KubaIn einem Land vor unserer Zeit

Spurensuche. Pulsierende Sambarhythmen, mit Palmen gesäumte Sandstrände und schmackhafte Mojitos sind die Zutaten zu einer kontrastreichen Reise durch ein Land, das wie kaum ein anderes an der Schwelle zwischen gestern und heute steht.

© Alexander Seger
 

Fidel Castro katapultierte die Welt an den Rand eines Atomkrieges – und sein Volk nachhaltig auf den Pannenstreifen des Wirtschaftswachstums: Wegen des ab 1960 verhängten US-Embargos und der konsequenten Weigerung Castros, eine Aussöhnung auch nur anzudenken, kommen seit Jahrzehnten lediglich Waren aus ideologisch sattelfesten Regimen ins Land, vornehmlich also Produkte aus Russland und China. Doch kein Schaden ohne Nutzen: So muss das kommunistische Regime keine Verantwortung für das gescheiterte Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell übernehmen, sondern schiebt dem bösen kapitalistischen Westen die Schuld an der anhaltenden Mangelwirtschaft in die Schuhe. Auch wenn die Grundversorgung der Bevölkerung über Lebensmittelkarten garantiert wird, kann niemand vom staatlichen Einheitslohn von umgerechnet knapp 25 Euro leben, geschweige denn eine Familie erhalten. Wer Kontakt zu Touristen hat, vermag freilich leicht am Staat vorbei zu Geld zu kommen. Darum gibt es zahlreiche Fremdenführer oder Privattaxis, mobile Verkaufsstände für Obst und Getränke, und Zimmermädchen verdienen durch ihr Trinkgeld ein Vielfaches eines Lehrers oder eines Arztes.

Spurensuche: Mit dem Motorrad durch Kuba

Alexander Seger

Beliebter Treffpunkt: die Kathedrale San Cristóbal.

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Ein durchaus umweltfreundliches Taxi wartet auf neue Kundschaft. 

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Das Zentrum mit seinen Fassaden in Pastelltönen bezaubert.

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Fixpunkt für Motor­radfahrer: die Uferstraße Malecón.

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Verkehrsregeln auf Kubanisch: Eine obligate Rechtsfahrordnung gibt es nicht. Vielmehr sucht man sich die Spur mit den wenigsten Schlaglöchern.

Alexander Seger
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In der Metropole Havanna gleicht der Fuhrpark folglich einer Zeitreise in die 1950er-Jahre. Als Taxis werden Oldtimer der US-amerikanischen Heckflossen-Ära eingesetzt; sie wurden zurückgelassen, als die Guerilleros unter Raúl Castro, Fidel Castro und Che Guevara (in dieser Reihenfolge „die Faust, das Herz und das Hirn der Revolution" genannt) die reichen Amerikaner und die „italienischen Familien" samt dem Marionettendiktator Fulgencio Batista von der Insel jagten. Fahrzeuge abseits der Classic Cars aus den schwarz-weißen Hollywood-Filmen stammen mehrheitlich aus der Fertigung von Lada und Geely, und wer als Kubaner ein „motocicleta alemán" fährt, meint eine MZ aus der DDR, nicht einen imperialistischen BMW.

Kein Reiseführer kommt ohne die Bodeguita del Medio in der Nähe der Kathedrale San Cristóbal und ohne das Restaurant El Floridita am westlichen Ende der Calle Obispo aus, denn Ernest Hemingway war dort Stammgast. Der Freund alkoholhaltiger Mixgetränke schrieb in seinen zwei Jahrzehnten auf Kuba zahlreiche Novellen. Sein Werk „Der alte Mann und das Meer" brachte ihm den Nobelpreis und setzt die Hafenstadt Cojímar auf den Reiseplan jedes Touristen. Im ehemaligen Regierungspalast ist heute das Revolutionsmuseum untergebracht. Mit der Kathedrale und herrlichen Palästen finden sich weitere vorbildlich renovierte Meisterwerke kolonialer Architektur im historischen Zentrum. Auf der Uferstraße Malecón sieht man hingegen deutlich, wie der Zahn der Zeit an den einst prunkvollen Gebäuden nagt. Ganze Häuserblocks präsentieren sich in einem Erhaltungszustand, als hätte es in der Vorwoche ein starkes Erdbeben gegeben. Zur Peripherie hin prägen im klassisch kommunistischen Schick errichtete Plattenbauten das Stadtbild.

