Sven Gábor Jánszky„Es ist noch nicht das Ende der Schöpfung“

„Zukunft entsteht, wenn die Verrückten die Etablierten zwingen, auf ihre Verrücktheit einzusteigen“, sagt Trendforscher Sven Gábor Jánszky. Er ermahnt die Politik und empfiehlt mehr Fortschrittsbegeisterung.

© KLZ/Helmuth Weichselbraun
 

Herr Jánszky, sind wir ausreichend auf die Zukunft vorbereitet? Haben wir ausreichend vorgesorgt?
SVEN GÁBOR JÁNSZKY: Es gibt in den Unternehmen zweifellos gute Antworten für das, was Digitalisierung macht, wir stellen aber die falschen Fragen.

Was wäre eine richtige Frage?
Wie schnell geht es denn in die Zukunft? Das klingt ziemlich banal. Aber wir haben immer noch ein Prognosemodell in unseren Köpfen, das zehn Jahre zurückblickt und daraus eine lineare Entwicklung fortschreibt. Das ist zwar normal, weil wir eben so funktionieren. Aber wenn wir über Technologien sprechen, ist die Geschwindigkeit falsch. Beispielsweise verdoppelt sich alle 18 Monate die Rechenkapazität der Computer bei gleichbleibendem Preis. Für Nicht-IT-Menschen ist es umgekehrt relevanter: Alle 18 Monate halbiert sich der Preis bei gleicher Leistung. Das ist der Grund, warum man alle zwei Jahre ein neues Smartphone braucht, warum der Austauschzyklus bei Fernsehern von zehn auf vier Jahre heruntergerutscht ist und sich weiter verkürzt. Es gibt also ein exponentielles Wachstum. Das Problem ist die Lücke zwischen diesen beiden Prognoselinien. Man kann sie einerseits als Raum für Geschäftsideen, als Chance verstehen. Andere sehen darin eine Gefahr und fühlen sich bedroht. So entscheidet sich, ob man Zukunft mitgestaltet oder gestaltet wird.

Bei uns dominiert wohl die Fortschrittsskepsis, der Wunsch, sich vor dem Unbekannten zu schützen.
Ein verständlicher, aber falscher Wunsch. Die Welt ist und wird komplex. Aber Digitalisierung, wenn sie gut gemacht ist, reduziert Komplexität auf ein Minimum. Weil sie zum Beispiel menschliche Fehler korrigiert. Wir dürfen nicht jenen 95 Prozent glauben, die sagen: „Das brauchen wir nicht!“ Denn Innovation kommt nicht in unsere Welt, weil Menschen sich das wünschen, sondern weil Unternehmen Dinge verkaufen wollen. Die nehmen die alten Sachen aus den Regalen und stellen neue hinein. Die alten Dinge sind dann nicht mehr da - auch wenn wir uns die neuen gar nicht gewünscht haben. Zukunft entsteht dort, wo die Verrückten die Etablierten zwingen, auf ihre Verrücktheit einzusteigen.

In welcher Rolle sehen Sie uns Mitteleuropäer: verrückt oder etabliert?
Wir sind nicht mehr die Nummer 3. Ganz vorn sind das Silicon Valley, das uns kulturell näher ist als China, das stark antreibt und in Sachen Dynamik und Geschwindigkeit den Takt vorgibt. Dann kommt lange nichts, dann Israel, kleine Länder wie Estland und der skandinavische Raum und erst danach Zentraleuropa.

Was machen wir falsch?
Grundsätzlich verteufle ich nicht den technologischen Fortschritt, aber unseren Umgang damit. Ich ärgere mich über das Unverständnis. Das, worüber wir heute reden, ist nicht Zukunft. Wir reden oft darüber, dass Menschen und Maschinen in Echtzeit miteinander reden und Entscheidungen treffen. Das ist aber nicht Digitalisierung - das ist Automatisierung. Digitalisierung wäre ein intelligentes Betriebssystem, das eine Software entwickelt, die die nahe Zukunft prognostiziert und ihre Prozesse steuert. Wer über die Zukunft spricht, muss über das Resultat von exponentieller Geschwindigkeit reden.

Zum Beispiel?
Genaue Bedarfsprognosen für Supermarktbetreiber, die das Warenmanagement auf Basis von Kaufverhalten, Wetterdaten etc. errechnen. Das verändert alles - von der Lagerbewirtschaftung über Logistikprozesse bis hin zur flexiblen Preisgestaltung, wann es welches Sonderangebot geben soll.

