pro-Musicanern" aus Grazer Zeiten © KK
 

Als Musikstudent in Graz stellte Wolfgang Wulz 1979 den Studentenchor pro musica auf die Beine. Das ging laut einem ehemaligen Mitglied ungefähr so: „Als ich damals mit dem Mofa angebraust kam, sprang er auf die Straße und hielt mich mit den Worten an: ,Karin, wir gründen einen Chor ... du kommst singen und bringst a paar Leut' mit!‘“.

Bei den „paar Leut'n“, die sich fanden, um mit ihm im Leechheim zu proben, wo er selbst sein Studentenquartier hatte, konnte Wulz von unglaublichem Glück reden. Denn die Schar junger Löwinnen und Löwen, en gros aus Kärnten wie er selber, war eine Generation hoch talentierter Sängerinnen und Sänger, die später zum Teil professionelle Karrieren in Opernhäusern und Konzertbetrieben machten, wie Waltraud Mucher, Veronika Kummer oder Gerd Kenda.

Jedenfalls feierte Wulz, geboren 1957 in Gödersdorf, mit seinem rund 40-köpfigen Ensemble große Erfolge. Ob Teilnahmen bei internationalen Chorwettbewerben wie jenem in Spittal/Drau 1981 (3. Platz), ob Chorreisen nach Reykjavik und Chicago oder die Mitgestaltung einer Papstmesse im Petersdom: Sein Studentenchor, dessen Leitung nach seinem Abgang 1985 Gerd Kenda als chor pro musica graz übernahm und heute noch leitet, erregte Aufsehen und Aufhören.

Nach seiner Rückkehr in seine Heimat Kärnten studierte Wulz zusätzlich Philosophie, Psychologie und Pädagogik in Klagenfurt, unterrichtete Musik und Philosophie am dortigen Ingeborg-Bachmann-Gymnasium, sorgte im Fasching immer wieder für die musikalische Einstudierung beim „Stadtgerücht“ und leitete ab 1985 mit Passion den Wulfenia-Chor, mit dem er Reisen nach Italien, Norwegen, Spanien, China, Indien, Syrien und Uganda unternahm. Zu dessen 50-jährigem Bestehen wagte er sich 1997 an ein besonderes Projekt: die Aufführung von Johann Sebastian Bachs „H-Moll-Messe“ mit 135 Akteuren in Klagenfurt, Villach, Sarajevo und Laibach.

Über das Benefiz-Konzert in Sarajevo zugunsten eines kranken bosnischen Kindes, das in Österreich operiert werden sollte, schrieb die „Kleine Zeitung“ damals: „Etwa tausend Menschen – Serben, Kroaten und Moslems, SFOR-Soldaten und Botschafter aus allen Nationen – drängen sich in der Kathedrale von Sarajevo. Zerbombte Fensterscheiben hinter dem Konzertchor Wulfenia und dem Barockorchester unter der Leitung von Wolfgang Wulz erzählen von den vergangenen Massakern. Die Menschen haben Tränen in den Augen – vom Beginn des gewaltigen ,Kyrie' bis zum Schlussakkord des Werkes mit ,Dona nobis pacem' – ,Verleih uns Frieden'. Worte, die nirgends so passend sind wie im vom Krieg zerstörten Bosnien. ,Hier habe ich für alle Menschen gesungen, die Gottes Hilfe brauchen, damit sie die Grauen des Krieges, Not, Elend und Schmerz vergessen können', sagte nach dem Konzert die mitwirkende Solo-Altistin Bernarda Fink, die Frau des österreichischen Botschafters in Bosnien, Valentin Inzko.“

2002 erhielten Wolfgang Wulz und Kunsttischler Winfried Winkler den Kulturpreis des Landes Kärnten in der Sparte Musik (14.500 Euro). Und zwar für ihr Projekt „Der Süden lebt“. Sie hatten acht Veranstaltungen an ungewöhnlichen Orten in Klagenfurt konzipiert, etwa in der damaligen Hypo-Alpe-Adria-Arena, der Zeremonienhalle in Annabichl, der Feuerwehrschue Fischl oder im EKZ Südpark.

Die Grundidee der Initiative - unterstützt vom Dirigenten Gustav Kuhn oder dem Architekten Volker Giencke, dem Schauspieler Manfred Lukas-Luderer oder dem Künstler Werner Hofmeister, Alexander Kuchinka oder Gert Jonke - war es, heimischen Künstlern abseits der Volksmusik ein Podium zu geben, die ewige Landflucht der Kärntner Künstler einzudämmen und Kunst an Orte zu bringen, wo sie nicht wirklich zu Hause ist. „Diese sehr umfangreiche Veranstaltungsserie des Jahres 2001 beruht auf einem originellen, neuen und synergetischen Konzertkonzept mit bemerkenswerten Akzenten. Insgesamt wirkten an dem Projekt von acht interdisziplinär aufgeführten griffigen, plakativen und mutigen Konzerten rund 450 Personen aus der deutsch- und slowenischsprachigen Volksgruppe mit“, hieß es in der Begründung durch den Fachbeirat.

Gestern verstarb Wolfgang Wulz nach längerer Krankheit allzu früh im Alter von 63 Jahren. Er hinterlässt seine Frau Ricarda, Tochter Elisabeth und Sohn Martin mit Marlene. „Ich bin mir ganz sicher, dass Wolfgang den nächsten Chor drüben auch so einfühlsam leiten wird“, betonte ein weiteres ehemaliges Chormitglied aus Graz im Kondolenzschreiben an dessen Gattin.

Und der Autor dieses Nachrufs erinnert sich, dass er nicht nur Chortenor unter Wulz  war, sondern schon als Teenager mit ihm im A-cappella-Chor Villach seines Onkels Helmut Wulz gestanden hatte, als beim Carinthischen Sommer 1979 Hermann Prey mit dem London Symphony Orchestra unter Claudio Abbado in der Stiftskirche von Ossiach Bachs „Kreuzstab-Kantate“ gesungen hatte, in deren Schlusschoral es heißt: „Komm, o Tod, du Schlafes Bruder / Komm und führe mich nur fort / Löse meines Schiffleins Ruder / Bringe mich an sichern Port / Es mag, wer da will, dich scheuen / Du kannst mich vielmehr erfreuen / Denn durch dich komm’ ich herein / Zu dem schönsten Jesulein.

Einen schönen Gruß, Dir Wolfgang, von allen, denen Du fehlst, hinüber in den sicheren Hafen!

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