Analyse zur Corona-PandemieDie Wut der Italiener auf Europa

Italien fühlt sich in der Coronakrise von der EU im Stich gelassen. Lega-Chef Matteo Salvini schürt geschickt den Zorn seiner Landsleute.

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Die verlassene Piazza del Popolo im Herzen von Rom.
Die verlassene Piazza del Popolo im Herzen von Rom. © (c) APA/AFP/FILIPPO MONTEFORTE (FILIPPO MONTEFORTE)
 

"Siamo con voi!“, wir sind bei Euch, so schallte es am Donnerstag von der letzten Seite der „Bild“-Zeitung in Richtung Italien. Ganzseitig abgebildet war eine erschöpfte Krankenschwester aus Bergamo, dazu Fotos aus der italienischen Corona-Apokalypse. Im auf Deutsch und Italienisch veröffentlichten Text war von Italien-Sehnsucht und von „Antipasti, Farfalle, Tiramisu“ die Rede. „Wir fühlen mit Euch, weil wir Brüder sind!“, lautete ein Satz. Allein, die Botschaft kam nicht an. Am Freitag reagierte der renommierte „Corriere della Sera“, Stimme des seriösen Italiens. „Heuchlerisch“ sei dieser Zuruf.

Die journalistische Dialektik trifft das deutsch-italienische Verhältnis dieser Tage gut. „Auf solche Zuneigungsbekundungen können wir verzichten“, schrieb der „Corriere della Sera“, fügte aber versöhnlich hinzu, dass es sich bei „Bild“ ja nicht um Deutschland handelte. Von dort kämen „schöne, konkrete Bekundungen von Solidarität“. Doch Italien erwarte Antworten auf die „Mutter aller Fragen“, die finanzielle Garantien zum Schutz des Marktes und der europäischen Wirtschaft betreffe. Es ist kein unbekanntes Muster für Partnerschaften: Sobald vom Geld die Rede ist, kracht es.

Der Bruch entstand nicht erst jetzt. Die Eurokrise 2008 und die Migrationskrise 2015 beschädigten das Verhältnis, Italien fühlte sich schon damals im Stich gelassen.

Der Disput begann Anfang März, als Berlin in den ersten Tagen der Virusepidemie ein Ausfuhrverbot von Schutzmasken verhängte, das rasch wieder aufgehoben wurde. Auch eine auf Italienisch gehaltene Ansprache von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen („Wir sind alle Italiener“) nahm bei vielen Italienern einen schalen Beigeschmack an, seit sich die Staats-und Regierungschefs beim EU-Gipfel am 26. März wegen des Widerstands von Deutschland, den Niederlanden und Österreich nicht auf Coronabonds, also gemeinsame EU-Anleihen zur Finanzierung der Folgen der Epidemie, einigen konnten. „Das hässliche Europa“ titelte die liberale Zeitung „La Repubblica“ am nächsten Tag. An der Bitterkeit war abzulesen, wie stark das Verhältnis beeinträchtigt ist.

Der Bruch entstand nicht erst jetzt. Die Eurokrise 2008 und die Migrationskrise 2015 beschädigten das Verhältnis, Italien fühlte sich schon damals im Stich gelassen. Die Tatsache, dass auf beiden Seiten längst um einen Kompromiss gerungen wird, kommt in der öffentlichen Meinung zu kurz.

Wie lässt sich den Krisenländern am besten helfen?

Ökonomisch gesehen dreht sich der Streit um die Frage, ob die Mittel im Euro-Rettungsschirm (ESM), in der Europäischen Investitionsbank und im EU-Haushalt ausreichen, um von der Coronakrise besonders geschädigte Länder zu unterstützen. Oder ob gemeinsame EU-Anleihen mit günstigeren Zinssätzen für die Krisenkandidaten und eine Vergemeinschaftung der Schulden im Ernstfall notwendig seien, wie sie Italien, Spanien, Frankreich und weitere fünf Länder fordern. „2020 wird ein Schicksalsjahr der EU“, sagt Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte.

