Holz statt Plastik

Fürs Holzbrett ins Gefängnis

Eine bekannte Grazer Bioladen-Betreiberin soll 550 Euro Strafe zahlen, weil sie in der Küche kein Plastik verwendet. Aus Protest wählt sie nun den Ersatzarrest. Von Ernst Sittinger

Ushij Matzer im Bioladen in der Grazer Sparbersbachgasse © Susa Hassler
 

Dass die Wirtschaft mit immer kurioseren bürokratischen Vorschriften "gepflanzt" wird, ist jedem Unternehmer schmerzlich bewusst. Ein Anlassfall aus Graz dürfte sich nun aber zur Amtsschimmel-Groteske auswachsen. Denn die bekannte Einzelhändlerin Ushij Matzer – ihre Familie führt seit 1979 den ältesten Bioladen Österreichs – ist nicht bereit, eine Verwaltungsstrafe der Baubehörde zu bezahlen. Aus Protest wird sie nun die "Ersatzfreiheitsstrafe" von 2,5 Tagen verbüßen.
Matzer erhielt schon im April einen Strafbescheid der Grazer Baubehörde – wegen Verstoßes gegen das Lebensmittelsicherheits- und Verbraucherschutzgesetz. Beanstandet werden die Verwendung von Schneidbrettern und Kochlöffeln aus Holz, fehlende Deckel auf den Mistkübeln sowie Mängel bei Personalschulung und Dokumentation.

"Plastik ist gefährlich"

Diese Vorwürfe sind aus Sicht der Bioladen-Betreiberin freilich absurd. Denn die Behörde sei im Irrtum. Das Gesetz schreibe die fehlenden Dinge und Nachweise gar nicht vor. So müsse bei Kochlöffeln und Schneidbrettern nur sichergestellt werden, dass die Gegenstände ordentlich gereinigt und desinfiziert werden.
Matzer: "Wir können Holz sehr gut desinfizieren, indem wir es im Ofen trocknen. Das geschieht auch." Plastik hingegen stuft Matzer als gefährlich ein: "Das ist zwar besser abwaschbar, schafft aber einen Gefahrenpunkt in der Küche." Tatsächlich legt die Händlerin Studien der Wiener Universität für Bodenkultur sowie unabhängige Tests vor, die gesundheitsschädlichen Plastikabrieb und Formaldehyd-Dämpfe bei Einsatz von Plastikgeschirr nachweisen. So kam ein Plastikkochlöffel-Test der Zeitschrift "Konsument" im Jahr 2012 zu dem Ergebnis: "Wir empfehlen die Rückkehr zum guten alten Holzkochlöffel."

Unterstützung von Leitl

Ähnliche Argumente bringt die Unternehmerin auch beim Mistkübel vor: Ein Deckel müsse entweder händisch berührt werden oder es gebe einen Tret-Mechanismus, in dem sich Bakterien sammeln. Deshalb verwende man offene Kübel und entferne die Abfälle rasch. Bei Fortbildung und Dokumentation gehe die Behörde fälschlich davon aus, dass man eine "Großküche" betreibe.
Eine Berufungsverhandlung führte dieser Tage lediglich zu einer Halbierung der Strafe. Matzer will nun in den Ersatzarrest gehen. Und der Fall zieht weite Kreise: Inzwischen hat sogar Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl versprochen: "Ich werde Frau Matzer im Gefängnis besuchen."

Kommentare (99+)

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Aileron
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Dann wissen wir ja jetzt...

...wo man noch halbwegs vernünftig einkaufen kann :) Der Laden ist übrigens wirklich empfehlenswert.

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kaboni
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woc24.com

gleich oberhalb ist eine Werbung!

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RAIUNO
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Ja zu Holz!

Im Holz befinden sich ätherische Öle die zur Keimreduzierung bzw. Keimbeseitigungen dienen.
Daher Holz Her.
Und der Kunststoff wird immer immer weniger.
Reine Erdölverschwendung für Schneidbretter.
Wir brauchen unseren Kunststoff wo anders.

