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Intensivpflegerin: “Die deutschen Krankenhäuser wurden kaputt gespart”

Die Anfänge der Coronakrise haben auch unser Nachbarland Deutschland erreicht und Krankenhäuser und Personal bereiten sich auf den vielzitierten Peak vor. Anna-Maria M., Berliner Intensivschwester spricht mit uns über das, was in den nächsten Wochen auf sie und das deutsche Gesundheitssystem zukommt. Von Larissa Eberhardt

© Belkin & Co
 

“Wenn ich ehrlich bin, habe ich ziemliche Angst vor dem, was da kommt.” 

Anna-Maria M.*: Aus einer deutschen Kleinstadt ging sie 2012 nach Berlin, um eine Ausbildung an einem der größten europäischen Universitätskrankenhäuser zu beginnen: der Charité in Berlin. Es folgte eine Weiterbildung zur Intensivschwester. Einige Jahre arbeitete sie dort auf der Intensivstation und entschied sich dann, wie viele andere, zu gehen. 

“Die Wirtschaftspolitik der Häuser ist schuld an vielen Missständen. Zum Beispiel beim Material wird oft gespart. Es werden billige Handschuhe bestellt, die schnell reißen, nur um Geld zu sparen. Wir haben viel mit Blut und Sekret zutun und ziehen dann oft zwei Paar Handschuhe an, um wirklich geschützt zu sein. Das passiert besonders in privaten Kliniken, weil die geführt werden wie normale Wirtschaftsunternehmen.” Allgemein kritisiert sie, dass zu viel an Profite und zu wenig an die Menschen gedacht wird. “Mit Beatmungsstunden von Patienten wird Geld gemacht und teilweise liegen Patienten auf der Intensivstation, die es gar nicht brauchen, weil immer die gesamte Kapazität ausgelastet werden soll.” 

Die deutsche Gesundheitsreform

Seit 2005 ist das deutsche Gesundheitssystem dominiert vom Abrechnungsmodell der Fallpauschale. Es wird nicht mehr nach Verweildauer im Krankenhaus abgerechnet, sondern nach festgelegten Pauschalen für bestimmte Krankheitsbilder. Die Einführung dieses Systems muss als Teil einer breiteren Ökonomisierung des Gesundheitssektors gesehen werden, deren Originalgedanke darauf abzielte eine bessere Versorgung, bei geringeren Kosten zu gewährleisten. Im Zuge dieser Reform kam es zu Privatisierungen von Krankenhäusern. Kritiker sprechen von einer “Kommerzialisierung von Krankheit”, die einen enormen wirtschaftlichen Druck auf Krankenhäuser ausübt.

Die Personaldecke ist dünn und auch schon vor der Coronakrise sei der Personalschlüssel, der auf der Intensivstation normalerweise eins zu zwei betragen sollte, nicht eingehalten worden. Als Anna-Maria dann ein Studium im Gesundheitsbereich begann, kündigte sie an der Charité und begann im Leasing zu arbeiten. 

Zeitarbeit für die Pflege

Das sogenannte "Leasing" ist nichts anderes als Leiharbeit, bei der Krankenpflegerinnen über eine Leiharbeitsfirma an diverse Krankenhäuser vermittelt werden. Arbeitgeber ist in dem Fall die Leiharbeitsfirma und nicht das Krankenhaus. So können die Pflegerinnen flexibel in verschiedenen Krankenhäusern eingesetzt werden, in denen akute Personalnot herrscht. 

“Im Leasing bin ich viel flexibler, kann meine Stunden selber einteilen, Studium und Beruf besser vereinbaren und ich verdiene deutlich besser. So musste ich keinen Studienkredit aufnehmen.” Durch das Leasing wird Anna-Maria in vielen Berliner Krankenhäusern eingesetzt und weiß viel über die Lage in den verschiedensten Einrichtungen zu berichten. Es sind oft die, in denen die größte Personalnot herrscht. Aktuell arbeitet sie in einem kleineren Haus. Aktuell sind in ihrem Krankenhaus noch nicht viele Corona-Patienten, da vorgesehen ist, dass Corona-Patienten erstmal in die großen Häuser Berlins gelegt werden, doch die Vorbereitungen sind in vollem Gange. Aktuell würde ein so großer Fokus auf die Corona-Krise gelegt, dass darunter oft Menschen mit anderen schweren Erkrankungen leiden müssen, erzählt sie. “Mein letzter Dienst war extrem anstrengend. Das ganze Personal wird schon jetzt im Bereich Corona eingesetzt.” In den letzten Wochen wurden Anna-Maria zufolge schon Pflegerinnen aus dem Urlaub geholt, um die Personalnot zu bekämpfen.