Seine Links-Regierung ist getrieben von Ex-Innenminister Matteo Salvini. Der Chef der rechten Lega schürt den Hass auf die EU: „Das einzige Interesse Europas ist das Geschäft“, behauptet er. „Für die Deutschen lohnt es sich nicht, zu helfen, denn niemand kann mich davon überzeugen, dass hier nicht jemand das Virus benutzt, um einen Handelskrieg zu entfachen.“ Solche Parolen greifen bei durch vorherige Krisen vorbelasteten Italienern. Das Vertrauen in die EU sinkt immer weiter. „Die Italiener glauben nicht mehr an Europa“, schrieb das Umfrageinstitut IPR Ende März. 72 Prozent der Befragten denken, die EU habe auf keine Weise zur Lösung der gegenwärtigen Krise beigetragen.

 

 


Corona: Wie verhalte ich mich richtig?

Wenn Sie bei sich Erkältungssymptome bemerken, dann gilt zunächst: zu Hause bleiben und Kontakte zu Mitmenschen meiden! Tritt zusätzlich Fieber auf oder verschlechtert sich der Zustand, dann sollte das Gesundheitstelefon 1450 angerufen werden. Bei allgemeinen Fragen wählen Sie bitte die Infoline Coronavirus der AGES: 0800 555 621 .
Die Nummer 1450 ist nur für Menschen mit Beschwerden! Es gilt: Zuerst immer telefonisch anfragen, niemals selbstständig mit einem Corona-Verdacht in Arztpraxis oder Krankenhaus gehen!

Coronavirus-Infopoint

Kommentare (34)
Laser19
0
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Die 3 Länder

die Eurobonds wollen, sind gleichzeitig diejenigen die ihre Staatshaushalte trotz idealer Rahmenbedingungen nicht in den Griff bekommen, die Coronaepidemie am schlechtesten weltweit organisieren und es nicht einmal schaffen in ihrer Landeshauptstadt den Müll zu beseitigen. Sie sollten nicht von Europa entäuscht sein, sondern von sich selbst.

LOEWEGRAZ
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Ende der Eu



Diese Krise hat traurig veranschaulicht wie wenig Solidarität es in der EU gibt. Während in Italien schon die Menschen starben wurde in unseren Skigebieten noch fette Party gemacht und viele haben sich über die Unfähigkeit der Italiener belustigt. Geholfen hat NIEMAND. Kaum hatte sich das Virus über Europa verbreitet setzte die Gier nach den Wichtigen Resurcen wie Masken und Schutzkleidung ein.Hier tun sich besonders die Osteuropäischen Nettoempänger hervor. Und es ist auch nicht zu erwarten das nach dieser Krise zusammen aufgeräumt wird. Die Radikalen Rechten und Linken sowie Nationalisten wittern schon ihre große Chance. Leider wird es ihnen wieder einmal viel zu leicht gemacht. Warum man nach den schlechten Erfahrungen mit den Osteuropäern jetzt auch noch Beitrittsverhandlungen mit Albanien und Nord Mazedonien aufnehmen will ist mir völlig schleierhaft

seinerwe
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Länderkompedenz

Das Gesundheissystem ist
Ländersache, das ist eben die Situation ohne EU, wie es viele Populisten in den letzten Wahlkämpfen auch so wollten. Auch die Italiener haben sich in Budgetangelegenheiten die Einmischung verbeten.

krambambuli
24
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ich kann

die Italiener schon verstehen...natürlich haben sie einen haufen Schulden und ein miserables Gesundheitssystem. aber das die EU (bei wichtigen Themen) für gar nix is, haben schon viele begriffen. Freihandelsabkommen kann ich sowieso abschließen mit allen Nachbarländern dazu brauch ich keine EU. Und wenns mal Probleme gibt, hörst nichts von denen. Vor allem mit den Flüchtlingen wurden Griechenland und Italien allein gelassen...da hat die EU ihre Inkompetenz trefflich zur Schau gestellt.

muston
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Nonsens

Vielleicht wissen Sie und viele andere nicht, dass Italien eines der besten und gerechtesten Gesundheitssystem hat?

krambambuli
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das wär

mal was ganz neues. könnten Sie das erläutern

muston
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Nonsens

es gibt kein Klassensystem, jedem steht dieselbe Behandlung zu

ultschi1
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Für euer kaputtes Gesundheitssystem können die anderen aber nix!

