Virologin Elisabeth Puchhammer"Es scheint, die Kontrolle über das Infektionsgeschehen geht verloren"

Immer mehr Ansteckungen im öffentlichen Raum, und die Kontrolle über das Infektionsgeschehen bricht zusammen: Ein internes Mail der Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl offenbart, wie heikel die Corona-Situation ist.

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Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl
Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl © (c) APA/HELMUT FOHRINGER
 

Jenes Mail, das der Kleinen Zeitung exklusiv vorliegt, hat einen lapidaren Beginn. "Kurze Info" steht in der Überzeile. Gerichtet ist es an mehrere Personen der Task-Force des Gesundheitsministeriums von Rudolf Anschober.

Die bekannte Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl von der MedUni Wien schreibt in dieser Mail: "Unsere Analysen von einzelnen bis aufs Detail von uns untersuchten SARS-Infektionsfällen in Wien (genaues PCR-Screening aller irgendwie in Frage kommenden Kontaktpersonen) zeigen, dass Infektionen bereits in unklarer Weise im Öffentlichen Raum (Öffis, Geschäfte als einige mögliche Quellen) akquiriert werden. Es scheint, die Kontrolle über das Infektionsgeschehen geht verloren."

In dieser Klarheit hat das aus dem unmittelbaren Umfeld des Gesundheitsministeriums noch niemand öffentlich formuliert. Dazu kommt: Elisabeth Puchhammers Wort hat Gewicht, sie gilt als besonnene und äußerst kompetente Medizinerin in der Corona-Pandemie.
Puchhammer-Stöckl bestätigt gegenüber der Kleinen Zeitung das Schreiben. "Wir haben bei Untersuchungen festgestellt, dass immer mehr Menschen nicht wissen, wo sie sich angesteckt haben könnten. Wir haben dann alle Kontaktpersonen in mehreren Fällen geprüft und gesehen: Es waren nicht Familie oder Arbeitskollegen, über die die Ansteckung erfolgte." Damit bleibe eben nur der öffentliche Raum. Puchhammer weiter: "Man ist in eine diffuse Situation gekommen. Ich glaube, das verhält sich in manchen Bundesländern genauso."



Puchhammer betont, dass "vorhersehbar war, dass sich bei Fortschritt der Epidemie eine unklare Verbreitung entwickelt, bei der man nicht mehr nachvollziehen könne, woher die Ansteckung komme“.


Aber die Folgen ihrer neuesten Erkenntnisse könnten erheblich sein, und die bisher angewandten Corona-Strategien damit an Wirkung verlieren. Das gesamte System ist offenbar nicht auf unkontrollierte Verbreitung, extrem hohe Fallzahlen und eben auf diese Bedingungen ausgelegt. Etwa, was das Contact Tracing (also das Verfolgen von Infektionsketten) betrifft.



Hier steht man mit den neuen Erkenntnissen zusätzlich unter Druck. Wenn sich immer mehr Personen im öffentlichen Raum infizieren, ist das Auffinden der Überträger unmöglich, weil diese sich wie U-Boote in der Masse bewegen und nicht nachverfolgbar sind. In diesem Zusammenhang hilft es dann überhaupt nichts, immer mehr Personal für das Contact Tracing zur Verfügung zu stellen. Erschwerend kommt hinzu, dass aufgrund der steigenden Infektionszahlen die Bundesländer bereits jetzt mit Problemen beim Contact Tracing kämpfen, weil sie an ihren Kapazitätsgrenzen angelangt sind.

Vorarlberg hat aufgrund der steigenden Infizierten-Zahlen das Contact Tracing bereits reduziert. Man könne "in der nächsten Zeit nicht mehr den vollen Umfang der Kontaktnachverfolgung aufrechterhalten und müsse sich deshalb auf Hochrisikogruppen konzentrieren", wurde zuletzt offiziell von Vorarlberger Verantwortlichen verlautbart. Offen bleibt, ob und wann auch andere Bundesländer diesen Schritt setzen werden.

