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49 Tote in neuseeländischen MoscheenAngreifer veröffentlichte 73-seitiges Hass-Manifest

+++Bei Angriffen auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch am Freitag sind mindestens 49 Menschen getötet worden+++ Australiens Premierminister spricht von rechtem Terrorakt+++ Wohngebiet evakuiert+++Täter übertrug Attentat live+++

Tote bei Angriffen auf Moscheen in Neuseeland
Tote bei Angriffen auf Moscheen in Neuseeland © AP
 

Bei einem bewaffneten Angriff auf zwei Moscheen während der Freitaggebete in der neuseeländischen Stadt Christchurch hat es mindestens 49 Tote gegeben, 48 weitere Menschen wurden mit Schusswunden in Krankenhäusern behandelt - darunter auch kleine Kinder. Bei den Tatorten handelte sich um die Masjid-al-Noor-Moschee im Stadtzentrum und um eine Moschee im Vorort Linwood. Laut der Polizei starben 41 Menschen in der Hauptmoschee von Christchurch (Al-Noor-Moschee) und sieben weitere in einem Gebetshaus in dem Vorort Linwood. Ein 28-jähiger Australier aus der rechtsextremen Szene hat sich zu den Anschlägen bekannt. Insgesamt sollen vier Personen  - drei Männer und eine Frau - verhaftet worden sein, wobei einer davon vermutlich nicht mit dem Angriff in Verbindung steht.

"Manifest" mit rechtsextremen Parolen

In einem Manifest, das sich gegen Einwanderer richtete und mittlerweile als echt identifiziert wurde, teilte der 28-Jährige mit, dass er extra nach Neuseeland gekommen sei, um den Anschlag zu planen und dafür zu trainieren. Der Mann soll bereits am morgigen Samstag einem Richter vorgeführt werden. Bei den übrigen  Verdächtigen müsse noch genau geklärt werden, was sie mit dem Vorfall zu tun hätten. Sie seien im Besitz von Schusswaffen gewesen.

Hass-Manifest

Kurz vor dem Attentat veröffentlichte der mutmaßliche Täter im Internet ein 73-seitiges Hass-Manifest, aus dem deutlich wird, dass der Angriff Muslimen galt. Nach Analyse der Nachrichtenagentur AFP sind sowohl das Live-Video als auch das rassistische Manifest echt.

In dem Manifest beschreibt sich der Täter als 28-jährigen gebürtigen Australier aus einer einkommensschwachen Arbeiterfamilie.

Als Gründe für seine Radikalisierung nennt er die Niederlage der französischen Rechtspopulistin Marine Le Pen bei der Präsidentschaftswahl 2017 sowie den Tod der elfjährigen Ebba Akerlund bei einem islamistischen Lastwagenanschlag in der Stockholmer Fußgängerzone im selben Jahr.

Überschrieben ist das Hass-Manifest mit "The Great Replacement" (Der große Austausch). Der Titel geht auf eine aus Frankreich stammende rechtsextreme Verschwörungstheorie zurück, wonach die Bevölkerung in Europa durch Zuwanderer ersetzt werden soll, deren Geburtenrate deutlich höher sei.

Laut Augenzeugen-Berichten soll das Feuer in der Masjid-al-Noor-Moschee mindestens 20 Minuten lang gedauert haben. "Er wollte nicht, dass jemand überlebt", so ein Augenzeuge zur BBC.

Was wir bisher wissen

- Am Freitag gab es in Christchurch in Neuseeland Attacken auf zwei Moscheen. Es handelt sich dabei um die Masyid-al-Noor-Moschee und eine Moschee im Vorort Linwood.

- Mindestens 49 Menschen starben, 48 weitere wurden teils schwer verletzt - darunter auch Kinder.

- In einem Hass-Manifest, das sich gegen Einwanderer, insbesondere Muslime, richtete, bekannte sich ein 28-jähriger Australier zu den Attentaten.

- Offizielle Stellen stuften den Akt als rechtsextremen Terror ein.

- Täter übertrug das Attentat live.

- Die Verdächtigen wurden auf keiner Gefährderliste geführt.

