Ilya (22), Maxim (15), Bohdan (23), Margarita (22), Maryna (22) und Yelizaveta (21). Sie kennen sich aus der Kindheit, der Schule, der Stadt, in der sie bis vor kurzem noch lebten. Sewerodonezk. Die ukrainische Stadt im Osten des Landes erreichte in den vergangenen Tagen und Wochen traurige Berühmtheit. Die russische Offensive legte weite Teile der 100.000-Einwohner-Stadt in Schutt und Asche. Sie gilt als Symbol für den nahenden Fall des umkämpften und vom Kreml beanspruchten Donbass-Gebietes.

Per Videotelefonat erzählen die Sechs von ihrer Flucht. Mittlerweile sind sie in verschiedenen Ländern zerstreut. Studieren, arbeiten, warten.

"Wir wissen nicht, ob wir uns jemals wieder alle sehen werden", sagt Maryna. Zu viel ist seit dem Kriegsausbruch passiert. Das Datum hat sich in die Köpfe der jungen Ukrainer eingebrannt. Es heißt nur: "Der 24. Februar", das Wort "Invasion" meidet man. Zu schmerzhaft und verstörend die Wirkung.

Das Gute vorweg: Alle sechs Jugendliche sind mittlerweile in Sicherheit. Ilya, Bohdan und Maryna studieren per Erasmus-Programm gerade in Malaga, Spanien. Ihre Heimat haben sie kurz vor dem Krieg ohne böse Vorahnung verlassen.

Dass sie nun im Juni, wenn der Austausch zu Ende geht, nicht mehr nach Sewerodonezk zurückkehren können, konnten die drei nicht wissen. Bohdan hat die Hoffnung auf ein baldiges Ende der russischen Aggression nicht verloren. Neues Monat, neue Hoffnung. "Vielleicht können wir im Juli wieder zurück" meint er.

Jedoch: Die Stadt ist zu großen Teilen zerstört, in den letzten Wochen konzentrieren sich die heftigsten Kämpfe des Krieges auf Sewerodonezk. Unter Artilleriebeschuss steht die Stadt bereits seit Februar.

Im März entschlossen sich Margarita und Yelyzaveta schlussendlich zu flüchten. "Wir wussten zuerst nicht einmal, wie wir aus der Stadt hinauskommen, ohne auf russische Soldaten zu treffen. Eine Flucht vor dem Krieg kannst du nicht googeln", erzählt Margarita mit brüchiger Stimme. Die 22-Jährige schlagt sich derzeit im italienischen Mailand durch. Sie hat mehrere Jobs, arbeitet unter anderem als Model. "Nur so konnte ich überhaupt soweit fliehen", meint sie. Seit Jahren bekäme sie Drohanrufe von russischen Separatisten, hämische Nachrichten: "Hat dir die letzte Bombe wohl gefallen?".

Yelyzaveta hingegen befindet sich nach wie vor in der Ukraine. Genauer gesagt in der Stadt Kropyvnytskyi, die zwischen Kiew und Odessa liegt. Beiläufig erzählt sie davon, wie sie die Flucht von rund 5000 Alten und Kranken koordinierte hatte, bevor sie die Stadt verließ. Ob ihre Wohnung überhaupt noch existiert, oder bereits zerbombt wurde, weiß sie nicht.

Ilya spricht nicht viel, lieber hört er den anderen zu. Er nickt ab und zu, sodass man merkt, dass das Video-Bild nicht eingefroren ist. Bei der Frage nach zurückgebliebenen Verwandten bricht er sein Schweigen. "Ich habe mit meiner Mutter zum letzten Mal vor einer Woche telefoniert", sagt er. Später wird er seine Kamera kurz ab-, danach wieder einschalten. Glasig-glänzende Augen werden sich hinter seiner Brille abzeichnen.

Ja, Ilyas' Mutter befindet sich noch in der von den Russen eingenommen Stadt. "Sie konnte nicht mehr rechtzeitig flüchten. Die Lage war zu unübersichtlich", erzählt er. Kontakte über das Internet und Telefon seien praktisch unmöglich. Die übrig gebliebenen Bewohner würden in Luftschutzbunkern ohne Empfang ausharren. Über drei Ecken versucht Ilia täglich Lebenszeichen einzuholen. Vorgestern wurde seine Mutter gesehen. Sie sei wohlauf.

Der Jüngste der Gruppe heißt Maxim. Er ist 15 Jahre alt. Erst im vergangenen Monat verließ er Sewerodonezk. Der Grund: Sein Vater leitet das örtliche Krankenhaus, wurde für die vielen Verletzten dringend benötigt. Im letzten Moment flüchtete seine Familie nach Kiew. "Es war wie im Horror-Film. Zerstörte Autos waren überall auf der Straße. Und ein seltsam gruseliger Rauch", erinnert sich der 15-Jährige, der keine Horror-Filme sehen darf, aber den Krieg miterleben musste.

Was die sechs jungen Geflüchteten aus dem Donbass am meisten an Sewerodonezk vermissen? Das gewöhnliche, ganz normale Leben. Margarita vermisst es, mit ihrem Hund in einem Stadtpark ohne Bombeneinschlags-Löcher Gassi gehen zu können. Maryna die Straßen und Alleen, in denen man, ohne Angst entdeckt zu werden, lautstark um den Arm fallen kann.