Puchhammers Mail zeitigt weitere Konsequenzen in der Pandemiebekämpfung. Was die Teststrategie betrifft, wird der Ruf lauter, die Bevölkerung nicht mehr ziellos zu testen und dass nicht mehr Gesunde ohne Kontakt zu Infizierten getestet werden. Vielmehr gehe es um Hochrisikokontakte und vulnerable Personen in Altersheimen oder Krankenhäusern.

Wir haben bei Untersuchungen festgestellt, dass immer mehr Menschen nicht wissen, wo sie sich angesteckt haben könnten. Wir haben dann alle Kontaktpersonen in mehreren Fällen geprüft und gesehen: Es waren nicht Familie oder Arbeitskollegen, über die die Ansteckung erfolgte.

Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl

Strategiewechsel

Die Testung sollte auf einer Verdachtsdiagnose beruhen – das formulierte der Innsbrucker Infektiologe und Direktor der Uniklinik für Innere Medizin, Günter Weiss bereits Ende September. Immer mehr Mediziner fordern ebenso einen Strategiewechsel, der jedoch nicht so einfach zu gestalten sein dürfte. Denn die PCR-Tests sind – bei aller Notwendigkeit für Verdachtsfälle – auch zu einem Geschäftsmodell geworden. Experten gehen von entsprechenden Gewinnspannen im mittleren zweistelligen Eurobereich pro Test aus. Die günstigeren Antigentests gelten aber als eine kommende Alternative, auch weil man wesentlich schneller (15 bis 20 Minuten) zu einem Ergebnis kommt.

Der Umgang miteinander wird sich wohl ebenso ändern müssen, wenn die Pandemie nicht völlig außer Kontrolle geraten soll. Puchhammer-Stöckl erklärt zum Beispiel dazu: "Wichtig wäre die Maskenpflicht zu kontrollieren, oder mehr zu kontrollieren als bisher."

Angesichts der Infektionszahlen habe man sich zuletzt mit Medunis und Medizinern aus ganz Österreich gemeinsam zu Wort gemeldet. Im Focus: Kontaktreduktion, Hygiene, das Tragen von MNS-Masken, sowie das das Identifizieren und Isolieren von "ansteckenden" Personen und von Patienten mit Symptomen. Hintergrund: "Ungebremste" Corona-Wellen würden Spitäler erheblich oder zu sehr belasten.


Corona: Wie verhalte ich mich richtig?

Wenn Sie bei sich Erkältungssymptome bemerken, dann gilt zunächst: zu Hause bleiben und Kontakte zu Mitmenschen meiden! Tritt zusätzlich Fieber auf oder verschlechtert sich der Zustand, dann sollte das Gesundheitstelefon 1450 angerufen werden. Bei allgemeinen Fragen wählen Sie bitte die Infoline Coronavirus der AGES: 0800 555 621 .
Die Nummer 1450 ist nur für Menschen mit Beschwerden! Es gilt: Zuerst immer telefonisch anfragen, niemals selbstständig mit einem Corona-Verdacht in Arztpraxis oder Krankenhaus gehen!

Coronavirus-Infopoint

Kommentare (99+)
DannyHanny
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Bekommen Sie einen erotischen Kick oder so

Wenn Sie Jeden und alles als Troll bezeichnen???
Sonst keine Argumente....gut euch Verharmlosern gehen so langsam die Beweise aus!!
Das Schnupferl Thema zieht nicht mehr....MNS Masken sind sinnlos, auch nicht neu - kommt aber auch nicht so richtig in Fahrt! Endlose Beispiele, wieso die Toten eigentlich nicht zu denn Toten zählen, wieso die Infizierten positiv aber nicht ansteckend sind,der PCR Test für die Katz ist,und einige uns mit Pseudo wissenschaftlichen Geschwafel auf die Nerven gehen, dass sie irgendwo auf Facebook & Co aufgeschnappt haben! Etc.etc
Wissen Sie was die Menschen interessiert? Nicht ob Sie jemanden als Troll bezeichnen....sondern wie kann ich mich und meine Lieben schützen und ist ein Platz für Verwandte, Freunde ,für mich im Krankenhaus, wenn ich einen brauche...für was auch immer!
Ich lebe in keiner Wohlstandsblase, so wie manch anderer hier, fast alle meiner beruflichen und persönlichen Kontakte erzählen mir das!
Also spotten Sie ruhig weiter und machen Sie sich weiter lustig über andere, aber verfallen Sie nicht dem Irrtum, das sehr viele so denken wie Sie!

