Das Thema „Impfpflicht“ hat (zumindest) zwei Seiten: eine rationale und eine emotionale. Mit medizinischen, epidemiologischen, juridischen und ethisch-moralischen Aspekten, die eine sehr differenzierte Betrachtung erfordern. Dabei lautet aus meiner Sicht die Frage nicht „Impfpflicht – ja oder nein“, sondern „Unter welchen Umständen sind verpflichtende Impfungen denkbar und sinnvoll“.

Rational betrachtet spricht vieles für bestimmte verpflichtende Impfungen. So führte die weltweite Pockenimpfung (die einzige in Österreich jemals verpflichtende Impfung) zu einer Elimination der Pockenviren, sodass die Impfung 1981 auch in Österreich eingestellt werden konnte. Ähnliches wäre bei lückenloser weltweiter Durchimpfung für Polio (Kinderlähmung) erreichbar. Impfungen können also nicht nur die Geimpften vor der Erkrankung schützen, sondern im besten Fall die Erkrankung eliminieren. Weitere Argumente für verpflichtende Impfungen sind der Gemeinschaftsschutz (früher als „Herdenschutz“ bezeichnet), aber auch ökonomische Überlegungen. Weniger Erkrankungen bedeuten weniger Krankenstandstage, weniger Behandlungskosten, weniger Spitalstage und (siehe Covid-19-Pandemie) weniger Belastung für Intensivstationen.

Dass eine Impfpflicht dennoch in Österreich (im Gegensatz zu anderen Ländern) kaum umsetzbar ist, hat mehrere Gründe. Erstens das Recht auf Selbstbestimmung. Dieses sensible Gut genießt in Österreich einen hohen Stellenwert, möglicherweise aus der Historie heraus. Ein weiterer Grund für die Zurückhaltung ist die Möglichkeit von Komplikationen und die medizinische Prämisse, vor allem „nicht zu schaden“.

Anders verhält es sich beim Personal im Gesundheitswesen. Dieses ist verpflichtet, seine Patientinnen und Patienten nicht nur medizinisch bestmöglich zu versorgen, sondern auch zu schützen. Dazu zählt insbesondere auch der Schutz vor infektiösen/übertragbaren Krankheiten. Neben regelmäßiger Händedesinfektion vor und nach jedem Patientenkontakt sind auch Impfungen höchst effektiv. Logisch und konsequent ist es daher, wenn Krankenanstaltenträger (in ähnlicher Weise auch Schulen und Kindergärten) von neu einzustellendem Personal derartiges einfordern. Mit bereits tätigem und meist über Jahre bewährtem Personal sollte eine sachliche, wertschätzende und Bedenken respektierende Kommunikation erfolgen, aber kein Druck ausgeübt werden. Solcher würde nur zu weiterer Polarisierung beitragen. Die wir genauso wenig brauchen wie eine vierte Welle!

Zur Person

Reinhold Kerbl ist Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft für Kinder – und Jugendheilkunde

Auch wenn das Personal im Bildungs- und Gesundheitsbereich geimpft ist, schließt das die Ansteckung im Arbeitsalltag nicht aus. Eine Impfpflicht allein beendet die Pandemie nicht, daher braucht es vielfältige Zugänge, um uns alle zu schützen. Die Verantwortung dafür tragen nicht nur bestimmte Berufsgruppen.

Da es noch unzureichende Informationen zum Gesundheitsschutz durch die Impfung gibt, stehen viele Antworten über die langfristige Wirksamkeit aus. Diesbezüglich gibt es auch große Unsicherheiten, die ernst genommen werden müssen.

Die Impfentscheidung wird das Abwägen der empfundenen Vor- und Nachteile getroffen. Ein Zwang (auch indirekt) wäre kontraproduktiv und stößt auf Widerstand. Die Impfbereitschaft kann nur durch faktenbasierte Aufklärung und durch die transparente Weitergabe vielschichtiger Informationen erhöht werden. Es geht bei dieser Entscheidung um den Erhalt der persönlichen Freiheit und Selbstbestimmung.

Die Impfpflicht würde Berufsgruppen treffen, die bereits vor dem Ausbruch der Pandemie, aufgrund beruflicher Rahmenbedingungen und den damit verbundenen Belastungen, mit einem spürbaren Personalmangel zu kämpfen hatten. Eine Impfpflicht könnte den Eintritt in diverse Berufssparten negativ beeinflussen. Können wir es wirklich verantworten, dass gerade in diesen systemrelevanten Berufen kein entsprechend qualifiziertes Personal mehr zu finden ist und auf Notlösungen zurückgegriffen werden muss?

Neben der Impfung gibt es viele Möglichkeiten das Ansteckungsrisiko zu minimieren. Gut durchdachte Hygiene- und Gesundheitskonzepte werden bereits tagtäglich in den Einrichtungen umgesetzt, sind aber noch ausbaufähig (zum Beispiel durch eine flächendeckende Anschaffung von Luftfilteranlagen oder Ähnlichem). Auch das lokale, simple Testangebot ist wichtig. Es braucht die Unterstützung aller, um wieder in die Normalität zurückzukehren.

Abschließend bleibt noch zu sagen, dass ein Großteil der Bevölkerung sehr wohl das Verantwortungsbewusstsein besitzt, aktiv zur Ansteckungsreduzierung beizutragen. Sich gegen eine Impfung zu entscheiden, ist weder „schäbiges“ Verhalten noch unmoralisch. Diese Unterstellung ist nicht nur Elementarpädagoginnen und Elementarpädagogen gegenüber respektlos, sondern allen wichtigen Berufen in unserer Gesellschaft.

Zur Person

Alexandra Obendrauf ist ausgebildete Kindergarten- und Sonderkindergartenpädagogin und Sprecherin des steirischen Berufsverbandes für Elementarpädagogik