"Ich will den Sehenden die Augen öffnen"
In seinem Buch erzählt der blinde Extrembergsteiger Andy Holzer von seiner Art, die Welt wahrzunehmen. In "Balanceakt" begegnet der Tristacher auch Feindseligkeiten mancher Skeptiker, schildert den Umgang mit der Blindheit als Jugendlicher und die Freuden von Gipfelsiegen ohne Panoramablick.

Foto © KK/Holzer
Es gibt Geschichten, die das Vorstellungsvermögen herausfordern und Geschichten, die dieses gleichsam überfordern. Die Lebensgeschichte von Andy Holzer aus Tristach fällt in die zweite Kategorie. Der 44-jährige Osttiroler ist seit seiner Geburt blind. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, im Regelschulbetrieb erfolgreich zu sein, einen Brotberuf zu erlernen und auszuüben, und - was ihm heute weltweite mediale Beachtung und Anerkennung einbringt - Extremleistungen im Alpinsport zu vollbringen.
Unzählige Gipfel hat Holzer in den vergangenen 16 Jahren erklommen, darunter spektakuläre Gipfelsiege etwa am Kilimand-scharo (2005), am Elbrus (2006) oder am Aconcagua (2006) erlebt. Sein nächstes Ziel ist der Mount Vinson, mit 4892 Metern der höchste Gipfel der Antarktis. Wie kann ein blinder Mensch derartiges leisten? Ist Andy Holzer vielleicht gar nicht blind? Mit diesen Fragen war der Tristacher mehr als einmal konfrontiert. Nicht zuletzt, um diese Vermutungen auszuräumen, hat er nun ein Buch geschrieben. "Balanceakt. Blind auf die Gipfel der Welt", das soeben erschienen ist.
"Am Beginn meiner Bergsteigerambitionen haben kritische Stimmen gemeint, das funktioniere nicht, und gefragt, wie andere Bergsteiger mich überhaupt mitnehmen können, ich falle doch bestimmt herunter", erinnert sich Holzer, der inzwischen schon längst selbst Seilschaften anführt.
Zweifel an Blindheit
"Als sie dann gesehen haben, dass es doch geht, haben sie gemeint: Der ist ja gar nicht blind!", schildert Holzer seinen Werdegang. Die Zweifel nimmt er seinen Mitmenschen nicht übel. "Ich wäre selbst der erste Skeptiker." Mit seinem Buch wolle er ihnen und allen, die sich für das Bergsteigen und die Freuden, die ein Leben mit Handicap auch bieten kann, interessieren, näher- bringen, wie er als Blinder die Welt wahrnimmt. Zwar könne er, erklärt Holzer, der inzwischen ein äußerst gefragter Referent bei Firmenseminaren ist, nicht besser hören oder fühlen, weil er blind ist. Er könne aber mehr aus den Informationen, die ihm seine intakten Sinne mitteilen, holen.
Ausgeprägte Feinsinnigkeit
Auf diese Weise habe er seine Vorstellungskraft perfektioniert, so weit, dass er senkrechte Wände erklimmt und Wege findet, die man ihm zwar beschrieben hat, die er aber noch nie zuvor gegangen war. Bereits in jungen Jahren konnte Holzer mit seiner ausgeprägten Feinsinnigkeit und Verstandeskraft seinem Blindsein den alles bestimmenden Stellenwert rauben, den es im Leben vieler anderer Betroffener einnimmt: "Ich bin als Kind mit meinen Freunden auf Bäume geklettert, als ob nichts wäre. Auch weite Strecken mit dem Fahrrad habe ich in meiner Schulzeit zurückgelegt." Nach ein paar Stürzen hat er schließlich dennoch mit 18 Jahren das Fahrradfahren eingestellt.
Dass Holzer wie seine Freunde auch eine "normale" Volks- und Hauptschule besuchen durfte, erachtet er als großes Glück. "Ich hatte stets sehr engagierte Lehrer, die mir viel zugetraut haben", erinnert sich der Ausnahmesportler, der, wie seine Klassenkameraden, "ganz normal" rechnen und schreiben, aber nie die Blindenschrift gelernt hat.
Die erste Tour
Erst in der späteren Jugend seien ihm bedeutsame Konsequenzen seines Handicaps bewusst geworden, etwa beim Führerschein, den er nie machen konnte, aber auch beim eingeschränkten Spektrum an Berufen, das für ihn offenstand. Andy Holzer entschied sich für eine Ausbildung zum Heilmasseur und arbeitete anschließend im Bezirkskrankenhaus Lienz. Er hat auch eine musikalische Ader: Jahrelang spielte er beim "Dolomitenduo" und nebenbei entdeckte er die Leidenschaft für das Bergsteigen. "Einige Patienten, die ich massiert habe und denen ich von meinem Wunsch, einmal eine richtige Bergtour unternehmen zu wollen, erzählt habe, versprachen, mich mitzunehmen", so Holzer, der auf die Einlösung der Versprechen aber stets vergeblich gewartet hatte.
Als seine Eltern sahen, wie sehr ihn das verletzte, organisierten sie für ihren Sohn eine Tour mit einem erfahrenen Bergsteiger. "Hans Bruckner hat mich auf die große Sandspitze, den höchsten Gipfel der Lienzer Dolomiten, mitgenommen. Das war damals für mich der absolute Wahnsinn", erinnert sich Holzer und lacht: "Dass er zwei Tage davor aus Sorge nicht geschlafen hat, hat mir Hans erst danach erzählt."
Wie beim ersten Mal so werde Holzer auch heute noch gefragt, wie man sich über einen Gipfelsieg freuen könne, wo er doch nicht einmal das Panorama sehen könne. Der 44-jährige Neo-Autor macht es spannend: "Die Antwort darauf findet man in meinem Buch."
Features
Zur Person
Geboren. Andreas Josef "Andy" Holzer wurde am 3. September 1966 in Lienz geboren.
Ausbildung. Volks-, Haupt- und polytechnische Schule, danach Ausbildung zum Heilmasseur.
Buch. "Balanceakt" ist eine Autobiografie, kostet 20,60 Euro und ist im Buchhandel und bei Amazon erhältlich.















