Benzingespräch.Es grünt so grün

Christian Purrer, Vorstandssprecher der Energie Steiermark, und Klaus Scheitegel, Generaldirektor der Grazer Wechselseitigen, über verändertes Kundenverhalten und die Herausforderungen der Elektromobilität an Energieanbieter und Versicherer.

© Oliver Wolf
 

Dass die Elektromobilität kommen wird, da sind sich Christian Purrer und Klaus Scheitegel einig. Die Frage ist nur: Wann und wie? „Wir haben Zukunftsforscher befragt und einer hat die E-Mobilität mit Popcorn verglichen“, sagt Purrer, Vorstandssprecher der Energie Steiermark. „Anfangs poppt nur ein Körnchen auf, dann das nächste. Aber dann geht es zack, zack und auf einmal sind alle fertig.“ Ein durchaus realistischer Vergleich – es könnte schnell gehen mit einer großen Verbreitung der Elektromobilität. Gibt es dafür überhaupt genug Strom? „Wir befassen uns seit sechs Jahren mit diesem Thema und wir finden, dass es nur dann einen Sinn hat, wenn wir genug grünen Strom bereitstellen können. Dazu bauen wir bereits das dritte Murkraftwerk und haben erst kürzlich einen Windpark mit 13 Windrädern eröffnet. So gesehen sind wir schon jetzt gerüstet für 100.000 Stück. Das ist allein für die Steiermark sehr viel.“

Wie viel das ist, wird erst beim Betrachten des aktuellen Fahrzeugbestands deutlich: „Wir haben uns die Zahlen genau angesehen“, erklärt Klaus Scheitegel, Generaldirekter der Grazer Wechselseitigen. „Bis Ende 2017 gab es in Österreich 14.618 zugelassene Elek­troautos, das sind 0,3 Prozent des Pkw-Bestands. Zum Vergleich: Aktuell gibt es 2,7 Millionen Autos mit Dieselmotor. Aber ein Trend nach oben ist eindeutig erkennbar.“ Hält das Leitungsnetz diese höhere Beanspruchung überhaupt aus? Purrer: „Bei 100.000 E-Autos wird man das Netz sicher verstärken müssen. Aber bis Mitte des Jahres haben wir die Ladeinfrastruktur so weit ausgebaut, dass jeder Steirer höchstens 15 Kilometer von einer Station entfernt ist. Und dank der Smartmetering-Technik (fernauslesbare Stromzähler) können wir das Netz intelligenter auslegen. Schließlich ziehen ja nicht alle Elektro­autos gleichzeitig Strom.“

Christian Purrer, Vorstandssprecher der Energie Steiermark, möchte die Elektromobilität in Gang bringen Foto © Oliver Wolf

Die Steiermark nimmt hier eine Vorreiterrolle ein, ist sich Purrer sicher, und die anderen Bundesländer werden nachziehen müssen. „Wobei man sagen muss, dass dieses Ladenetz nur eine Ergänzung ist. Unserer Schätzung nach werden 80 Prozent der E-Auto-­Besitzer ohnehin in der heimischen Garage aufladen.“ Die Ladestation im Eigenheim – ein Aspekt, der auch für Scheitegel zeigt, dass der Elektromotor nicht einfach nur eine neue Antriebsvariante ist. „Gerade die Batterien sind eine Herausforderung, denn wenn die einmal brennen, dann brennen sie. Wir haben Feuerwehrmänner befragt, und die hätten am liebsten eine Kennzeichnung, wo die Akkus im Auto genau verbaut sind, ­damit sie im Brandfall schneller agieren können”, sagt ­Scheitegel. „Natürlich interessiert uns auch die heimische Ladestation. Die Solaranlagen sind über die Eigenheimversicherung zwar mit abgedeckt. Aber der indirekte Blitzschlag kann bei gewissen Konstellationen schließlich auch das Auto beschädigen, das am Hausnetz hängt. Wir müssen uns also nicht nur mit dem Auto an sich befassen, sondern auch mit der verbauten Infrastruktur.“

Dass die Prämien für eine Haftpflichtversicherung für E-Autos um 25 Prozent niedriger sind als bei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor, hat aber andere Gründe. Scheitegel: „Das liegt daran, dass das Fahrprofil der Besitzer dem eines Wenigfahrers entspricht: Die Halter fahren kürzere Strecken, meist im urbanen Bereich. Zudem passen sie besser auf ihre Fahrzeuge auf und verwenden es oft nur als Zweitfahrzeug.“
Geht es nach Purrer, wird das so nicht mehr lange bleiben: „Wir wollen die Bewegung definitiv in Gang bringen. Und mit unserer Flatrate von 299 Euro kann man das ganze Jahr über an allen unseren Ladestationen tanken.“ Dazu gehört es auch, nicht nur einfach den Strom zu produzieren. „Mittlerweile bieten wir komplette Fotovoltaikanlagen für den Heimbedarf an. Unser Energiemanagementsystem namens ,Homee‘ kann vom Energiespeicher bis hin zum E-Auto in der Garage alles verknüpfen. Das System teilt die Energie je nach Bedarf ein, kann den Akku im Auto sogar als Stromquelle benutzen.“

Grawe-Generaldirektor Klaus Scheitegel erkennt einen Wandel im Mobilitätsbedürfnis der Kunden Foto © Oliver Wolf

Einig sind sich beide, dass auch die Politik am Zug ist: „Mit Maßnahmen wie zum Beispiel, die Busspur für Elektroautos freizugeben, könnten wir einen Marktanteil von 15 bis 20 Prozent in kurzer Zeit erreichen“, prognostiziert Christian Purrer einen Trend, der in einem Teilbereich der E-Mobilität schon längst übertroffen wurde: und zwar bei den E-Bikes, die nur 25 km/h schnell sein dürfen – eigentlich. Scheitegel: „Durch diese Räder ist eine rechtliche Lücke entstanden. Das Kuratorium für Verkehrssicherheit hat bei Messungen Radfahrer mit ­jenseits der 50 km/h gemessen. Das sind Fahrzeuge, die also zulassungspflichtig wären, aber nicht zulassungs­fähig sind, und somit auch nicht versichert werden können. Auch da ist der Gesetz­geber gefordert.“ Dafür greifen die Besitzer legaler E-Fahr­räder liebend gern zu einer anderen Art der Versicherung: „Diese mehrere Tausend Euro teuren Räder werden gerne gestohlen, weswegen wir als Auflage einen versperrbaren Raum voraussetzen. Aber die Fahrradversicherung kann man bei uns bequem online abschließen.“

Carsharing-Modelle sind für Purrer schon ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, wobei genau dieses ge­änderte Mobilitätsverhalten für Klaus Scheitegel auch eine neue Herangehensweise bedeutet: „Wir stellen fest, dass das eigene Auto nicht mehr den Stellenwert wie früher hat, dafür greifen immer mehr zu Konzepten wie eben Carsharing. Das Mobilitätsbedürfnis ändert sich, und daher werden wir in Zukunft auch mehr die Mobilität versichern. Egal, mit was man unterwegs ist.“

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