Kärnten wählt: Thema BildungSo rechnet ein Lehrer mit dem Bildungssystem ab

Lehrer Herbert Molzbichler legt sich mit der Schulpolitik an und fordert eine Abkehr von „ideologischem Wunschdenken“.

Herbert Molzbichler
Herbert Molzbichler © Sommeregger-Baurecht
 

Noch nie wurde so viel über Bildung geredet wie jetzt. Dennoch klagen viele Lehrer, dass die Leistungen der Schüler immer schlechter werden.
HERBERT MOLZBICHLER: Wir legen kaum Wert auf ganzheitliche Bildung, auf Entfaltung aller menschlichen Dimensionen oder Kritik- und Urteilsfähigkeit. Man sollte sich zu einem offenen, ehrlichen Bildungsdiskurs zusammensetzen und alle gesellschaftlich relevanten Kräfte dazu einladen, um einen tragfähigen Konsens zu erarbeiten. Auf Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen und der Erfahrung von Pädagogen, nicht nach parteipolitischen Idealisierungen und ideologischem Wunschdenken.

Welches Wunschdenken meinen Sie?
Zum Beispiel, dass eine Gesamt- oder Ganztagsschule mit Sicherheit zu besseren Ergebnissen führen würde. Das ist wissenschaftlich nicht haltbar. Für mich ist das keine Überraschung. Seit gut 40 Jahren weiß man aus empirischen Befunden, dass die Organisationsform nicht so entscheidend ist, sondern drei Dinge: die Qualität der Schulleitung, die Qualität der Lehrer und die Qualität des Schulklimas. Darüber wird bei uns aber kaum diskutiert.

Dafür wird viel über Digitalisierung diskutiert. Die SPÖ Kärnten wünscht sich etwa, dass schon Volksschulkinder ins Programmieren hineinschnuppern.
Da bin ich strikt dagegen. Das ist ein Hype, der da von der Wirtschaft aufgezogen wird. Großkonzerne möchten, dass die Kinder früh an die Geräte und Programme gewöhnt werden. An der Volksschule braucht es Grundlegendes. Erst muss ich sinnerfassend lesen können, um mit der Digitalisierung umgehen zu können.

14 Prozent der Viertklassler können nicht sinnerfassend lesen. Wie kann man das ändern?
Ich bin dafür, die Volksschule um ein Jahr zu verlängern. Ein Jahr mehr, um wirklich grundlegende Sachen zu üben, wäre sehr wichtig. Außerdem braucht es an den Volksschulen schnell deutlich mehr Unterstützungskräfte.

Sie selbst unterrichten an einer Neuen Mittelschule (NMS). Ein Schultyp, der immer wieder stark kritisiert wird.
Es gibt einen Run auf das Gymnasium. AHS-Direktoren nehmen Kinder auch mit schlechten Noten auf, weil sie eine volle Schule haben wollen. Bleiben wir beim derzeitigen System, braucht es eine Notenwahrheit. Die Volksschüler sollten die Noten bekommen, die ihrer Leistung entsprechen. Ansonsten wird sich die NMS schwertun. Sie trägt jetzt schon deutlich mehr Lasten als die AHS-Unterstufe. Aber auch dem Gymnasium tut dieser Ansturm nicht gut. Wenn ich jeden aufnehme, sinkt die Qualität. Die Förderung von begabten Kindern droht unter den Tisch zu fallen.

Wie kann man das ändern?
Wir müssen die Schüler individuell nach Interessen und Fähigkeiten fördern. Das kann keine Lehrkraft, wenn sie Schüler von der Inklusion bis zur Spitzenbegabung in der Klasse hat.
Hier muss ich Ressourcen reinstecken. Die Gleichmacherei ist nicht das, was wir wollen; sie senkt das Niveau. Natürlich müssen auch Kinder mit Handicaps stark gefördert werden. Da braucht es Lehrer, die das mit Herz und Seele machen.

Die Lasten auf die Lehrer sind schwerer geworden. Ist der Beruf noch attraktiv?
Der Lehrberuf hat ein besseres Image nötig. Aber auch Lehrer, die diesem hohen Image entsprechen. Die Lehramtsstudenten sollten deshalb so früh wie möglich in die Klasse gestellt werden. Damit sie sehen, ob das ein Job für sie ist. Da uns bald ein Lehrermangel bevorsteht, wird wohl geschaut werden, dass man so viele Pädagogen bekommt wie möglich. Aber zum Schluss würde ich gerne noch etwas Positives zum Bildungssystem sagen.

An was denken Sie?
Eine unsere Stärken ist das duale Ausbildungssystem. Diese Schiene muss gestärkt werden. Die Leute müssen verstehen, dass ein guter Facharbeiter vieles kann und gebildet sein muss. Auch die Fachschulen und berufsbildenden Schulen leisten Erstaunliches. Ich rufe die Politiker auf, dem internationalen Zirkus aus nackter Kompetenzorientierung und Testungen gegenzusteuern. Traditionell haben wir ja ein recht gutes Bildungssystem zu verteidigen.

Zur Person

Herbert Molzbichler ist seit 37 Jahren Lehrer. Der 59-jährige Oberkärntner unterrichtet im Fritz-Strobl-Schulzentrum in Spittal; einer Neuen Mittelschule. Neun Jahre lang lehrte er an der Österreichisch-Ungarischen Europaschule in Budapest, an deren Aufbau er mitwirkte. Molzbichler ist promovierter Pädagoge.

Sein Buch „Nachsitzen – Österreichisches Bildungssystem am Pranger“ erschien im Vorjahr im Braumüller Verlag.

Kärnten wählt: Die Serie

Um was geht es? Die großen Themen, die für Kärnten in den nächsten Jahren wichtiger
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die Weichen zu stellen sind.

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Kommentare (4)

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cockpit
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hat sich das buch schlecht

verkauft?

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silviab
1
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Das ist keine Abrechnung!

Stimme Herrn Molzbichler 100 % zu! Die Kinder von heute sollen erst einmal anständig das Lesen, Schreiben und Rechnen (1x1 und Kopfrechnen) lernen. Die Motorik lässt bei den meisten auch zu wünschen übrig. Die Kinder sind mit diesen Aufgaben und dem Stoff in der Schule schon mehr als gefordert. Die Forderung, Fremdsprachen und die neuen Medien im Unterricht einzubauen, kommt zu früh und geht nur zu Lasten der Grundausbildung. Außerdem, mit dem Computer und Handy kommen die Kinder schon im Elternhaus in Kontakt, den Umgang damit lernen sie viel schneller als die "älteren" Generationen, die heutzutage schon mit einem "Wischhändi" überfordert sind.

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lexbalexba
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3
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Ob Hypo, Sparkassa, BAWAG oder Raiffeisen,

die meisten Produkte san zum ......!

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lexbalexba
6
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Und ohne Finanzbildung

lassen wir dann unsere Kinder auf die gierigen und verbrecherischen Banken und Versicherungen los, die ausschließlich das Wohl der Kunden im Auge haben! (Zahlen sie WOHL ordentlich Spesen, Provisionen, Gebühren und Sollzinsen???)

Lieber einen Tag über sinnvolle und günstige Anlageformen nachdenken, als immer schuften!

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