Bei Tat Helmkamera getragen

Im Internet kursierte ein Video der Tat, das von dem 28-Jährigen mutmaßlichen Angreifer stammt. Seinen Namen nannte die Polizei nicht. Offenbar trug er dabei eine Helmkamera. In sozialen Medien wurden Aufnahmen verbreitet, die Polizei forderte die User auf, dies nicht zu tun. Darin war zu sehen, wie Gläubige zusammengekauert auf dem Boden einer Moschee lagen. Sie waren möglicherweise tot oder verwundet. Im Umfeld des Films wurde ein Text veröffentlicht, in dem ein Unbekannter einen "Angriff auf Invasoren" ankündigt und sich rassistisch gegenüber Einwanderern äußert. Die Aufnahmen zeigen zunächst, wie ein Mann zu einer Moschee fährt, dort eindringt und über fünf Minuten lang wahllos auf Gläubige schießt - wie in einem Shoot-and-run-Spiel, aber in echt.

Auf weiteren Waffen, die der Mann im Kofferraum hat, war "Kebab Remover" (Kebab-Entferner) zu lesen und der Name eines Mädchens, das 2017 bei einem Terrorangriff in Schweden starb. Schon vor der Tat hatte der Australier ein 74-seitiges "Manifest" mit rechtsextremen Parolen ins Internet gestellt. Als eines der Motive nennt er, eine "Atmosphäre der Angst" schaffen zu wollen. Sich selbst beschreibt er als jemanden aus der Arbeiterklasse.

Dem bosnischen Botschafter in Neuseeland zufolge hat der Attentäter auf dem Weg zum Tatort ein serbisch-nationalistisches Lied gehört. Während der Fahrt habe der Täter einen Song über den früheren Serbenführer Radovan Karadzic gehört, sagte der Botschafter Mirza Hajric dem Sender N1 TV. Das gehe aus einem Video der Tat hervor.

Auf einem Video war auch zu sehen, wie mehrere bewaffnete Beamte einen Mann aus einem weißen Auto ziehen, das zuvor offensichtlich gerammt wurde. Nach Angaben von Polizeichef Bush wurden an mehreren Autos Sprengsätze entdeckt.

Eltern bangten um ihre Kinder

Viele Eltern blieben stundenlang im Ungewissen. Ihre Kinder waren im Stadtzentrum für den Klimaschutz auf die Straße gegangen - nicht weit von der Masjid-al-Noor-Moschee. Der Stadtrat rät Eltern aus Sicherheitsgründen davon ab, in die Stadt zu fahren und nach ihren Kindern zu suchen. Sie sollen sich vielmehr an eine speziell eingerichtete Hotline wenden.

Bei dem Anschlag auf die beiden Moscheen wurden an einem einzigen Tag so viele Menschen getötet, wie sonst in einem ganzen Jahr in Neuseeland. Die Kiwis - wie die Neuseeländer auch genannt werden - sind erschüttert und fassungslos. Doch eins stellen viele gleich von Anfang an klar: An ihrer offenen Gesellschaft soll sich nichts ändern.

Wohngebiet in Stadt Dunedin evakuiert

Bei den Ermittlungen hat die Polizei ein Wohngebiet in der 350 Kilometer entfernt gelegenen Stadt Dunedin evakuiert. Anrainer in der Nähe eines Hauses seien vorsichtshalber in Sicherheit gebracht worden, erklärte die Polizei am Freitag. Das Haus sei im Zusammenhang mit den Ermittlungen "von Interesse", hieß es. Nähere Einzelheiten wurden nicht genannt.

TV ortet Konnex zu Wiener Türkenbelagerung

Der mutmaßliche Attentäter nahm bei seinen Angriffen offenbar auch Bezug auf die Zweite Wiener Türkenbelagerung. In einem TV-Bericht des niederländischen Senders RTL Nieuws mit Aufnahmen vom Tatort ist beispielsweise ein Schriftzug mit dem Namen "Ernst Rüdiger von Starhemberg" zu sehen. Der Feldmarschall hatte 1683 die Verteidigung Wiens geleitet.