Ich muss ehrlich sagen, ich habe eine Scheißangst. Ich hoffe, dass wir heile aus der Sache rauskommen und uns keine Zustände wie in Italien ereilen.

Es fällt ihr schwer über die Lage zu sprechen. “Mich nimmt es mit darüber zu sprechen. Wenn man es laut ausspricht, wird es irgendwie realer und mir wird klar, was für eine große Verantwortung ich habe.”

Die Krankenhäuser rüsten sich aus 

Ihr Krankenhaus bereite sich schon seit Wochen auf steigende Fallzahlen, erzählt sie. Es gabe viele Gespräche mit dem Team, um die Motivation der Pflegerinnen aufrecht zu erhalten.

Wir sprechen darüber, dass wir zusammenhalten müssen, stark bleiben und uns nicht verrückt machen lassen sollen. Vor allem aber darf die Menschlichkeit nicht auf der Strecke bleiben. Auch die Menschen, die andere schwere Erkrankungen haben, brauchen weiter unsere Fürsorge. Deswegen haben wir auch versucht, die Besuchszeiten auf der Intensivstation so weit es geht aufrecht zu erhalten. Kritisch Kranke oder Menschen, die sich im Sterbeprozess befinden, können weiter jeden Tag eine Stunde lang Besuch bekommen.

Das Krankenhaus habe auch schon vor einiger Zeit Schutzkleidung und Beatmungsgeräte für den Ernstfall bestellt. “Uns wurde angeraten, mit Schutzmaterialien sparsam umzugehen, weil sie bald für Corona dringender benötigt werden. Gewisse hygienische Vorschriften werden gerade gelockert und bestimmte Keime als nicht mehr so schlimm empfunden,” erzählt sie. Auch medizinisches Personal im Rentenalter sollte aus dem Ruhestand geholt werden, um zu helfen. Anna-Maria äußert Bedenken dazu, wie sinnvoll diese Maßnahme ist: “Da muss man auch schauen, ob die Leute nicht wegen ihres Alters schon zur Risikogruppe gehören.” Italien habe gezeigt, dass das Personal das Risiko trägt, sich bei den Patienten anzustecken. 

“Wir haben auch Betten wieder geöffnet, die bisher wegen Personalmangel gesperrt waren und haben sie mit Beatmungsgeräten und Überwachungsmonitoren ausgerüstet”, erklärt sie. Das Verhältnis von Intensivbetten zur Bevölkerung ist trotz aller Mängel in Deutschland deutlich besser als in Italien, aber auch als in Österreich. Die Angst, dass die Betten nicht reichen, bleibt bestehen.

Kleine Zeitung/ Deutschland liegt weit über dem OECD-Schnitt Foto ©

“Das gesamte OP- und Anästhesiepersonal wird in der Intensivstation eingearbeitet. In Gruppen wohlgemerkt.” Das geht nur, da nicht dringliche Operationen nahezu alle abgesagt wurden, um Platz für die Corona-Patienten zu machen. 

Gesundheitsminister Jens Spahn hatte sich wegen der Corona-Krise entschlossen den verpflichtenden Personalschlüssel auszusetzen und hatte dafür viel Kritik geerntet. Trotz aller sonstigen Kritik am Minister, versteht Anna-Maria diesen Schritt gut.

Man muss sich nur die Zustände in Italien angucken, da betreut eine Intensivkraft fünf oder sogar zehn Patienten. So oder so steht Helfen und das menschliche Leben an erster Stelle, da wird in ein paar Wochen niemand mehr nach irgendeinem Personalschlüssel fragen, sondern nur, dass man viele Menschen möglichst gut durch diese Krise bringt.

Trotz aller Sorge glaubt sie, dass wir aus dieser Krise lernen werden: “Es wird sich gezeigt haben, dass das medizinische Personal absolut systemrelevant ist und wir werden dankbar sein für die Leute, die dieses Land tagtäglich am Laufen halten und das sind nicht irgendwelche Marketingleute, sondern blöd gesagt die einfachen Leute, die jeden Tag an der Kasse sitzen. Das sind Leute, die Krisengebäude reinigen, oder auch das medizinische Personal, das über Jahre hin nur wenig Anerkennung bekommen hat. Ich hoffe, dass die Leute in Zukunft auch mehr Respekt dafür haben, was wir auch außerhalb der Krise jeden Tag leisten und es auch irgendwann besser bezahlt wird. Ich glaube, das hätten wir alle verdient.”

*Anmerkung: Name von der Redaktion geändert

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