"Fehler nicht wiederholen"Forscher Klimek: "Impfung alleine wird Pandemie nicht beenden"

Für Peter Klimek, Forscher der Uni Wien, sind weitere Eindämmungsanstrengungen wie gute Risikokommunikation und das Testen, Tracen und Isolieren (TTI) von großer Bedeutung. Die Impfung spielt eine zentrale Rolle beim Schutz der Risikogruppen und des Gesundheitssystems.

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Peter Klimek, Forscher der Uni Wien
Peter Klimek, Forscher der Uni Wien © APA/HELMUT FOHRINGER
 

Vor der Wiederholung von Fehlern im Umgang mit der Covid-19-Pandemie im vergangenen Sommer und Herbst warnen Wissenschafter in einer Prognose im Fachjournal "The Lancet Regional Health Europe". 34 führende Experten versuchen sich darin an einem mittelfristigen Ausblick. Sie betonen die Möglichkeit von größeren Wellen ab Herbst, wenn auf Eindämmungsmaßnahmen verzichtet wird, die Impfquoten nicht erhöht werden und es kein europaweit abgestimmtes Vorgehen gibt.

Aus Österreich finden sich mit Peter Klimek vom Complexity Science Hub Vienna (CSH) und der Medizinischen Universität Wien, Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien (IHS), der Politikwissenschafterin Barbara Prainsack von der Universität Wien sowie der Epidemiologin Eva Schernhammer von der MedUni Wien und der Harvard Medical School (USA) namhafte Vertreter unter den Autoren. Der Blick der Analyse liegt auf den Zeiträumen Sommer 2021, dem kommenden Herbst und Winter 2021-2022 und auf der Perspektive für die kommenden drei bis fünf Jahre. Die Basis bilden Überlegungen zur Immunität durch den Impfschutz, zu weiteren Virusmutationen (besorgniserregenden Varianten oder gar Immunfluchtvarianten) sowie zur Einstellung und Bereitschaft in Europas Bevölkerung, nicht-pharmazeutische Maßnahmen weiter mitzutragen.

Virus kann nicht mehr ausgelöscht werden

Für Klimek ist klar, dass wir uns mit Impfungen bis zum Erreichen einer mittlerweile vielfach als unrealistisch eingestuften Herdenimmunität alleine die Pandemie leider nicht vom Hals schaffen können. Es brauche aller Voraussicht nach auch weiter Maßnahmen zur Eindämmung, wie gute Risikokommunikation und das Testen, Tracen und Isolieren (TTI). Man gehe allerdings nicht davon aus, "dass wir jeden Winter Lockdowns brauchen werden", betonte Klimek im Gespräch mit der APA. Die Pandemie werde uns jedoch weiter vor Herausforderungen stellen, da einer der einhelligen Punkte unter den an der Arbeit beteiligten Experten war, "dass wir es nicht mehr schaffen werden, das Virus auszulöschen". Daher brauche es möglichst niedrige Fallzahlen und europaweit "eine klare, evidenzbasierte und kontextrelevante Strategie sowie konzertierte Anstrengungen und Maßnahmen", so die Experten.

Impfung nimmt eine zentrale Rolle ein

Die Impfung spielt die zentrale Rolle in der Überlegung der Wissenschafter. Nur so gelinge es, die Risikogruppen und das Gesundheitssystem zu schützen. Über eine allgemeine Impfpflicht werde in Europa künftig sicher diskutiert, wenn die laut Klimek zu erwartende Welle in nicht geimpften Bevölkerungsgruppen Richtung Herbst ansteigt. Die Wirksamkeit einer Impfpflicht auch über bestimmte Berufsgruppen hinaus bleibe aber "umstritten, da die Durchimpfung von einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Faktoren abhängt", heißt es in dem Papier.

Bei der Diskussion über die laut den Experten voraussichtlich notwendige Wiedereinführung und Aufrechterhaltung von Eindämmungsmaßnahmen, müsse auch darüber nachgedacht werden, wie unterschiedlich Geimpfte und Nicht-Geimpfte behandelt werden. Impfstoffe reduzieren "wahrscheinlich auch dann die Übertragbarkeit, wenn sich Menschen trotz voriger Impfung anstecken. Vor allem scheinen sie schwere Symptome und Krankenhausaufenthalte zu verhindern, wobei eine relative Risikoreduktion von etwa 70-95 Prozent erreicht wird", schreiben die Experten.