Die größte Insel der Antillen ist mit 1250 Kilometer Ost-West-Ausdehnung ungefähr so lang wie Italien und zwischen 31 und 193 Kilometer breit. Der Hauptinsel sind fünf Inselgruppen mit Tausenden kleinen Inseln vorgelagert. Die República de Cuba zählt rund 11,2 Millionen Einwohner, 2,1 Millionen Menschen leben in Havanna. Foto © Alexander Seger

Im entspannten „cruising mode" rollen wir bei sommerlichen Temperaturen aus der Stadt. Schnell gewinnen wir einen Eindruck von den Straßen Kubas: Sie sind katastrophal, denn im Hinterland dient immer noch der Pferdekarren als häufigstes Beförderungsmittel. Die Autopista, ein pro Richtung vierspuriges Asphaltband, hat mit dem, was wir als Autobahn kennen, nur wenig zu tun – wir treffen auf Radfahrer, Fuhrwerke und Fußgänger. Eine obligate Rechtsfahrordnung ist nicht erkennbar, man sucht sich vielmehr die Spur mit den wenigsten Schlaglöchern aus. Motorisierte Fahrzeuge beachten die Fahrtrichtung der Richtungsfahrbahnen, die restlichen Verkehrsteilnehmer sehen das entspannter. Dementsprechend ist auch jederzeit mit Querverkehr zu rechnen.

Ein Museum in der Bahía de Cochinos, im Deutschen als Schweinebucht bekannt, ist „dem Sieg des Volkes und des Sozialismus" gewidmet sowie der Verehrung jener Helden, die sich in den Kämpfen ­gegen die Konterrevolutionäre auszeichneten. Ein Propagandafilm in der Machart der „Deutschen Wochenschau" preist die heroische Niederschlagung einer stümperhaften Söldnertruppe des imperialistischen Klassenfeindes.

Im Nationalpark Topes de Collantes in der Sierra de Escambray windet sich die Straße durch schattige Wälder und bietet eindrucksvolle Fernblicke auf das Karibische Meer mit seinen scheinbar endlosen Sandstränden. Trinidad am Fuße der Sierra ist eine lebendige, charmante Kleinstadt aus der Kolonialzeit. Das Zentrum mit seinen bezaubernden Fassaden in Pastelltönen und dem Steinpflaster aus grobem Flusskiesel ist verkehrsberuhigt, zahlreiche Lokale laden zum Verweilen ein. Der größte Freiluft-Treffpunkt sind die Stufen der Plaza Mayor – dort gibt es Internet. Man wählt sich mit Bezahlkarten ins World Wide Web, während in der Casa de la Música am oberen Ende der Treppe Livemusik unter Palmen dargeboten wird.

 

Ausländer dürfen in Kuba nur in Hotels und lizenzierten Privatunterkünften (Casas Particulares) übernachten, wobei ein gutes Privatquartier einem All-inclusive-Hotel hinsichtlich Sauberkeit und Übernachtungskosten vorzuziehen ist. Zur Einstufung kubanischer Hotelstandards ziehe man ungeachtet der verrechneten Preise zwei Sterne ab. Die Küche Kubas ist durch einen spanisch-maurischen Einschlag geprägt. Zu den Delikatessen gehören Rindfleisch und Meeresfrüchte, zu den beliebtesten Speisen zählen Schwein, Fisch und Huhn. Wein ist grundsätzlich Importware. Das häufig angebotene Bier Cristall ist dünn, schmackhafter ist Bucanero. Foto © Alexander Seger

Ein weiterer Fixpunkt bei einer Reise nach Kuba ist Santa Clara. Der Ort, an dem die entscheidende Schlacht zwischen den Guerilleros und der zahlenmäßig überlegenen Armee Batistas im Sinne des Sozialismus erfolgreich geschlagen wurde, beherbergt das Mausoleum von Ernesto „Che" Guevara und seinen treuesten Gefährten. Che erfährt auf Kuba eine Verehrung wie die Muttergottes in Lourdes, er ist der „guerrillero heroico" schlechthin und „por siempre comandante", wie es auf Graffitis und Plakatwänden quer durchs Land geschrieben steht. Nicht fehlen darf sein bekanntestes Zitat: Patria o muerte, Vaterland oder Tod. Klar: Früher oder später gewinnt immer der Sensenmann. Guevara wurde am 9. Oktober 1967 in La Higuera, einem winzigen Dorf in den bolivianischen Anden erschossen. Fidel Cas­tro, der offiziell am späten Abend des 25. November 2016 – also ganz zufällig am 60. Jahrestag des Beginns der Revolution – im 90. Lebensjahr verstarb, hat seine letzte Ruhe in einem schlichten Grabmal am Friedhof von Santiago de Cuba gefunden.

