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"Kampf vorantreiben"Tag gegen Kinderarbeit: UNO befürchtet rasanten Anstieg

Wegen der Corona-Pandemie fürchten die Vereinten Nationen eine weltweite Ausweitung der Kinderarbeit.

© APA/HELMUT FOHRINGER
 

Millionen weitere Minderjährige könnten als Folge der Gesundheitskrise in Arbeit gedrängt werden, erklärten das UNO-Kinderhilfswerk UNICEF und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) in einem am Freitag zum Welttag gegen Kinderarbeit veröffentlichten Bericht.

Die Fortschritte der vergangenen Jahre seien "heute in Gefahr". "Da die Pandemie verheerende Auswirkungen auf das Familieneinkommen hat, könnten viele auf Kinderarbeit zurückgreifen", erklärte ILO-Chef Guy Ryder. Nach Angaben der Weltbank könnte die Zahl der Menschen in extremer Armut allein heuer um bis zu 60 Millionen steigen - und deshalb auch die Kinderarbeit zunehmen, wie es in dem Bericht heißt. Die Coronakrise berge "sehr reale Risiken eines Rückschritts". Dem Report zufolge sank die Zahl der weltweit arbeitenden Kinder seit dem Jahr 2000 um 94 Millionen.

Kinder, die in der Coronakrise Elternteile verloren hätten, drohe das Schicksal, als Ernährer für die Familie einspringen zu müssen, warnten die beiden UNO-Unterorganisationen. Besonders Mädchen seien von Ausbeutung betroffen und würden in der Landwirtschaft oder im Haushalt eingesetzt werden.

Zahl steigt weiter

Bereits die wegen der Pandemie verhängten Schulschließungen, die mehr als eine Milliarde Schüler weltweit betreffen, haben nach Angaben der Organisationen nachweislich zu mehr Kinderarbeit geführt. UNICEF und ILO befürchten allerdings, dass die Zahl weiter ansteigt, auch wenn Schulen wieder öffnen. Eltern könnten zum Beispiel nicht mehr in der Lage sein, die Schulgebühren für ihre Kinder zu zahlen.

In der gemeinsamen Studie der beiden UNO-Unterorganisationen wird auch davor gewarnt, dass infolge der Corona-Krise bereits arbeitende Minderjährige noch länger und unter noch schlechteren Bedingungen arbeiten müssten.

Die Organisationen forderten zum Schutz der Kinder die Abschaffung der Schulgebühren und den erleichterten Zugang armer Haushalte zu Krediten. "Wenn wir uns die Welt nach Covid-19 neu vorstellen, müssen wir sicherstellen, dass Kinder und ihre Familien die Mittel haben, die sie brauchen, um ähnliche Stürme in der Zukunft zu überstehen", sagte die UNICEF-Direktorin Henrietta Fore.

Nach den jüngsten ILO-Schätzungen von 2017 wurden im Zeitraum von 2012 bis 2016 rund 152 Millionen Kinder zur Arbeit gezwungen, darunter 73 Millionen unter gefährlichen Bedingungen.

Auch die internationale Kinderhilfsorganisation World Vision stellte in einer Befragung von Familien in sechs asiatischen Ländern einen deutlichen Anstieg der Kinderarbeit fest. Von den Familien hätten 830 angegeben, dass sie durch die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie gezwungen seien, ihre Kinder zur Arbeit zu schicken. Das entspreche acht Prozent der befragten Familien.

Auch Papst Franziskus warnte, dass in der Corona-Pandemie Kinder und Jugendliche vielerorts gezwungen seien, "eine ihrem Alter unangemessene Arbeit anzunehmen, um ihren Familien in extremer Armut zu helfen", berichtete Kathpress. Auch das SOS-Kinderdorf betonte, dass die Arbeit gegen Kinderarbeit um Jahre zurückgeworfen werden könnte.

Peter Schissler, Vorsitzender von "weltumspannend arbeiten", betonte in einer Aussendung, dass die Folgen der Corona-Pandemie "die bisherigen Erfolge im Kampf gegen ausbeuterische Kinderarbeit zunichtemachen" könnten. Besonders akut sei das Problem in Afrika, wo fast die Hälfte der Kinderarbeiter (72,1 Millionen) zu finden seien.

Stark betroffen ist der Kakaosektor

Ein Bericht der Universität von Chicago, der am 29. Juni 2020 veröffentlicht werden soll, kommt zu dem Schluss, dass der Einsatz von Kinderarbeit auf den Kakaoplantagen in Ghana und Cote d'Ivoire in den vergangenen zehn Jahren sogar zugenommen hat. Das teilte die Produktionsgewerkschaft (PRO-GE) in einer Aussendung mit. "2,26 Millionen Kinder in der Elfenbeinküste und in Ghana sind in der Kakaoproduktion tätig, Tendenz leider steigend. Der größte Teil von ihnen muss gefährliche Arbeiten verrichten: Sie schlagen Kakaoschoten mit Macheten auf, schleppen schwere Säcke oder verspritzen Pestizide, oft in langen Schichten", erklärte Gudrun Glocker von der Organisation Südwind.

Die deutsche Regierung kündigte unterdessen an, den Kampf gegen Kinderarbeit zu einem Schwerpunkt der deutschen EU-Ratspräsidentschaft zu machen. Im zweiten Halbjahr 2020 sollten die Grundlagen für ein europäisches Lieferkettengesetz geschaffen werden, das der Eindämmung der Ausbeutung von Kindern diene, sagte Entwicklungsminister Gerd Müller der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Das Gesetz solle auch für faire Löhne für Eltern in armen Ländern sorgen. Deutschland übernimmt am 1. Juli für ein halbes Jahr die Präsidentschaft im Rat der Europäischen Union. Das Lieferkettengesetz, über das die deutsche Regierung mit den EU-Partnern in diesem Zeitraum beraten will, soll große Unternehmen zur Wahrung von Menschenrechten bei ihren Produzenten und Zulieferern verpflichten.

In Österreich appellierte die Hilfsorganisation "Jugend Eine Welt" an die Parteien, ein neues Gesetz gegen Kinderarbeit zu beschließen. Das sogenannte Sozialverantwortungsgesetz sei von der SPÖ im Mai zum wiederholten Mal im Parlament eingebracht worden und sollte nun gemeinsam beschlossen werden, so das christliche Hilfswerk in einer Aussendung im Vorfeld des Internationalen Tages gegen Kinderarbeit. "Mit einem Sozialverantwortungsgesetz könnte Österreich dem Beispiel der Niederlande, Frankreichs und Großbritanniens folgen, die unternehmerische Sorgfaltspflichten bereits gesetzlich geregelt haben", so Jugend-Eine-Welt-Geschäftsführer Reinhard Heiserer. Laut Herbert Wasserbauer von der Dreikönigsaktion, dem Hilfswerk der Katholischen Jungschar, verschleiern globale Lieferketten das Leid und die Ausbeutung, die dahinterstehen. Das müsse sich ändern. Ein entscheidender Schritt sei eine gesetzlich verbindliche Verankerung von umfassenden menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten. Ein solches Gesetz würde sicherstellen, "dass Produkte, die in Österreich erhältlich sind, frei von ausbeuterischer Kinderarbeit sind", heißt es in einer Aussendung. Petra Bayr, SPÖ-Bereichssprecherin für globale Entwicklung, die den Vorschlag für ein Sozialverantwortungsgesetz im Nationalrat mit eingebracht hatte, forderte, Textilien aus Kinderarbeit vom österreichischen Markt zu verbannen.

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