LOEWEGRAZ
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Im Mittelfeld

Das italienische Gesundheitssystem liegt im Vergleich im Mittelfeld. Mit dieser Misere wären alle überfordert gewesen, wir hatten nur einen zeitlichen Vorsprung und konnten aus Fehlern lernen. Bitte nicht vergessen, unsere gierigen Touristiker und deren abhängigen Politiker haben sehr viel zur Verbreitung des Virus in ganz Europa beigetragen

ultschi1
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Das ist ein Scherz, die Krankenhäuser in Italien sind ein Alptraum

muston
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Nonsens

In welchem Krankenhaus waren Sie in Italien?

ultschi1
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Ich habe in Neapel in einem gearbeitet und sie?

Noch einmal: ein Alptraum! Nicht einmal zu essen gibt es, es ist üblich, dass die Angehörigen das Essen bringen. Von der Hygiene ganz zu schweigen. Ausnahme: Privatkliniken!

muston
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Nonsens

Dann mussen Sie erwaehnen, dass Sie in Neapel waren, diese Stadt entspricht in gewisser Hinsicht nicht dem Standard in Italien, aber es gibt auch dort Spitaeler von hoechster Qualitaet (siehe Coronavirus-Forschung)

ber
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Die Europäische Union

hat es in den Köpfen vieler nie gegeben. Das zeigt die aktuelle Krise ganz deutlich.

krambambuli
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ein Aufgeblähter teurer Apparat,

besetzt mit dem politischen Ausschuss der Länder, der bei wichtigen Themen nichts tut bzw. nichts tun kann. Wenn sich da nicht was ändert wird der Gegenwind für die EU nicht abnhemen

egubg
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Weniger als in Deutschland und vielen einzelnen EU Staaten

Im europ. Parlament sind weniger Politiker, als im deutschen Bundesrat und zählen sie die Politiker in Österreich zusammen, bezogen auf die Bevölkerung in Bund und Land, da ist die EU ein Sparverein. Kompetenzen, die Politiker von der EU einfordern, die sie vorher abzugeben an die EU verweigerten, geht nicht, wie soll das funktionieren, es konnten dadurch auch keine entsprechende EU Strukturen aufgebaut werden.

ber
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Antw: ein Aufgeblähter teurer Apparat,

der auch keine Macht hat. Das Problem sind die nationalen Regierungen, die ihre eigene Suppe kochen und gegen die Union im Sinne nationaler eigenbrötlerischen Interessen operieren.

Die nationalen Regierungen müssten einfach weg oder auf beratende Funktion reduziert werden und eine starke EU-Regierung her, die etwas wirklich bewegen kann und dies dann natürlich auch verantworten muss.

Es gibt in der EU-Regierung vielleicht auch deshalb keine handlungsfähigen Köpfe, weil die dort sowieso keiner braucht und auch niemand mit außerordentlichen Fähigkeiten hin will. Außer es fühlt sich jemand am Abstellgleis wohl.

altbayer
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Köpfe der Europäischen Union

Es gibt keine handlungsfähigen Köpfe in der Europäischen Union, könnte man die Situation auch beschreiben.

Nach Corona muss die Europäische Gemeinschaft wieder in die Köpfe aller Europäer - die Europäische Gemeinschaft (ich habe absichtlich Europäische Union geschrieben) muss sich neu finden, um für zukünftige Krisen besser aufgestellt zu sein. Da muss sich auch unser regionales Denken ändern.

Sam125
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altbayer, zum Glück gibt es unser regionales Denken noch!

Sonst wären wir ganz schön "aufgeschmissen" gewesen,so wie sich die Europäische Union bei dieser Weltweiten Coronakrise verhält! Und noch was, die Italiener hatten schon vor Corona, die größten Probleme im Gesunheits-und Sozialwesen! Und Wirtschaftlichkeit gab und gibt es,wenn überhaupt, auch nur in Norditalien,und der Süden Italiens ist fest in den Händen der verschiedensten Mafiaorganisationen gefesselt!!!

gonde
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Salvini soll nicht hetzen, sondern seinen Landsleuten helfen! Das wäre viel besser für alle!

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MS80
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Wut der Italiener...