 

Wir haben Kuba auf einer Tour von Edelweiss Bike Travel erkundet. www.edelweissbike.com Andere Anbieter für Motorradreisen sind z. B. Profil Cuba-Reisen und das nicht zufällig nach Che Guevaras Motorrad benannte Unternehmen La Poderosa – es wird vom jüngsten Sohn des Revolutionärs geführt. www.profil-cuba-reisen.de, www.lapoderosatours.com Auch wenn sich eine Harley aufdrängt, raten wir bei der Auswahl des Mietmotorrades wegen des Straßenzustandes dringendst zu einer Enduro. Motorradvermietungen ohne geführte Tour gibt es keine. Das Verschiffen der eigenen Maschine ist teuer, kommt im Regelfall mit dem Segelschiff „Stahlratte“ ins Land und darf dann dem Zoll vorführen. www.stahlratte.de Foto © Alexander Seger

Es wird spannend zu beobachten, wie sich der Tod Fidel Castros und die Präsidentschaft Donald Trumps auf das Land auswirken werden. Wer in Kuba schon heute europäische Standards erwartet, wird gewiss Enttäuschungen erfahren. Wer jedoch bereit ist, sich auf ein Land im Aufbruch einzulassen, beim Komfort ein paar Abstriche zu machen, bei Stromausfällen nicht sofort in Endzeitstimmung zu verfallen und auf herzliche, gastfreundliche Menschen offen zuzugehen, wird Kuba mögen. Denn der Unterschied zwischen Abenteuer und Albtraum liegt vor allem in der persönlichen Einstellung – „todo se resuelve", wie man in Kuba sagt: Am Ende wird alles gut.

Weitere Infos: Die offizielle Tou­rismus-Website findet man unter der Adresse www.cubatravel.cu, das offizielle Organ des Zentralkomitees der kommunistischen Partei Kubas ist online abzurufen unter www.granma.cu. Informativ sind weiters die Inhalte auf www.autenticacuba.com und cubaheute.wordpress.com. Auch die umfangreichen Hinweise auf der Website des Außenministeriums (www.bmeia.gv.at) sind wertvoll.

Reisetipps für Kuba

Einreise. Als Einreisevisum für ­Touristen gilt die „Touristenkarte", die in Europa bei vielen Reisebüros und den diplomatischen Vertretungen ­Kubas kostenpflichtig erhältlich ist. Sie berechtigt zu einem Aufenthalt von bis zu 30 Tagen bei einmaliger Einreise. Der Reisepass muss sechs Monate über den Aufenthalt hinaus gültig sein.

Reisezeit. Das Wetter Kubas ist gemäßigt subtropisch und mit seinen zwei Jahreszeiten ideal, um die europäische Motorradsaison auszudehnen. In der Trockenzeit von Oktober bis April hat es 25 bis 30 Grad, die Tiefsttemperaturen betragen 18 bis 20 Grad. Luftige Schutzkleidung ist empfehlenswert, das Regengewand wird im Seitenkoffer griffbereit verstaut. Zur Akklimatisierung sind vor der Tour zwei, drei Tage Sightseeing in Havanna und Umgebung hilfreich. Die Zeitverschiebung beträgt sechs Stunden. www.met.inf.cu

Kommunikation. Hinsichtlich Internet-Verfügbarkeit ist Kuba ein Entwicklungsland. Skype oder Facetime sind gesperrt, das Handy-Roaming teuer. Englisch ist als Fremdsprache weit verbreitet. Spanischkenntnisse erleichtern das Reisen und die Kommunikation mit der Bevölkerung – viel wichtiger sind allerdings Zuversicht, Abenteuergeist und ein vorurteilsfreies Einfühlungsvermögen in die ­kubanische Lebensweise.

Gesundheit. Für einen Kuba-Aufenthalt sind keine Impfungen notwendig. Für die Einreise nach Kuba ist jedoch die Bestätigung einer Reisekrankenversicherung in spanischer Sprache unverzichtbar. Die Reiseapotheke sollte individuell mit dem Hausarzt besprochen werden. Vor Moskitos schützt am besten Repel, das in kubanischen Supermärkten erhältlich ist. Bei ernsthaften Erkrankungen oder Unfällen steht ein gutes Gesundheitswesen zur Verfügung.

Geld. In Kuba gibt es zwei Währungen, Peso Nacional (CUP) und Peso convertible (CUC) für Touristen. Ein CUC entspricht etwa 0,90 Euro bzw. 25 CUP. Es ist daher darauf zu achten, dass man beim Bezahlen nicht „versehentlich" nahezu wertlose CUP als Wechselgeld bekommt! Kreditkarten US-amerikanischer Banken werden generell nicht anerkannt, europäische Kreditkarten kommen nur in Banken und großen Hotels zur Anwendung: In Kuba ist nur Bares Wahres. Wir empfehlen, einen größeren Euro-Betrag mitzunehmen und gleich nach der Ankunft am Flughafen in CUC zu wechseln. Kuba gilt als sicheres Land, trotzdem ist Vorsicht vor Taschendieben geboten.

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