UN-KlimakonferenzErbitterter Streit um Gerechtigkeit in der Klimamisere

Wer trägt die Hauptschuld an der Treibhausgasmisere? Eine Streitfrage, die sich durch fast alle Klimakonferenzen zieht und auch bei der aktuell laufenden in Glasgow gestellt wird. Versuch einer Annäherung.

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Wie (un-)gerecht ist die internationale Klimapolitik? © AFP
 

Es ist eine Kontroverse, die sich durch fast alle Weltklimakonferenzen zieht und auch bei den derzeit laufenden Verhandlungen in Glasgow mitschwingt: Wer ist hauptverantwortlich für die globale Treibhausgasmisere und sollte beim Klimaschutz (auch finanziell) am stärksten in die Pflicht genommen werden? Entwicklungsländer, Inselstaaten und andere Allianzen verweisen auf die westlichen Industriestaaten, während diese in Richtung der Schwellenländer China und Indien deuten, die zusammen für mehr als ein Drittel aller CO2-Emissionen verantwortlich sind. Wer hat recht im Streit um Klima-Gerechtigkeit?

Offensichtlich ist: Ohne den Faktor China geht in der internationalen Klimapolitik nichts mehr. Das Reich der Mitte war 2019 für einen CO2-Ausstoß von 10,5 Milliarden Tonnen verantwortlich, was fast 29 Prozent der globalen Emissionen entspricht. Weit abgeschlagen dahinter folgen die USA mit einem Anteil von 14 Prozent und die EU-28 mit etwa zehn Prozent. Indien rangiert dahinter mit rund sieben Prozent Anteil. Im Ranking der Kontinente stammt inzwischen mehr als jede zweite Tonne CO2 aus Asien, nur jede fünfte aus Nordamerika und jede sechste aus Europa. Afrika, Südamerika und Ozeanien zusammen halten bei gerade einmal acht Prozent der globalen Emissionen.

Sünden der Vergangenheit

Doch das alles ist nur ein Teil der Wahrheit, wie seitens der Schwellenländer auch in Glasgow betont wird. Denn die Rechnung lässt außer Acht, was in der Vergangenheit geschehen ist. 1,5 Billionen Tonnen Kohlendioxid hat die Menschheit seit Beginn der industriellen Revolution durch das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas produziert. Etwa ein Viertel davon geht laut den Daten des „Global Carbon Project“ (Stand 2017) allein das Konto der USA, 22 Prozent entfallen auf die EU. China hält bis dato bei rund 13 Prozent, ganz Afrika und Südamerika dagegen bei jeweils nur drei Prozent. Europa und die USA profitieren heute von den über die damaligen Emissionen erkauften Wohlstand und müssen deshalb mehr Geld zur Verfügung stehen, um den Entwicklungsländern bei der nötigen Transformation zu helfen, so der Standpunkt etwa der „African Group“ bei der Klimakonferenz.

Noch deutlicher wird das Missverhältnis, wenn man den Fokus nicht die Staaten, sondern auf deren Bewohner richtet. Pro Kopf entfallen im weltweiten Schnitt auf jeden Menschen pro Jahr CO2-Emissionen von rund 5 Tonnen (Stand 2019). Beim durchschnittlichen Australier sind es satte 17 Tonnen, beim US-Amerikaner 16. Wir Österreicher halten bei jeweils 7,6 Tonnen, bei den Chinesen sind es 7,3 – Tendenz deutlich steigend. Ein Inder kommt demnach auf gerade 1,8 Tonnen pro Kopf, der durchschnittliche Nigerianer auf nur 0,12 Tonnen. Anders ausgedrückt: Ein Amerikaner emittiert in zweieinhalb Tagen etwa so viel CO2 wir ein Nigerianer im ganzen Jahr.

Zumindest dann, wenn man die nationalen Emissionen der Staaten linear auf die Wohnbevölkerung herunterrechnet. Doch gerade in China, Indien und anderen Schwellen- und Entwicklungsländern fließt ein beträchtlicher Teil des Energiebedarfs in die Produktion von Konsumgütern für die westliche Welt. Die Statistik-Experten von „Our World in Data“ haben die Emissionsbilanzen der Staaten um diesen Faktor des Handels bereinigt. Ergebnis: Chinas CO2-Ausstoß fällt nach dieser konsumbasierten Betrachtungsweise um zehn Prozent geringer aus, jener der USA steigt um sieben Prozent. Österreich ist demnach durch das Importieren CO2-intensiver Waren sogar für rund 35 Prozent mehr Emissionen verantwortlich als nach konventioneller Betrachtungsweise.

Eine allgemeingültige Antwort auf die Frage der Klima-Gerechtigkeit wird auch die 26. UN-Klimakonferenz nicht liefern. Fest steht für alle Verhandler: Spätestens nach der Jahrhundertmitte muss der weltweite Treibhausgasausstoß bei annähernd null liegen. Und zwar in allen Staaten, egal wer vorerst größere Schritte setzt.

Kommentare (4)
scionescio
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Strafzölle für Produkte aus China und das Thema ist erledigt…

… aber die eigenen Bürger für lächerliche Alibimaßnahmen, die im Kampf gegen den Klimawandel so gut wie nichts beitragen, auszusackeln und reine Symbolpolitik zu betreiben, ist für schwache Politiker natürlich viel einfacher- und die naiven Fanatiker klatschen noch Beifall!
In ein paar Jahren werden wir beides haben: globale Klimaerwärmung und Massenarbeitslosigkeit in Europa!

Adiga
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nur für Produkte aus China ist etwas einseitig und andererseits auch zuwenig

Wenn schon dann Strafzahlungen für den Handel und Erwerb mit und von Produkten die nicht klimaneutral erzeugt wurden und weiter als 5000 km Transportiert wurden - egal aus welchen Land

selbstdenker70
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..

Tja..wenn es so einfach wäre...das Thema Straffzoll hat man schon öfters angedroht, und ab und zu auch kurzfristig umgesetzt...und dann kommt bzw kam die Retourkutsche aus China....

zweigerl
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Made in China

Die globalökonomischen Verflechtungen sind interdependent. Europa profitiert massiv von den China-Exporten, allerdings nur so lange, bis China, das Land der missachteten Menschenrechte und der wirtschaftlichen Neokolonialisierung (Seidenstraße), die Produktionsmittel selber herstellen kann. Dann wird aus dem Import Export. "Made in China" sollte global geächtet werden - dann gäbe es vielleicht ein Umdenken von der Seite Pekings.