ARCHITEKTUREin Ort des Gedenkens und der Begegnung

Auf dem Grazer Zentralfriedhof gibt es einen Urnenpark mit neuartiger Atmosphäre. Eine helle Ruhestätte.

Urnenpark: Hinter welchem Fenster würde ich „wohnen“ wollen?
Urnenpark: Hinter welchem Fenster würde ich „wohnen“ wollen? © Oliver Wolf Foto GmbH
 

Hinter welchem Fenster würde ich „wohnen“ wollen? Am liebsten hinter einem der gelben. Gelb sind nur wenige, fünf vielleicht. Meine letzte Adresse läge dann in einer sanften Rundung einer anthrazitfarbenen Wand. Wenn die Sonne auf den Asphaltweg vor meinem „Fenster“ schiene, würde der Lavendelduft zu mir heraufziehen. Und Kinder würden auf ihren Scootern vorbeirollen.

"Wohnungssuche für danach". Gedanken wie diese hat man vor Urnenwänden oder auf Friedhöfen generell nicht alle Tage. Urnenwände alten Stils erinnern oft unangenehm an Ablagesysteme. Militärisch organisiert in Reih und Glied, fast schon industriell. Sie beklemmen eher, als dass sie zur hoffnungsvollen „Wohnungssuche für danach“ einladen.

Architektur: Urnenpark in Graz

Starkes architektonisches Ensemble: Dieser Urnenpark befindet sich an einem zentralen Punkt an der historischen Achse des Ensembles am Zentralfriedhof  – unmittelbar hinter der Kirche und der Aufbahrungshalle.

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Warme Farben: Geschwungene Wege führen zur letzten Ruhestätte geliebter verstorbener Menschen. 

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Historisches Glas: Die Schmelzglasplatten werden in Stift Schlierbach hergestellt.

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Selbstbestimmt: Wer seine letzte irdische Adresse am Zentralfriedhof haben möchte, kann eine Nische für sich reservieren.

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Platz des Gedenkens: Er befindet sich als zentrales Element in der Mitte des Urnenparks

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Der Zentralfriedhof Graz ist der größte Friedhof in Graz. Der interkonfessionelle Kommunalfriedhof befindet sich im Eigentum der katholischen Stadtpfarre.

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Erfahren: Die Architekten von HOFRICHTER-RITTER haben auch die  Einsegnungshalle vom Steinfeldfriedhof geplant

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Fließende Formen: Auch aus der Ferne sind die fließenden Wände mit den unregelmäßgen bunten "Fenster" schön anzusehen. der Zentralfriedhof ist ja auch Nacherholungsraum.

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Parkcharakter: Friedhöfe werden in Städten immer mehr zu Parkanlagen, die auch Erholungssuchende nutzen.

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Kerzen & Co: Zwischen Gehweg und Wand ist ein schmaler Streifen, auf dem Menschen Kerzen für ihre Verstorbenen aufstellen.

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Schmelzpunkt: Leben und Tod treffen sich am Urnenpark - Skater nutzen den Weg ebenso wie Trauernde.

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Denkmalschutz: Die Urnenwand steht wie ein Möbel in den Arkaden, d. h. sie sind reversibel. Der gesamte Zentralfriedhof steht unter Denkmalschutz.

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Kolonnaden: Die Hauptgebäude wurden ab 1886 mit neugotischer Backsteinfassade gebaut. Ursprünglich war geplant, dass die Kolonaden den gesamten Friedhof umrahmen.

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Neuer Wind im alten Bauwerk: Mit der Urnenwand wurde dem historischen Gebäude ein kontrastierendes modernen Element hinzugefügt. Im Bild: Architekt Gernot Ritter von HOFRICHTER-RITTER Architekten

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Grabrecht: Ein Grab oder Urnenplatz als Anlaufstelle ist für Hinterbliebene sehr wichtig. Das Grabrecht erlischt allerdings nach 15 bis 20 Jahren - nach Ablauf dieser Zeit werden die Urnen in der Gruft beigesetzt. 

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Wie Engelsflügel. Die Urnenwand in den Gruftarkaden des Grazer Zentralfriedhofes sind wie Engelsflügel gestaltet. Mit bunten Glasplatten, deren Farben an das  als Nischenverschluss.

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Historische Kolonaden: Seit 2009 befindet sich darin eine moderne Urnenwand.

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Altbestand: Unter den historischen Säulen befindet sich die Gruft.

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Fließende Formen. In dem Urnenpark, der 2016 hinter der Kirche am Zentralfriedhof in Graz auf einer halbkreisförmigen Fläche errichtet wurde, ist das anders. Die Offenheit und Helligkeit, die fließenden Formen und die wunderschönen Farben vermögen, dem Tod einen Teil seines Schreckens zu nehmen.

