Heizsystem ausgeschaltet Vereiste Sonden sollen Flugzeugabsturz verursacht haben

Nach vorläufiger Analyse der Flugschreiber könnten vereiste Sensoren inkorrekte Daten weitergeleitet und so den Tod von 71 Menschen verursacht haben.

Ermittlungsarbeiten am Unglücksort © 
 

Vereiste Geschwindigkeitsmesser könnten nach Einschätzung von Luftfahrtexperten zum Absturz der russischen Passagiermaschine am Sonntag mit 71 Todesopfern geführt haben. Eine Unglücksursache könnten "falsche Daten über die Fluggeschwindigkeit" sein, die wahrscheinlich mit vereisten Pitot-Sonden zusammenhingen, erklärte das zuständige russische Luftfahrtkomitee (IAC) am Dienstag.

Heizsystem der Sonden ausgeschaltet

Demnach war das Heizsystem der Sonden ausgeschaltet. Außerdem soll der Pilot die Enteisung seiner Maschine abgelehnt haben. Das Luftfahrtkomitee teilte mit, dass es die Untersuchung des Flugdatenschreibers der Unglücksmaschine abgeschlossen habe. Demnach waren bei dem Flug bereits zweieinhalb Minuten nach dem Start in einer Höhe von rund 1.300 Metern Probleme aufgetreten. Der Autopilot sei daraufhin ausgeschaltet worden und das Flugzeug habe rasch an Tempo verloren.

Die Experten gehen nach eigenen Angaben nun der Frage nach, ob es eine Fehlfunktion der Pitot-Sonden gab, die entscheidend für die Ermittlung der Fluggeschwindigkeit sind. Außerdem müsse noch der Stimmenrekorder der Unglücksmaschine ausgewertet werden.

Das Linienflugzeug vom Typ Antonow An-148 der russischen Fluggesellschaft Saratow Airlines war am Sonntag auf dem Weg zur Ural-Stadt Orsk kurz nach dem Start in Moskau im 70 Kilometer entfernten Bezirk Ramenski abgestürzt. Alle 65 Passagiere und sechs Besatzungsmitglieder an Bord kamen ums Leben.

Pitot-Sonden

Bei den Pitot-Sonden handelt es sich um kleine, nach vorne gerichtete Messröhrchen, die außen am Flugzeug angebracht sind. Sie ermöglichen den Piloten, die Fluggeschwindigkeit ihrer Maschine zu kontrollieren - ein wichtiges Element, um das Gleichgewicht der Maschine stabil zu halten. Beim Absturz einer Air-France-Maschine über dem Atlantik im Jahr 2009 waren vereiste Pitot-Sonden als wahrscheinliche Ursache des Unglücks mit 228 Todesopfern ermittelt worden.

Die russische Zeitung "RBK" schrieb am Dienstag unter Berufung auf Ermittlerkreise, der Pilot der Saratow-Maschine habe am Sonntag eine Enteisung seines Flugzeugs auf dem Moskauer Flughafen Domodedowo trotz Minustemperaturen abgelehnt. Die Zeitung "Kommersant" hatte zuvor berichtet, wegen der zu diesem Zeitpunkt relativ milden Temperaturen sei eine Enteisungsprozedur nicht Pflicht gewesen. Mit dem Verzicht auf diese Prozedur könne ein Pilot Zeit sparen und seiner Fluggesellschaft Kosten. Eine Enteisung könne dem Preis von zehn bis 20 Flucktickets entsprechen, berichtete die Zeitung unter Berufung auf Ermittlerkreise.

Die Flugschreiber werden derzeit ausgewertet ©

Am Absturzort wurde unterdessen weiter nach Überresten der Unglücksmaschine und der Insassen gesucht. Der russische Verkehrsminister Maxim Sokolow hatte am Montag betont, die Suchaktion könne noch "rund eine Woche" dauern. Beim Absuchen des verschneiten Gebietes wurden bereits 900 Wrackteile und zahlreiche sterbliche Überreste der Absturzopfer gefunden, wie das russische Katastrophenschutzministerium am Dienstag berichtete. Die Fluggesellschaft Saratow teilte mit, sie habe den Einsatz von An-148-Maschinen ausgesetzt.

Alte, schlecht gewartete Maschinen im Einsatz

In Russland kommt es immer wieder zu Flugzeugabstürzen. Verantwortlich sind neben Pilotenfehlern und schlechtem Wetter oftmals auch der Einsatz von alten, schlecht gewarteten Maschinen. Im Dezember 2016 waren beim Absturz einer russischen Militärmaschine über dem Schwarzen Meer 92 Menschen ums Leben gekommen, darunter 64 Mitglieder des berühmten Alexandrow-Ensembles.

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DocMike81
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Naja

Das ist doch kompletter Blödsinn, bei einer Pitot-Vereisung und der o.g. Geschichte, wäre in der geringen Höhe das Flugzeug im Stall wie ein Stein heruntergekommen, ergo die Maschine wäre halbwegs komplett am Bodrn aufgeschlagen. Da die Trümmer aber auf 30ha verteilt sind (falls die Meldung überhaupt stimmt..) muss von einer Desintegration im Flug ausgegangen werden, was nur durch überschreiten der Vne möglich wäre (Kollision oder Explosion im Flug ausgenommen) und aus dieser Höhe extrem unwahrscheinlich ist. Dies könnte ansonsten nur durch einen Sturzflug aus der geringen Höhe (wenn überhaupt) herbeigeführt werden.