scionescio
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@Hannerl: „ Bekommen Sie einen erotischen Kick oder so“

Nein - es ist nur ab und zu lustig, mit den einfachgestrickten Trollen zu spielen: man wirft ein Hölzchen und sie aportieren dann brav ...;-)

samro
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danny

am freitag hat mir jemand wieder gesagt: '' egal mit wem ich rede jeder hat nur angst vor den dummen die uns grad reinreiten bis zum bitteren ende.''
und auch ich teile diese meinung.

melahide
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Ja

nur brauchen sie dann halt auch eine disziplinierte Bevölkerung die sich selbst und andere schützen möchte.

Die „letzte“ Alternative wäre ja nur, dass sich halb Europa abkapselt, die Grenzen für zwei Wochen dicht macht, alle Menschen durchgetestet werden, alle Infizierten, K1 und K2 Kontaktpersonen 2 Wochen in Quarantäne gehen ... wäre logistisch unmöglich und die Wirtschaft wäre 2 Wochen lang hin, der Tourismus sowieso. Das Virus wäre dann aber - wenn sich alle daran hielten - weg ...

scionescio
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„ nur brauchen sie dann halt auch eine disziplinierte Bevölkerung die sich selbst und andere schützen möchte“

Das klingt so, als ob die Politiker alles richtig gemacht haben und die Bevölkerung zu unverantwortlich und dumm ist - ich stelle mir dann die Frage, warum sich die Bevölkerung überhaupt Politiker leistet, wenn eh die wichtigen Dinge in der Selbstverantwortung der Bevölkerung liegen?
Andere Regierungen haben es anscheinend schon geschafft, das Bewusstsein der Bevölkerung zu schärfen und sich nicht nur bei der eigenen Bevölkerung abzuputzen, weil sie es einfach nicht auf die Reihe bringen, keinen klaren Plan haben und lieber auf unzähligen Pressekonferenzen vortragen, was ihnen die Medienberater gerade aufs Zettelchen geschrieben haben - so gewinnt man offensichtlich Wahlen, aber ebenso ruiniert man damit ein ganzes Land und richtet damit sowohl menschlichen als auch wirtschaftlichen Schaden an.

samro
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sie haben wirklich die basics nicht verstanden

'' ich stelle mir dann die Frage, warum sich die Bevölkerung überhaupt Politiker leistet, wenn eh die wichtigen Dinge in der Selbstverantwortung der Bevölkerung liegen?''
die politik kann nur vorgaben machen. die buerger setzen um.
im sommer hat man auf die erzwungene eigenverantwortung gesetzt. dazu sind wir oesterreicher nicht faehig.
aber einer muss ja schuld sein und am besten nicht man selbst. daher ists die politik.
und ich sage es geht nur mit rigorosen strafen jetzt.

feringo
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@scionescio : motzen ist nicht seriös

Wenn ich Ihre anderen sachlichen Beiträge mit diesen jetzigen hier vergleiche leidet mit letzteren Ihre Seriosität.
Keine Partei kann ohne sich gut darzustellen in einer Demokratie überleben.
Schlagen Sie also lieber vor, wie das mit für die österreichische Bevölkerung richtigen Maßnahmen zu ermöglichen ist.

Balrog206
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Mel

Ich glaube das so etwas so gut wie unmöglich ist ! Und nach 2 Wochen schwupdiwup kommt wieder was um die Ecke und du könntest das ganze wieder von vorne beginnen ! Sisyphus

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