So, so.
Also wütend sind die lieben Italiener.
Wer hat denn die illegalen Arbeiter aus China wissentlich beschäftigt und damit das Virus geholt?
Außerdem sind die ein überaus großer Nutznießer/Empfänger der EU Zahlungen.
Sollen doch jetzt selber schauen, wie sie zurecht kommen.
Ich sag in den letzten Jahren sehr viele neue Leasingautos etc., dann gibt es noch die liebe Mafia, welche seit Jahrzehnten Milliarden verdient, also so schlecht geht’s denen nicht.
Alles „Schmähführer!“

2ae0034172a8647356c2ff760ba3b141
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Italien ist Gründungsmitglied der EU und mußte nie irgendwelche Aufnahmekriterien erfüllen

Durch den EURO ging plötzlich die regelmäßige "Sanierung" mittels Liraabwertung nicht mehr.
Dann, bei ökonomischer Betrachtungsweise, die extreme Nord-/Süddifferenz, eine EU im Kleinen mit wesentlich markanteren Unterschieden.
Der Süden, einschließlich Rom, mit Beherrschung durch die verschiedenen Mafiaclans und katastrophaler Arbeitsmoral (man denke nur an Alphasud, es gibt noch viele andere Beispiele) steht wohl schlechter da als Griechenland. Der Norden, der mit seinem Steueraufkommen das ganze Land erhalten soll, ist ökonomisch wahrscheinlich sogar stärker als Frankreich (ist wegen der streikgeilen Franzosen inzwischen aber auch keine Kunst mehr), kann aber das große Südloch auch nicht stopfen.
Von der politischen Kaste, die weder Mafia noch Korruption je bekämpfte und immer nur neue Schulden anhäuft, ist keine Besserung zu erwarten.
Ein Italexit wäre theoretisch eine Lösung, bestraft aber auch den Norden inklusive Südtirol, geht also auch nicht.
Es ist hoffnungslos.

muston
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Nonsens

Wieder einer, der nichts versteht

X22
42
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Italien ist noch immer Nettozahler, nicht Nettoempfänger

und damit das Virus geholt? Vermutung, bzw. wo sind die belege dafür, hat es vielleicht eher etwas mit dem Tourismus zu tun, wie sieht es aus, wenn ich ihne sage, dass das Verhältnis zwischen Touristen und in Italien lebenden Personen mit Wurzeln zu China 200 zu 1 ist, sprich 60 Mio zu 300K.
Sind sie FPÖ Wähler?

wollanig
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Ach ja,

deshalb ist ja der chinesische "Tourismushotspot" Bergamo des Epizentrum des italienischen Horrors. Und dann noch die dümmliche aber bezeichnende Wählerfrage.

X22
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Was ist dümmlich an der Frage, in Italien versucht die "Fratelli d'Italia" und Salvini, den Chinesen unter den Hut zu schieben, die sind ja bekannt als weit rechts stehend, also was ist dümmlich, wenn man aus diesem Grund nach dem wahlverhalten fragt, es würde ja nur die allgemeine Annahme, rechte ticken so, bestätigen. Zur Virusverbreitung gibt es schon Faktenchecks, und die ersten mit dem Virus in Italien waren zwei Touristen aus China.

Keine Hinweise auf chinesischen "Patienten Null"

Aber: Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass der Ausbruch der Pandemie in Italien mit der dortigen chinesischen Gemeinde in Verbindung steht. Der erste Tote in Italien, der das Coronavirus in sich trug, wurde am 21. Februar in der Gemeinde Vo' Euganeo in Venetien registriert. Auf Druck des Regionalpräsidenten Luca Zaia von der Lega wurden daraufhin alle acht Chinesen im Ort auf das Coronavirus getestet. Alle Tests waren negativ. Auch in der Gemeinde Codogno in der Lombardei, wo am 20. Februar zum ersten Mal bei einem Italiener das Coronavirus nachgewiesen wurde, gibt es keinen bekannten Fall unter den 78 dort lebenden Chinesen. Noch weniger plausibler wird die These, die chinesische Gemeinde sei schuld, beim Blick auf die Verteilung der Coronavirus-Fälle in Italien: Die Gegenden im Land, die besonders stark von der Pandemie betroffen sind, haben eine unterdurchschnittlichen chinesischen Bevölkerungsanteil.
Naja, bei ihne brauche ich ja nicht zu fragen, wen sie wählen

 
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