Die Filmgeschichte hat Hunderte Meisterwerke hervorgebracht, der Einwand, dass ein Ranking der „besten Filme“ mehr über die Art und Weise aussagt, wie wir über Filme und Kunst sprechen und denken, als über die Filme selbst, ist gewiss berechtigt. Die renommierteste und repräsentativste Liste dieser Art ist die des britischen Filmmagazins „Sight and Sound“, die 1952 erstmals veröffentlicht worden ist. Alle zehn Jahre werden seither Kritikerinnen und Kritiker befragt, welche Filme sie für die besten halten. Dabei hat sich, wenig überraschend, ein starrer Kanon herausgebildet, wobei es vor allem ganz an der Spitze wenig Bewegung gibt. Bis 2022 schafften es überhaupt nur drei Filme auf Platz 1: Vittorio de Sicas neorealistischer Film über Hungerleider im Nachkriegsitalien „Fahrraddiebe“ 1952. 1962 abgelöst von Orson Welles‘ „Citizen Kane“, eine formal enorm fantasievolle Verhandlung amerikanischer Mythen und Träume. Erst 2012 stieß Alfred Hitchcocks „Vertigo“ Welles’ Film vom Thron, die Zeit war offenbar reif für einen Film über psychotische Zwänge und tief sitzende Ängste.

Ende 2022 kam es zu einer kleinen Revolution. Die deutlich höhere Anzahl (etwa 1600) der weltweit Befragten rüttelte heftig am Kanon. Plötzlich sind viel mehr Regisseurinnen vertreten: elf Filme unter den neuen Top 100 wurden von Frauen inszeniert (2012 waren es zwei gewesen). Dazu stieg die Anzahl der schwarzen Filmemacher (aus den USA und Afrika) von eins auf sieben. Während Martin Scorseses „Wie ein wilder Stier“, David Leans „Lawrence von Arabien“ oder Francis Ford Coppolas „Der Pate II“ aus den Top 100 fielen, kamen etwa Céline Sciammas „Portrait einer jungen Frau in Flammen“ (30.) und Barry Jenkins‘ „Moonlight“ (60.) hinauf. Der Kanon ist nun definitiv diverser. Ob er dadurch automatisch besser wurde, ist schon Gegenstand von Debatten geworden, die sich der Frage widmen, ob Kunst nun vor allem nach identitätspolitischen Kriterien bewertet werde.

Die größte Überraschung war aber der Wechsel an der Spitze. Chantal Akermans „Jeanne Dielman“ war zwar schon 2012 platziert, aber dass ein im Grunde unbekannter Film, der im Grunde nur Hardcore-Cineasten und Filmstudenten geläufig ist, sich vor Hitchcock, Welles und Konsorten platzieren konnte, war eine kleine Sensation.

Dem 1975 gedrehten Film der belgischen Künstlerin und Regisseurin Akerman (1950–2015) wird es hoffentlich neue Aufmerksamkeit verschaffen. Der Film, den Akerman mit 25 Jahren (!) inszenierte, ist derzeit als US-DVD erhältlich, dazu kursieren Kopien im Internet. Akerman schuf mit „Jeanne Dielman“ einen Film, in dem eigentlich fast nichts passiert. Man verfolgt den Alltag der verwitweten Hausfrau Jeanne, die mit ihrem Sohn in einer Wohnung in Brüssel lebt. Minutenlang verharrt die bewegungslose Kamera dabei auf der Schauspielerin Delphine Seyrig, die abwäscht, kocht, die Betten macht, Staub wischt und Einkäufe erledigt und ihren Unterhalt als Sexarbeiterin verdient.