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Kristianjarnig
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Hmm. Will da nicht der Untersuchungskommission widersprechen...

.... aber normalerweise läßt sich jeder Airliner(zumindest westlicher Bauweise, es kann bei den Russenfliegern natürlich anders sein) sogar bei Instrumentenausfall sehr gut durch Pitch Power Werte auch ohne Instrumente fliegen(d.h. man stellt einen gewissen Schub ein und einen gewissen Anstellwinkel). Damit spielt man ein bißchen und kann ggf. in wärmere Luftschichten absinken um die "Ports" wieder frei zu kriegen.
Wie gesagt, jeder westliche Flieger hat diese Werte im QRH(Quick REfernce Handbook) und die qualifizierteren unter den Piloten wissen die auch auswendig(was sie sowieso sollten).

Die russischen Flugzeuge sind sicher etwas "robuster"(im positiven als auch im negativen) als deren westlichen Gegenstücke, ich würde mich aber schwer in den russischen Konstrukteuren täuschen wenn die das nicht auch in Checklisten niedergelgt haben.
Natürlich hängt letztlich immer alles von der aktuellen Crew ab bzw. deren Tagesform. Aber "nur" Vereisung der Sensoren als Absturzursache, das kann ich kaum glauben - speziell seit dem Absturz der Birgenair(Fehler in den Sensoren) 1996 wurden Generationen von Piloten GENAU FÜR diesen speziellen Fehler trainiert.
Da muß noch was anderes mitgespielt haben.....

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Kristianjarnig
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Nachtrag:

Enteisung ist NIE Pflicht(im Sinne das man es von den Behörden bzw. dem Flughafen vorgeschrieben bekommt - die können das auch nicht vorschreiben weil ihnen Detailwissen über die einzelnen Flugzeugtypen fehlt).

Letztlich liegt alles beim Kapitän. Bin selbst sehr oft aus Moskau abgeflogen(Vnukovo, Domodedovo und Shremetyovo sowie ein paar Randflughäfen um die Hauptstadt an die ich mich nicht mehr erinnere) und deren Enteisung ist ausgezeichnet(so eine Überraschung bei zig Wintermonaten mit Temperaturen bis zu -30C°). D.h. man bekommt (fast) immer eine passende Empfehlung von den Enteisern welche Mischung und wieviele "Steps"(1 oder 2, je nachdem ob das Flugzeug vorher schon kontaminiert war).

Bei Eis auf den Tragflächen passiert das Unglück normalerweise bereits in der Abhebephase(durch die Vereisung ist die Abhebegeschwindigkeit WESENTLICH höher, sollte es dann Unterschiede zwischen beiden Tragflächen(eine mehr vereist als die andere) geben ist sowieso fast immer Feierabend), d.h. das kann hier kaum der Grund für den Absturz gewesen sein.

Es wird wohl wie so oft(und oft auch ungerechtfertigt) auf einen Pilotenfehler hinauslaufen. Der Kapitän kann sich ja nicht mehr selbst verteidigen, da ist das oft der einfachste Weg.

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bb65
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@Kris

So wie ich das verstehe ist es nicht ein Ausfall der Sensoren mit einer Fehlermeldung sondern eine falsche Angabe der Werte durch das Vereisen. Die dann zu falschen Handlungen der Piloten führt.

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Kristianjarnig
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@bb65

Genau. Aber genau das wird normalerweise am Simulator intensiv trainiert(so wie die üblichen Triebwerksausfälle die gottseidank am Sim weitaus häufer sind als im echten Leben ;-) ).

Laut einer englischsprachigen Luftfahrtseite scheint sich trotzdem der Verdacht zu erhärten das es wirklich nur an den vereisten Pitot Sensoren gelegen hat(die zudem noch ausgeschaltet waren(OFF Position) was an sich nie der Fall sein sollte weil die Probes, je nach Typ, entweder die ganze Zeit eingeschaltet bleiben oder nach jeder Landung abgeschaltet und vor jedem Start wieder eingeschaltet werden).

Bin neugierig ob die Untersuchungskommission noch was anderes auf dem Flugdatenrekorder findet.

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Kristianjarnig
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Nachtrag:

Ja, durch vereiste Sensoren kommen flasche "Werte" im Cockpit bzw. den Instrumenten an. Normalerweise stehen zumindest 3 unabhängige Fahrt und Höhenmesser(1xKapitän, 1xFO, 1X Stby der auch noch mit Notstrom funktioniert) zur Verfügung.
Das große Problem bei Vereisung dieser Pitot Röhren ist, das dann nicht alle Werte gleich falsch sind sondern meist noch zumindest 1 oder gar 2 Instrumente richtig anzeigen und nur 1 falsch.
Die "Kunst" liegt dann darin das die Piloten anhand Anstellwinkel, Schub, Konfiguration dann die richtigen Werte ausarbeiten können und dann diese Instrumente weiter nutzen und die falschen ignorieren.
Während dieser "Evaluierungszeit" fliegt man das Flugzeug mit "Pitch/Power" Werten, z.b. eine 737NG mit ausgefahrenen Klappen/Fahrwerk mit 10 Grad Pitch Up und ca.80% Schub. Damit fliegt das Flugzeug dann vorerst mal stabil auch ohne Instrumente für Fahrt und Höhe.
Natürlich ist das alles graue Theorie(die zumindest am Sim funktioniert), in der Praxis, mit einem vereisten Flugzeug ohne Außensicht und diversen vor sich hinplärrenden Alarmen kann so eine Lage dann recht schnell kritisch werden.

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