Kärntnerin des TagesErika Fritz: Mit 77 Jahren startete sie durch

Erika Fritz (heute 82) aus St. Veit änderte vor fünf Jahren radikal ihr Leben – auch mit Deutschkursen für Asylwerber.

Erika Fritz hat ein bewegtes Leben hinter und vor sich
Erika Fritz hat ein bewegtes Leben hinter und vor sich © KLZ/Bendele
 

Nein, die ehemalige Volksschuldirektorin Erika Fritz braucht kein Jubiläum und keinen Jahresanfang, um ihr Leben von Grund auf zu ändern.

Es gibt ein fünf Jahre altes Foto. Es zeigt eine ältere, erschöpfte Frau, die nur eines will: das restliche Leben in Ruhe und ohne Kummer verbringen, von dem sie mehr erlebte, als das Schicksal einem Menschen zumuten sollte.

Ihre begabte Tochter, die mit acht Jahren bei einem Bulgarien-Urlaub das kyrillische Alphabet gelernt hat und später lieber beim Max-Planck-Institut forschte, als in der Wirtschaft viel Geld zu verdienen, starb bei der Geburt ihrer ersten Tochter, Erika Fritz’ erstem Enkelkind. Der Sohn starb vor Jahren an Krebs. Als Lehrerin wurde ihr Einkommen ohne ihre Schuld jahrelang auf 3300 Schilling heruntergepfändet. Sie pflegte ihren Mann elf Jahre bis zu seinem Tod.

Danach, vor fünf Jahren, entstand das Foto auf dem Balkon in dem neuen Heim für betreubares Wohnen in Liebenfels. „Nur kein Kummer mehr!“

Doch dann meldete sich überraschend die Lebensfreude. „Ich bekam Lust, eine Heimchronik zu schreiben“, sagt die 82-Jährige. Das prachtvolle Buch war eine Initialzündung: Erika Fritz sprach mit allen Bewohnern, hängte deren Porträts in die Etagen, kontaktierte die Gemeinde, erhielt Unterstützung vom Bürgermeister. Sie organisierte Feste und Einladungen. Sie schrieb Gstanzln, und weil man die am besten singt, lernte sie Gitarre. Sie wurde die Seele des Heims.

Sie konnte ja auf Ressourcen zurückgreifen: „Ich war Lehrerin in 13 Schulen und wurde mit 50 Volksschuldirektorin. Schon als Kind habe ich Lehrerin gespielt und seit dem ersten Schultag gewusst, dass ich diesen Beruf ausüben will.“ Als Kind las sie Greene, Goethe und Rosegger, „weil die Familie nicht gerade anregend war.“

Mit 19 in der Lehrerbildungsanstalt wurde sie schwanger. „Ich hatte vorher erlebt, wie eine Schülerin deshalb von der Anstalt gejagt wurde. Ich hatte Glück, denn immer während des Sportunterrichts, wo mein Zustand aufgefallen wäre, hatte ich Opernprobe.“ Diese Erfahrung sorgte dafür, dass sie später jungen Menschen in Krisensituationen gerne half.

Weitere Ressourcen: Humor und Erinnerungsvermögen: „Ein Schüler sagte als Beispiel für das Dehnungs-h ‘Die Mutter dröHnt am Abend, weil sie Bohnen gegessen hat’.“ Ein anderer will Schwimmen mit „Schimpansen“ gelernt haben. Er meinte „Swimmingpool“.

Zurzeit bringt sie Asylwerbern Deutsch bei - auf ihre Art: „Ich habe mir Persisch- und Bilderbücher gekauft, um ins Gespräch zu kommen.“ Und sie bleibt einfühlsam bei den Kindern, wenn die demonstrieren, dass ihren Geschwistern von den Taliban die Kehle durchgeschnitten wurde. „Früher dachte ich oft über mein verhautes Leben nach. Jetzt bin ich dankbar, dass ich lebe. Das Schicksal hat mir Enkel und eine Zeit mit meinen Kindern geschenkt. Ich will nur nicht dement werden.“

Die Chancen stehen gut: Zwei weibliche Verwandte sind über 100 Jahre alt.

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