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Murfeigl
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Ein Sittenbild vom Hypo-Desaster bis zum Kochlöffel

Das Holzkochlöffelverbot ist eine weitere Schikane, die uns von politischen Eliten und dem offensichtlich nicht reformierbaren Verwaltungsapparat serviert wird. Pfusch auf allen Ebenen: Vom Hypo-Desaster bis zur Kochlöffelverordnung! Daher: Auf zur nächsten Wahl! Die Holzlöffelpolitik im Waldland Steiermark gehört abgestraft.

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krystophny
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Wissenschaftlicher Hintergrund

Zur Frage ob Holz- oder Plastikbretter hygienischer sind: Natürlich können sich in einer porösen Oberfläche wie Holz mehr Bakterien ansammeln, und sie überleben dort auch - eine der wenigen oft zitierten Untersuchungen ist http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1745-4565.1994.tb00591.x/abstract . Ob das eine so strenge Regulierung rechtfertigt ist wohl trotzdem fragwürdig - erst recht in einem kleinen Betrieb. Einе echte Großküche würde ohnehin die praktischere Lösung bevorzugen.

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norma44
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Es gibt auch Schneidbretter als Glas

im Fachhandel, bzw. auch Kochlöffel aus Exoglas also der Pfui - Kunststoff ist sehrwohl zu umgehen wenn man/frau will !!!

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Aileron
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Glas macht nur leider...

...im Gegensatz zu Holz die Messer stumpf :( Sonst wärs fein...

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norma44
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sie werden es nicht glauben aber es gibt

Schleifgeräte für Messer ...

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catissa
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@norma44:

Natürlich auch mit Holz!!!

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Gutes Gewissen
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Miteinander statt Konkurrenz

Ich habe immer wieder gerne im Bioladen Matzer gespeist und eingekauft. Ich würde mir wünschen, daß es viel mehr so mutige Menschen gibt, die sich dafür einsetzen, möglichst naturnah leben und ein echtes, bewusstes, menschenwürdiges Miteinander pflegen zu können.
Die Kritik betreffend mangelnder Sauberkeit bei den Tischen etc. kann ich überhaupt nicht verstehen, für mich war es dort immer in Ordnung. Die Familie Matzer und ihr Team waren stets freundlich und hilfsbereit. Obwohl meine Herkunftsfamilie seit Jahrzehnten dort einkauft, haben wir noch nie von einem Krankheitsfall durch den Bioladen (Salmonellen etc.) gehört.

Ich persönlich glaube, daß wir aufpassen sollten, keiner Gehirnwäsche zu unterliegen, bei allem, was durch die Wirtschaft, die Gesetzgebung und ihre Kontrollorgane diktiert wird. Wenn man sich selbst zu einem pestizid-verseuchten Acker begibt und anschließend in einen Permakultur-Biogarten und sich da mit dem ganzen Sein reinfühlt, braucht es keine Worte mehr.

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frikazoid
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Mehr fällt dem Herrn Leitl nicht dazu ein, als sie im Gefängnis zu besuchen. Die Wk ist doch nur noch ein Selbsterhaltungs- bzw. -bedienungsladen für Funktionäre! Jede Woche bekomme ich eine Zeitschrift in der großspurig irgendwelche Forderungen stehen, aber umgesetzt wurde noch nie eine!!

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Guliano
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Versager

wert euch endlich gegen diesen Wahnsinn aus Brüssel und gegen unsere unfähigen Beamten und Politiker. Jagd SIE ALLE ZUM TEUFEL bei der nächsten WAHL,sonst Steuern wir ins Verderben!!!!

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proucontra
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ca. € 1000,-

Strafe für "unkorrekte" Etikettierung (die Angabe der Füllmenge war 3 mm und nicht wie lt. Gesetz 4 mm). Hätten sich die Betroffenen (2-Mann Betrieb) einige Tage in den Häfm gesetzt, hätten sie in dieser Zeit auch nichts verdient. Es ist auch keine Zeit, von A bis Z zu laufen um sich aufzuregen. Also was macht man? Zahlen, neue Etiketten und weiterhackeln. Bei so kleinen Betrieben tun sich die §-Reiter halt leicht. NUR: Wenn es um die Hygiene geht, muss einen schon selbst bewusst sein, dass gewisse Dinge (so wie im Geschäft der Dame) einfach nicht gehen!