Warnung vor Fehlern des vergangenen Jahres

Gehen die Fallzahlen - wie schon aktuell beobachtet - weiter nach oben, werde es die Aufgabe der Regierungen sein, die Fehler des vergangenen Herbstes und Winters nicht zu wiederholen. Die Erfahrung lehre, "dass die Wiedereinführung der notwendigen Gesundheitsmaßnahmen zu spät kommen könnte, um eine weitere Welle im Herbst erfolgreich zu verhindern", warnen die Wissenschafter. Für Klimek gilt "leider nach wie vor, dass wir auf europäischer Ebene relativ unkoordiniert vorgehen. Da haben wir die Lehren nicht gezogen". Komme hier kein Umdenken, "spielen wir weltweites Pandemie-Ping-Pong mit immer neuen Ausbrüchen und neuen Varianten", so Czypionka in einer Aussendung des IHS.

Klimek warnt vor einer "Täglich grüßt das Murmeltier"-Situation mit der Quasi-Absage der Pandemie im Sommer bei gleichzeitiger Aufbereitung des Nährbodens für künftige Wellen. Ob hier dazugelernt wurde, werde "der ultimative Test in den kommenden Monaten" zeigen.

Sehr interessant werde, wie langfristig eine durch Impfung oder durchgemachte Krankheit aufgebaute Immunität auch angesichts neuer Varianten bestehen bleibt. Unter anderem deshalb sollten mühsam aufgebaute Infrastrukturen beibehalten werden. "Diese Infrastruktur umfasst grundlegende Ressourcen des öffentlichen Gesundheitswesens, gut geschultes Personal in ausreichender Zahl, gut funktionierende TTI-Systeme, eine weit verbreitete Sequenzierung der Virusvarianten und gut etablierte molekulare Überwachungsmechanismen", so die Forscher.


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Überlegen
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21
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Warum muss jemand überhaupt Schuld sein?

Ich denke von Schuld kann da nicht gesprochen werden... und es ist zumeist eine Summe von Faktoren die zu sowas führt? Warum muss immer einer die Schuld haben?? Ist eh ein Wahnsinn, dass man fast garnichtmehr krank sein darf, ohne sich zu rechtfertigen. Hatte gerade eine Sommergrippe... Ja hallo, da bist ja schon fast eine Gefahr für die Allgemeinheit.

lamagra
0
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Weil

man damit so schön das Land spalten kann! Und kein Volk lässt sich leichter manipulieren als eines, in dem Keiner mehr den Anderen traut!

VH7F
11
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Die Schweden und Briten machen es richtig,

da dürfte die Herde schon weitgehend immun sein? Bei uns wird die Würgerei noch andauern.

melahide
26
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Der Forscher

hat unrecht. Basti Kurz hat gesagt, die Pandemie ist beendet. Technik und Innovation werden uns alleine retten!! Wen glaubt ihr da? Einem Fachexperten der anerkannt ist und weiß wovon er redet oder eurem Messias??

scionescio
59
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Wenn unsere Herrn Politiker im Herbst wieder von einer Welle überrascht werden, gehören die Verantwortlichen mit dem nassen Fetzen davongejagd ...

... mittlerweile war wohl nun wirklich genug Zeit, entsprechende Vorkehrungen zu treffen (zB effizientes Contact Tracing mit anschließender Isolierung, klare Regeln die an eindeutige Indikatoren gebunden sind, etc.).

Für die Ungeimpften hält sich mittlerweile mit Mitleid in Grenzen (weil sich jetzt jeder Impfen lassen kann) - ich würde einen Teil der Behandlungskosten bei Impfverweigerern regressieren ... wenn sie es schon nicht kapieren, ist ihnen vielleicht zumindest leid ums Geld!

Giuseppe08
5
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@scio

Dann wollen wir mal sehen was du Ungesundes isst. Die daraus resultierenden Behandlungskosten bezahle dann auch selbst.

Ba.Ge.
1
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Da scheinbar aber selbst Geimpfte,

welche Kontakt mit einem infizierten hatten, abgesondert werden sollten, wird das die wirtschaftlichen Probleme nicht verbessern…
Natürlich sind Menschenleben mehr wert, als die Wirtschaft. Nur sind Menschenleben mittlerweile zu großen Teilen auch von der Wirtschaft abhängig…

Lodengrün
4
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Nun @scio

in der USA mehren sich die Fälle wo die Geimpften sterben. Und das kommt nicht aus dem Lager der Verschwörungstheoretiker. Das man mit beiden Stichen Covid die gleichen Symptomen wie ohne bekommen kann erlebte ich bei einer Freundin.

Überlegen
3
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Frage....