Der Bericht, der auch auf der Internet-Plattform Youtube zu sehen ist, lässt vermuten, dass auf den Magazinen des Gewehrs die Namen von historischen Persönlichkeiten aufgeschrieben waren, die gegen die Osmanen gekämpft hatten. Genannt werden neben Graf Starhemberg unter anderen auch Edward Codrington (der britische Admiral unterstützte in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts den Unabhängigkeitskampf Griechenlands gegen die Osmanen) oder Marcantonio Bragadin (kämpfte im 16. Jahrhundert als Gouverneur von Zypern gegen das Osmanische Reich) sowie der serbische Fürst Lazar, der 1389 in der Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo Polje) gegen die Türken gefallen war.

Terroristischer Akt

Australiens Premierminister Scott Morrison stufte den Angriff als Terrorakt ein. Landesweit ist die zweithöchste Sicherheitsstufe ausgerufen worden. Wörtlich sagte Morrison am Freitag: "Wir verurteilen diese Attacke, die von einem rechtsextremistischen gewalttätigen Terroristen begangen wurde, aufs Schärfste."

Auf keiner Gefährderliste 

Der "Terroranschlag" sei "gut vorbereitet" gewesen, sagte Regierungschefin Jacinda Ardern am Freitag. Die mutmaßlichen Angreifer seien nicht auf Gefährderlisten gewesen. Die Behörden würden nicht davon ausgehen, dass es noch mehr Täter gäbe, aber ausschließen könne man dies vorerst nicht.

Polizeichef Mike Bush
Polizeichef Mike Bush Foto © (c) APA/AFP/MARTY MELVILLE (MARTY MELVILLE)

Sorge vor weiteren Angriffen

Der genaue Ablauf der Attacke war auch nach Stunden noch unklar. Für den Pazifikstaat ist es eine der schlimmsten Gewalttaten der jüngeren Geschichte. Aus Sorge vor weiteren Angriffen riegelte die Polizei Schulen und andere öffentliche Gebäude stundenlang ab. An die Bevölkerung - insbesondere an Muslime - appellierte sie, zuhause zu bleiben: "Unter keinen Umständen sollte irgendjemand im Land jetzt zu einer Moschee gehen."

Anschlag knapp entgangen

Das Cricket-Nationalteam aus Bangladesch soll dem Anschlag nur knapp entgangen sein. Die Athleten hätten in der Nähe trainiert und wollten danach in die Moschee zum Beten gehen, hieß es auf BBC. Das Team sei rechtzeitig gewarnt worden. Zuvor hatte es aufgrund einer Pressekonferenz Verspätungen gegeben. Das hätte den Athelten wohl das Leben gerettet.

Nach Augenzeugenberichten begann der Angriff gegen 13.45 Uhr (1.45 Uhr MEZ). Ein bewaffneter Mann drang in eine Moschee in der Innenstadt ein, wo sich zur Mittagsstunde mehr als 300 Menschen zum Freitagsgebet versammelt hatten, und schoss mit einer Schnellfeuerwaffe um sich. Zeugen zufolge handelt es sich bei dem Täter um einen weißen Mann, der Helm und kugelsichere Weste trug. Später fielen auch noch in einer anderen Moschee Schüsse.

Augenzeuge berichtet

Einer der überlebenden Gläubigen, Mohan Ibrahim, berichtete der Zeitung "New Zealand Herald" von einem "Schockmoment". "Dann haben alle Leute angefangen davonzulaufen." Ein anderer Zeuge, Ahmad Al-Mahmoud, sagte: "Es fielen mindestens 50 Schüsse, sehr schnell hintereinander. Können auch Hunderte gewesen sein." Nach der Tat sperrte die Polizei das Gelände um die Moschee weiträumig ab.

Die Bürgermeisterin der Stadt, Lianne Dalziel, fasst die Stimmung so zusammen: "Alle sind geschockt. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas hier passieren kann." Aber es trauert ein ganzes Land. Auf dem Parlamentsgebäude in Wellington, der Hauptstadt, haben sie die Flagge auf halbmast gesetzt.