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epie
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Neugierig

wäre ich wie es bei Ihnen zu Hause aussieht? Alles klinisch sauber?

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epie
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Neugierig

wäre ich wie es bei Ihnen zu Hause aussieht? Alles klinisch sauber!

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apollo2010
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Wir privaten Menschen .....

haben ja viel mehr Rechte als alle glauben. Diese §-Reiter haben ja keine Legitimation mehr uns zu Schikanieren. Seit der Privatisierung des Staates sind sie ja auch nur Angestellte einer privaten Firma und handeln auf eigene Verantwortung.

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moonsafari
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Höhere Strafe als bei Körperveletzung

Frau Matzer sollte ihren angestauten Frust an einer wehrlosen Person auslassen. Sie hätte dann keine juristischen Probleme zu erwarten. *Ironie*

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Hubert9065
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Nochwas

nennt die Namen von den Beamten die dass durchsetzen..... Dann kann Mann und Frau Österreicher sie jagen.......

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lieschenmueller
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Denunzieren und jagen?

Na, Sie haben vielleicht eine Einstellung!

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Hubert9065
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Re: Denunzieren und jagen?

Ja genau, soweit ist die Gesellschaft!!!!!

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lieschenmueller
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@Wenn Ihr Schreiben von 12.:54 Ironie enthalten sollte,

war die zu gut versteckt. Falls Sie den Topfen ernst meinen und dann auf die Gesellschaft schieben, ist Ihre Einstellung mehr als wunderlich.

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ritus
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Kaum zu glauben,

wie der Fall polarisiert.
Einerseits die PosterInnen, die anscheinend selber Beamte oder Menschen sind, die ohne Paragraphen nicht selbstständig urteilen können und dafür auch über Leichen gehen würden. Wären sie bei Hypo & Co. auch so penibel gewesen, hätten wir jetzt um ein ECHTES Problem weniger.
Andererseits jene Menschen, die über den Tellerrand der (notwendigen) Gesetzgebung hinaus konsequent den für sie und ihre Mitmenschen/Kunden richtigen und gesunden Weg gehen, jahrzehntelang bestätigt durch Erfahrung und wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse. Meines Wissens gab es bisher noch keine Krankheitsfälle durch Einkauf in echten Bioläden. Damit meine ich Geschäfte, deren InhaberInnen ihr gesamtes Leben ganzheitlich und so nachhaltig wie möglich gestalten, ohne die Absicht, auf Kosten ihrer Kunden reich zu werden. Außerdem: Wem solche Bioläden nicht sauber (steril?) genug sind, hat mittlerweile genügend andere Einkaufsquellen zur Verfügung.
Fazit: Laßt sie arbeiten!

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Hubert9065
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Alle Unternehmer...

.....gehören alle in den Knast, für mindestens sechs Monate. Dann würde der Staat keine Steuereinnahmen haben, dann würden die Politiker munter werden. Achja Herr ober Leitl, organisieren Sie einen Streik aller Betriebe in Österreich dann bekommt das System auch keine Steuern..... Und die Bürokratie hätte nichts zu tun..... Aber Sie Golfen ja mit dem System....

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soamist
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leitl ???????????????????

der herr oberkämmerer hätte es in der hand solch dubiose reglementierungen abzuschaffen.

stattdessen besucht er lieber öffentlichkeitswirksam mit drei fotografen im schlepptau die frau im gefängnis ....

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Kreutzbruck0
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Sie ...

... ist, wie fast alle ÖsterreicherInnen, auch eine Hypo-Zahlerin. Vielen Dank unseren Volksvertretern.

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Bearnard
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nun...

man stelle sich vor... alle bürokratischen Schikanen ausgesetzten Gewerbetreibenden würden die Ersatzstrafe antreten... die Bauwirtschaft würde vor Aufträgen aufblühen, unser Oberfinanzminustrer könnt eine Ersatzstrafensteuer einführen und Österreich wäre eine Oase.... naja, schräg ist der Gedanke schon... jedoch würde er die, durch uns gefütterten, Beamten "meglicherweise" zum Nachdenken bewegen.... nachdenken... nein, sorry, soweit schaffen die es nicht...
.
beste Grüße

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Kommentare 1-26 von 126

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