Wie schaut es dann z.B. mit Rauchern aus? Wenn die dann an Lungenkrebs erkranken - obwohl immer gewarnt wird welche Auswirkungen das haben kann - sollte die dann auch die Behandlungskosten selbst übernehmen? Ich denke, da würden dann aber auch noch ein paar andere Gruppen reinfallen, bei denen man sich sowas überlegen könnte. Heute ist mal wirklich ein guter Artikel in der Kleinen Zeitung, wo es darum geht, auf welcher Basis man diskutieren sollte. Die Meinung des anderen anzuerkennen und nicht zu bewerten - was wissen wir schon wirklich was richtig ist??? Und wenn die Impfung in erster Linie sich selbst schützt, dann ist es eh gut und man kann ganz ruhig bleiben. Es ist ja nicht auch noch notwendig, so miteinander umzugehen - damit meine ich beide Seiten! Wir haben alle null Ahnung was im Moment richtig ist und was falsch ist - also bitte, versuchen wir den Standpunkt des anderen wenigstens zu verstehen - auch wenn man selbst anderer Meinung ist!!

sakh2000
4
22
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Gilt dieser Regress auch bei Krankheiten

basierend auf Übergewicht, Alkohol- und Drogenkonsum, Herz-Kreislauf Erkrankungen wegen mangelnder Bewegung, etc. ...? Sie sollten schon überlegen was sie mit Ihrer Forderung verlangen?

nasowasaberauch
17
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Es gibt leider viele, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen können.

Die würde ich ausnehmen. Sonst beinhart regressieren. Leute die ihren Impftermine wegen Urlaub verfallen ließen, genau so.

Absolut kein Verständnis mehr.

Wieso sollen wir wegen den Verweigerern Welle für Welle, lockdown für lockdown durchlaufen. An diesem Herbst könnte jeder geimpft sein. Es liegt nur mehr an den Verweigerern. Egoismus pur.

Stemocell
20
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Wenn ich durch die Impfung

die Risikogruppen bzw. das Gesundheitssystem schützen kann (und um nichts anderes geht es ja angeblich), warum sollte ich dann weiterhin testen, tracen und isolieren? Irgendetwas stimmt hier nicht in der Argumentation.
Ich würde eher sagen, dass wir so schnell wie möglich vom testen, tracen und isolieren wegkommen müssen, bevor das zur Normalität wird. Es gibt keinen Grund mehr, Infizierte, die jedoch nicht erkranken, in Quarantäne zu schicken. Wer krank ist, bleibt zu Hause und kuriert sich aus, wie das halt so üblich ist.

Ba.Ge.
3
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Nicht alle Infizierte zeigen Symptome,

das heißt aber leider nicht zu 100%, dass sie nicht infektiös sind.
Wäre es so einfach, wie viele hier denken, hätten wir die aktuelle Problematik gar nicht…

hortig
1
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@Stemocell

Und wieviele gehen mit Schnupfen und Fieber trotzdem arbeiten?

nasowasaberauch
12
0
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Wer es partout nicht verstehen weil...

Wir lassen halt alle nicht geimpften, von denen das leider einige unfreiwillig sind, über die Klinge springen, wenn wir auf testen, tracen und isolieren verzichten.

Lodengrün
23
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Für die Geimpften

ist die Pandemie vorbei. Sie sind geschützt. So sprach der Herr. Nicht Zebaoth.

GanzObjektivGesehen
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Können die Menschen eigentlich selbst denken?

Oder übernehme sie alles was geschrieben oder gesagt wird ?
Das was der BK zum Thema Pandemie und Impfung gesagt hat ist bestenfalls missverständlich. Im engsten Sinne auch nicht richtig.

Es hilft jetzt nicht sich auf die Politik oder die Wissenschaft einzuschießen und in ein absolutes Konsumverhalten zu verfallen. Mit den Fingern auf andere zu zeigen und sie zu beschuldigen für alles verantwortlich zu sein wird nicht reichen um die Pandemie unter Kontrolle zu bekommen.

Wir stecken uns und andere an.
Wir sitzen in den Flugzeugen und Kreuzfahrtschiffen.
Wir konsumieren die Waren, die täglich quer durch die Welt transportiert werden.
Wir wohnen auf den “versiegelten Flächen”.

Nicht die Politik, nicht die Wissenschaft trägt die Verantwortung.
Es ist die Wirtschaft, und die Wirtschaft sind wir.

Daran wird kein Kurz, keine PRW, keine MR oder ein Kickl etwas ändern.

Lodengrün
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Alles richtig @objektiv

das wäre der Optimalzustand. Den gibt es aber nicht. Es gibt auch die die es wissen aber partout nicht machen wollen. Die und all die anderen die vom Sollzustand abweichen müssen geführt werden. Das sind dann die Eltern, die Politik,… . Wobei man Erwachsene nicht selten wie Kinder führen muss.

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