Geborgenheit. Letzte Ruhestätten müssen also nichts Feuchtes und Dunkles an sich haben. In ihnen kann das ewige Licht leuchten. Dass Architektur das kann, war dem „Bauherren“ des Urnenparks, dem für die Gestaltung des Friedhofs Verantwortlichen Probst Christian Leibnitz von der Stadtpfarre, bewusst. „Es ist mir wichtig, dass Urnenbeisetzungen an Orten geschehen, die architektonisch und künstlerisch sowie in ihrer theologischen Aussagekraft so gestaltet sind, dass sie eine Atmosphäre des Friedens und der Geborgenheit vermitteln“, sagt er.

Kontakt

Architekten: HOFRICHTER-RITTER Architekten ZT GmbH, Färbergasse 6, 8010 Graz, Tel. 0316/723538,
www.hofrichter-ritter.at

Bauherr: Stadtpfarre zum HL. Blut, Propst Mag. Christian Leibnitz, Herrengasse 23, 8010 Graz, Tel. (0 31 6) 82 96 84.

Licht- und Schattenspiele. Mit Gernot Ritter und Veronika Hofrichter-Ritter hat er die richtigen Architekten für die Umsetzung gefunden. Beim Spaziergang durch den Urnenpark verweist er auf die fließenden Formen, die gebogenen Wände, die aus Sichtbetonschalen bestehen. Auf die unregelmäßige Anordnung der „Fenster“, die historische Schmelzglasplatten aus dem Stift Schlierbach sind und schönste Licht- und Schattenspiele vollführen.

Optimismus. Ritter erzählt auch, dass der Urnenpark tatsächlich so etwas wie Siedlungscharakter habe. 450 Nischen bietet er insgesamt, jede mit Platz für zwei oder vier Urnen. Vor den Wänden, die sich fünf Grad nach hinten und dadurch optimistisch nach oben neigen, führen Wege aus Besenstrich-Asphalt, die Kinder zum Skaten verführen. Und wenn jemand „einzieht“, wird mit Sandstrahlen sein Name in sein letztes irdisches Zuhause graviert.

Architekt Gernot Ritter
Architekt Gernot Ritter Foto © Oliver Wolf Foto GmbH

"Der Tod ist ein Teil des Lebens"

Welche Aufgaben hat der Urnenpark zu erfüllen?
Gernot Ritter: Er ist für rund 1500 Menschen die letzte Ruhestätte. Zählt man die Hinterbliebenen dazu, ist das ein Ort, an dem sich viele Menschen begegnen. Dazu kommt, dass Friedhöfe auch Naherholungsräume sind. Wir haben uns also die Frage gestellt, wie wir einen pietätvollen Ort gestalten, der eine stille Einkehr ermöglicht und gleichzeitig ein Ort der Begegnung ist.

Wie wichtig sind letzte Ruhestätten?
Gernot Ritter: Für die Hinterbliebenen sind diese Orte wichtig. Als Anlaufstelle, an der man der Verstorbenen gedenken, trauern und hoffen kann.

Welche Bedeutung hat die letzte Adresse für die Lebenden?
Gernot Ritter: Sich bewusst ein „Zuhause für danach“ zu suchen, ist ein Thema. Die Urnenwand in den Gruftarkaden ist zur Hälfte belegt, die andere Hälfte hat jemand reserviert.   

Der Urnenpark wirkt sehr viel irdischer, als wir das sonst von Friedhöfen kennen.
Gernot Ritter: Der Urnenpark hebt durch seine einladenden Gesten den räumlichen Ausschluss des Todes aus dem Leben etwas auf. Auch ist keine der Nischen gleich wie die andere. Das haben wir auch schon bei der Urnenwand umgesetzt. Wir wollten von dem Nüchternen, in Reih und Glied Geordneten, ja fast schon Industriellen weg. Auch, weil das so wichtige Orte im Leben der Hinterbliebenen sind.

Was bedeutet es für Sie, sich so intensiv mit dem Tod zu beschäftigen?
Gernot Ritter: Durch die Auseinandersetzung mit Vorgängen rund um den Tod ist mir klar geworden, dass er ein Teil des Lebens ist. Je pietätvoller wir mit den Verstorbenen umgehen, desto schöner. Ich habe eine offensivere Haltung entwickelt. Ich habe Respekt, aber keine Angst vor dem Tod. Der Tod ist der Punkt, an dem etwas endet oder beginnt.

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