Wo gibt's noch Vorsorgelücken?
Beispielsweise haben wir ein Datenschutzverständnis aus den 1970er-Jahren. Da gehört dringend umgedacht. Die Politik müsste langsam in die Gestalterrolle finden und bald einmal reagieren. Digitalisierung ist mehr als Glasfaserkabel. Es braucht aber nicht gleich wieder verschärfte Vorschriften. Das wäre die Antwort aus einer falschen Zeit.

Aber haben Sie keine Bedenken - Stichwort Datenmissbrauch?
Nein, ich bin da völlig schmerzbefreit. Die können Daten sammeln, soviel sie wollen. Das reine Datensammeln kommt aus der alten Zeit und hat keinen Wert mehr, weil es statische Daten sind. Daten in der digitalisierten Welt dagegen sind nicht Worte und Zahlen, die man in Tabellen darstellt. Stattdessen spielen Echtzeitdaten eine Rolle. Angesichts dessen werden sich die Vorstellungen, was Daten sind und was man damit machen kann, verändern müssen.

Wohin führt das?
Es wird insgesamt für unser Leben bewirken, dass wir alles prognostizieren können. Man muss sich in der Folge die Frage stellen, wie sich Geschäftsmodelle und das individuelle Leben verändern. Wie sieht die Stadt von übermorgen, wie das Zusammenleben in der Gesellschaft aus?

Und wie der Mensch?
Die Evolution zeigt, dass es eine stetige Verbesserung des Menschen gegeben hat. Dass jetzt der Körper das Ende der Schöpfung ist, halte ich für unwahrscheinlich.

Und wenn dann die künstliche Intelligenz das Kommando übernommen hat - was macht der Mensch?
Es wird einige wenige geben, die Menschen bleiben wollen. Die werden in einer Art Reservat leben. Andere werden den Körper nur als Zwischenstufe der Evolution ansehen. Einige gehen sogar so weit und sagen, der Mensch, der tausend Jahre alt wird, ist schon geboren.

Das religiöse Versprechen für ein ewiges Leben wäre damit fast eingelöst.
Der Glaube wird tatsächlich stärker - aber nicht an Gott, sondern eher an die Technologie. Andererseits: Je mehr rationales Denken in der Welt ist, desto mehr Sehnsucht nach dem Übersinnlichen gibt es.

Welche Entwicklung, die Sie prognostizieren, gefällt Ihnen selbst eigentlich am wenigsten?
(Lange Pause.) Was ich mir nicht wünsche, ist, dass unser Denken gezielt von außen manipulierbar wird. Das hat einerseits zwar Vorteile, weil man das Hirn auf etwas aufmerksam machen kann. Andererseits müssen wir als Gesellschaft aber darüber nachdenken, wer den Ein-/Aus-Schalter in Händen hält, sonst ist der freie Wille des Menschen in Gefahr.

Zur Person

Sven Gábor Jánszky ist Trendforscher, Autor („So arbeiten wir in der Zukunft“) und Geschäftsführer des Thinktanks „2b Ahead“ mit Sitz in Leipzig.

Im Rahmen des „Clubs Zukunft“ der Stadt Graz warf er einen Blick auf künftige technologische Entwicklungen und ihre Folgen.

Zukunftsszenarien

1. Roboter, die mit allen verfügbaren Studien zu Krankheiten gefüttert sind, wird es 2020 in Größe und Preis eines Smartphones geben. Damit wird Intelligenz kaufbar, die bessere Antworten liefert als sehr gut ausgebildete Menschen.

2. Zwischen 2018 und 2019 werden die Kosten für die Gensequenzierung einer menschlichen DNA unter 100 Dollar sinken. Die Analyse zeigt dann, welche Krankheiten in den Genen angelegt sind und wie ein Bakterienmix aussehen muss, damit diese Krankheiten nicht ausbrechen. Ein chinesisches Unternehmen will Geld damit verdienen, Kunden individuell und jeden Tag exakt jenen Bakteriencocktail - ausdruckbar am 3D-Drucker - liefern.

3. VW hat Taxis in Peking mit Sendern ausgestattet, die Daten an einen Quantencomputer liefern, der binnen drei Sekunden berechnet, wie die Verkehrssituation in den nächsten 45 Minuten ist. Die Autos erhalten Informationen über Geschwindigkeit und Route, eine Staubildung wird verhindert.

4. Am Europäischen Menschenrechtsgerichtshof läuft ein Pilotprojekt: Parallel zu den Entscheidungen der menschlichen Richter ließ man eine künstliche Intelligenz mitlaufen, um zu untersuchen, in welchen Fällen die künstliche Intelligenz gleich oder anders entschieden hätte. Das Ergebnis: In 80 Prozent hätte sie gleich entschieden.

5. Servicehotline-Computer im Callcenter werden 80 Prozent der Kundenanrufe vorhersehen, noch bevor es klingelt, und vorab Lösungen liefern.

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