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Kriminologin klärt aufWie junge Amokläufer wirklich ticken

Amokläufe sind laut der deutschen Amokforscherin und Kriminologin Britta Bannenberg keine impulsiven Handlungen, sondern werden mit monatelangem Vorlauf geplant. Am 11. März jährt sich der Amoklauf von Winnenden zum zehnten Mal.

Amoklauf von Winnenden jährt sich zum 10. Mal
Kriminologin Britta Bannenberg analysierte nach der Gewalttat von Winnenden, die sich am 11. März zum 10. Mal jährt, die Motive von 19 Tätern © APA/dpa/Ronald Wittek
 

Mobbing spielt nach Ansicht der deutschen Kriminologin Britta Bannenberg bei den wenigsten jungen Amoktätern eine Rolle. Die Wissenschafterin analysierte nach der Gewalttat von Winnenden, die sich am 11. März zum 10. Mal jährt, die Motive von 19 Tätern. "Sie fühlten sich vielleicht gemobbt, das hat aber nichts mit der Realität zu tun", ergab ihre Untersuchung. Im Gegenteil, es gebe häufig keine rationalen Motive. "Die Täter sind schwer psychisch gestört."

Keine impulsiven Handlungen

Amokläufe sind laut Bannenberg keine impulsiven Handlungen, sondern werden mit monatelangem Vorlauf geplant. Die Täter befassten sich "mit Tod, Töten, Terror. Das fällt dem Umfeld auf." Eltern, Mitschüler oder Lehrer komme bei der Verhinderung potenzieller Amoktaten daher eine entscheidende Rolle zu. Hinter den 20 Taten, die sich seit 1992 in Deutschland ereigneten, steckten vor allem männliche Einzeltäter. Nur zwei Mädchen finden sich in Bannenbergs Auflistung.

Man kann Amoktaten verhindern, das ist ein ganz klares Ergebnis unserer Forschung

Amokforscherin Britta Bannenberg

"Man kann Amoktaten verhindern, das ist ein ganz klares Ergebnis unserer Forschung", sagte Bannenberg. In den Schulen seien Krisenteams eingerichtet worden. Ihnen komme schon vor einer Tat eine zentrale Aufgabe zu. "Das Wichtigste ist: Wie geht man mit dem Verdacht um, dass eine Person eine Amoktat planen könnte?" Eltern, Mitschüler oder Lehrer müssten daher einen direkten Ansprechpartner haben - denn die Hemmschwelle, mit einem möglicherweise falschen Verdacht zur Polizei zu gehen, sei hoch. "Das funktioniert aber nicht in ganz Deutschland. Manchmal an manchen Schulen", so das Fazit von Bannenberg.

Mehr Schulpsychologen

In Baden-Württemberg gibt es laut Kultusministerium an jeder Schule ein Krisenteam, bestehend aus einem Vertreter der Schulleitung und zwei weiteren Mitgliedern. Sie sollen bei Hinweisen mögliche Gefährdungen einschätzen und die Polizei informieren – doch dafür müssen sie geschult sein. "Bei den knappen Ressourcen gibt es auch immer Bauchschmerzen, wenn man Lehrer auf Schulungen schicken muss", sagt der stellvertretende Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Michael Gomolzig. Gleichzeitig lobt er, dass die Anzahl der Schulpsychologen aufgestockt worden sei.

Nach der Gewalttat von Winnenden, bei der ein 17-Jähriger in seiner ehemaligen Realschule acht Schülerinnen, einen Schüler, drei Lehrerinnen sowie auf der Flucht drei Menschen und schließlich sich selbst erschoss, blieb vor allem eine Frage: Warum?

Gefahr von Nachahmung

Häufig nehmen sich junge Amoktäter andere zum Vorbild. Vom Schützen in München ist bekannt, dass er vor seinem Amoklauf im Sommer 2016 die Tatorte in Winnenden besuchte und fotografierte. Eine Tat mit großem Medienecho erhöht die Gefahr von Nachahmung.

Udo Andriof, der Vorsitzende des 2009 eingerichteten "Expertenkreis Amok", sieht das Verhalten der Medien in Winnenden sehr kritisch: "Klassenkameraden wurden von Journalisten sogar gebeten, ein Klassenfoto mit dem Täter zu besorgen." Auch das wurde in den 83 Empfehlungen im Abschlussbericht des Gremiums berücksichtigt – mit Erfolg, wie Andriof findet. "Der Presserat hat in seine Richtlinien die Empfehlung aufgenommen, die Täter nicht herauszustellen und auf die Opfer und ihre Angehörigen mehr Rücksicht zu nehmen."

Extra Alarmsysteme in Schulen

Der Expertenkreis schlug auch Alarmsysteme extra für Amok und sichernde Drehknöpfe in Schulen vor - so dass Türen nicht mehr von außen geöffnet werden können. Weil das Handy-Netz damals unter einer Vielzahl von Anrufen zusammenbrach, sollten Schulleiter künftig Funkruf-Geräte (Pager) bei sich tragen. Die Pager sind in einer Verwaltungsvorschrift in Baden-Württemberg seit 2012 verbindlich vorgeschrieben - Türverschlusssysteme dagegen zum Beispiel nicht.

Angehörige der Opfer gingen damals mit dem "Aktionsbündnis Amoklauf" in die politische Offensive. Sie forderten auch ein schärferes Waffengesetz. "Unsere Maximalforderung ist nicht durchgegangen und das wird sie auch nie: das Verbot großkalibriger Waffen", sagt Gisela Mayer, Vorsitzende der "Stiftung gegen Gewalt an Schulen" - dem Nachfolger des Bündnisses. Als Reaktion auf Winnenden wurden aber verdachtsunabhängige Kontrollen bei den rund 960 000 registrierten Waffenbesitzern (Stand 31.12.2018) in Deutschland ermöglicht.

Waffenkontrollen oder Alarmübungen seien eine Daueraufgabe, mahnt Udo Andriof. Aber künftige Taten ließen sich nicht komplett ausschließen. So sieht es auch Kriminologin Bannenberg: "Ein Amoklauf ist sehr selten und kann überall passieren." An ihrer Uni Gießen gibt es seit 2015 eine Telefonberatung für diejenigen, die eine Amoktat fürchten. Rund 200 Anrufe seien dort bisher eingegangen.

 

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