Legende ohne Leiden

Die Nordlichtgestalt

Volvo 121/122/123 GT. Keiner hätte gedacht, dass aus dem kühlen Schweden eine derart heiße Kämpferin kommen kann. Und dass Volvos Amazon gleich die ganze Welt verändert.

Volvos Amazon war hübsch anzusehen, im Kern aber robust wie ein Bison © VOLVO
 

Ein routinierter Griff über die Schulter, der vertraute Klick, wenn der Bügel im Schloss einrastet – den Gurt anzulegen, ist ein uns allen geläufiges Ritual. Und jenes Auto, in dem der Dreipunkt-Sicherheitsgurt erstmals ab Werk verbaut war, sollte Volvo auch finanziell auf die sichere Seite spülen. Dabei wollten die Schweden einfach nur eine moderne Limousine bauen. Die Rede ist vom Amazon.

Der intern P 1200 genannte Viertürer bekam eine Aufhängung mit doppelten Querlenkern vorne, solide, aber quicklebendige Motoren mit (damals noch exotischer) obenliegender Nockenwelle. Platz war in beiden Reihen ausreichend vorhanden, und weil ein derart großer Wurf auch optisch ein wenig vorausfliegen darf, ließ sich Designer Jan Wilsgaard für seinen Entwurf von italienischen Schönheiten und amerikanischen Straßenkreuzern zugleich inspirieren. Ein Volvo – und dann noch so hübsch? 1956 eine kleine Revolution.

Und mehr noch: Ab 1958 war man mit serienmäßigen Dreipunktgurten sogar der gesamten Konkurrenz einen Schritt voraus. Bei anderen Dingen blieben die Schweden dafür stockkonservativ. Zum Glück, denn hinter dem charakteristisch zweigeteilten Kühlergrill verbarg sich feinster Schwedenstahl, der die Karosserie robust und widerstandsfähig machte wie den Helm eines Wikingers. Zudem gönnte man dem Neuling eine gründliche Rostvorsorge – und legte damit den Grundstein für die unerschütterliche Haltbarkeit, für die Volvos bis heute weltweit bekannt sind.

Foto © VOLVO

Wenn das keine Kampfansage an die versammelte Autowelt war! Eine geräumige Limousine mit tadellosen Fahrleistungen, der Sicherheit eines Panzers und bedingungsloser Zuverlässigkeit – der Name der Kriegerinnen aus der griechischen Mythologie schien mehr als angemessen. Amazon? Ja klar, der schnuckelige Schwede mit dem Wesen eines Bisons!

Es grenzt schon an Ironie, dass Volvo den Namen außerhalb Skandinaviens nicht verwenden durfte, weil sich ein Motorradhersteller die Rechte daran gesichert hatte. Doch die Wikinger konterten kühl mit einer bestechend logischen Nomenklatur, bestehend aus aus drei Zahlen: Die erste beschreibt die Aufbauform (1 = Stufenheck, 2 = Kombi), die zweite die Türenanzahl (1 = Vier- und Fünftürer, 2 = Zweitürer) und die dritte den verbauten Motor, fertig! Und jeder wusste, was mit P 121 gemeint war.

Die USA, aber auch Deutschland, Österreich und die Schweiz fuhren auf den Amazon so sehr ab, dass man sogar extra Sportversionen auflegte. Der 122 SR und später der 123 GT mit 103 PS sicherten ihm endgültig die Loyalität seiner Fans. 14 Jahre blieb er im Programm, ehe er nach 670.000 gebauten Stück das Zepter an seine eckigen Nachfahren übergab. Und ganz nebenbei das beste Erbgut, das man sich als aufrechter Schwede nur wünschen kann.




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