Alle sind geschockt. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas hier passieren kann

Lianne Dalziel, Bürgermeisterin von Christchurch

In Neuseeland ist nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung muslimischen Glaubens. Insgesamt gibt es dort etwa 50.000 Muslime, viele davon Einwanderer aus Staaten wie Pakistan oder Bangladesch. Größte Religionsgruppe in Neuseeland ist das Christentum. Die Stadt Christchurch hat 350.000 Einwohner und liegt auf der Südinsel des Pazifikstaats. Bürgermeisterin Lianne Dalziel sagte: "Alle sind geschockt. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas hier passieren kann."

Bilder aus Christchurch:

Christchurch: Dutzende Tote bei Terrorangriff auf Moscheen

Zu dem Anschlag in zwei Moscheen in Christchurch bekannte sich ein 28-jähriger Australier.

(c) AP (Mark Baker)

In einem Manifest erklärte er, dass er extra nach Neuseeland gekommen sei, um für den Anschlag zu trainieren und ihn zu planen.

(c) AP (Mark Baker)

Insgesamt soll vier Personen festgenommen worden sein.

(c) AP (Mark Baker)

Sie sollen laut offiziellen Angaben auf keiner Terrorverdächtigenliste geführt worden sein.

(c) AP (Mark Baker)

Mehr Bilder aus Christchurch!

(c) AP (Mark Baker)
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Aufregung um Sager


Für Aufregung hat die Twitter-Nachricht von Senator Fraser Anning gesorgt. Er machte darin die muslimische Einwanderung für die Attentate am Freitag verantwortlich. Premierminister Morrison verurteilte die Aussagen als "widerlich".

>>>Betroffenheit weltweit: Reaktionen nach den Attacken

Immer wieder werden blutige Angriffe auf Gotteshäuser verübt - eine Chronologie:

Terrorakt in Neuseeland: Gewalt gegen Gläubige

Pittsburgh Oktober 2018

Oktober 2018: In Pittsburgh im Nordosten der USA eröffnet ein bewaffneter Angreifer das Feuer auf Gläubige der Tree Life Synagoge, elf Menschen werden getötet. Während seines Angriffs brüllt der Mann Berichten zufolge: "Alle Juden müssen sterben".

(c) AP (Gene J. Puskar)

Kairo Dezember 2017

Dezember 2017: Bei einem Angriff auf eine koptische Kirche in einem Vorort der ägyptischen Hauptstadt Kairo erschießt ein Anhänger der Jihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) neun Menschen.

(c) APA/AFP/MOHAMED EL-SHAHED

Texas November 2017

November 2017: Während eines Gottesdienstes in der texanischen Landgemeinde Sutherland Springs erschießt ein Amokläufer 26 Menschen, 20 weitere werden verletzt.

(c) AP (Jay Janner)

London Juni 2017

Juni 2017: Ein 48-Jähriger fährt mit einem Lieferwagen in eine Menge von Gläubigen vor der Moschee von Finsbury Park in Nordlondon. Ein Mensch wird getötet, zwölf weitere verletzt. Der Täter handelt aus persönlichem Hass auf Muslime. Er wird im Februar 2018 zu lebenslanger Haft verurteilt.

(c) EPA (Nicolas Asfouri)

Ägypten April 2017

April 2017: Bei Bombenanschlägen auf zwei koptische Kirchen in Ägypten werden an Palmsonntag 45 Menschen getötet. Die IS-Miliz reklamiert die Taten für sich.

(c) APA/AFP/STRINGER

Quebec Jänner 2017

Jänner 2017: Bei einem Anschlag auf eine Moschee im kanadischen Québec werden sechs Gläubige erschossen. Der Täter, ein 29-jähriger Politikstudent, stellt sich der Polizei. Wegen "tiefen Hasses auf Muslime und Einwanderer" wird er zu lebenslanger Haft verurteilt.

(c) APA/AFP/ALICE CHICHE

Kairo Dezember 2016

Dezember 2016: Bei einem Selbstmordanschlag während der Sonntagsmesse werden in einer koptischen Kirche im Zentrum von Kairo 29 Gläubige getötet. Der IS bekennt sich zu der Tat.

(c) AP (Omar El-Hady)
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