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Offener Brief

Asylsituation: Initiative ruft zur Besonnenheit auf

300 Asylwerber sind im Bezirk beherbergt. Um auf ihre Situation aufmerksam zu machen, haben Aktivbürger nun einen offenen Brief verfasst. Rainer Brinskelle, Clemens Ticar

Flüchtlinge in Rosental
Flüchtlinge in Rosental © Katharina Pillmayr
 

Mehrere Initiativen und Aktivbürger nehmen sich im Bezirk Voitsberg der Integration von Asylwerbern, vor allem syrischer Kriegsflüchtlinge, an. Angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen ist das gesellschaftspolitisch wichtig – weil die Vorurteile gegenüber Fremden nicht abnehmen.

Besonders engagiert ist Dietmar Böhmer, Kurator der Evangelischen Kirche Voitsberg. Er hat die Plattform „MenschenRechteReligion“ ins Leben gerufen. „Es gibt einige beherzte Mitarbeiter in der Region, auch bei anderen Initiativen. Die Grundtendenz ist aber noch immer negativ“, weiß Böhmer. Man könne nicht verlangen, dass sich Asylwerber integrieren, ohne ihnen dabei zu helfen, etwa mit Deutschkursen, meint Böhmer.

Die negative Haltung würde unter anderem dazu führen, dass Flüchtlinge mit gültigem Aufenthaltstitel nach Wien abwandern. „Dort gibt es eine große arabische Community, wo alle in ihrer Subkultur leben“, erklärt Böhmer. Statt die Bildung eines Ghettos zu fördern, solle mehr zur Integration der Flüchtlinge hier im Bezirk getan werden.
Das alles bewog Böhmer dazu, im Namen von „MenschenRechteReligion“ einen offenen Brief zu verfassen (siehe unten).

Unter den 62 Unterstützerinnen und Unterstützern finden sich Vertreter der Evangelischen und der Katholischen Pfarre ebenso wie Aktivbürger. Schwierig sei es, politisch aktive Entscheidungsträger davon zu überzeugen, den offenen Brief zu unterschreiben. Tatsächlich haben nur Walter Friedrich, Bezirkssprecher der Grünen, und Johannes Schmid (SPÖ), Vizebürgermeister von Rosental, unterzeichnet.

Schmid ist auch einer jener Personen, die sich besonders für die Kriegsflüchtlinge engagieren. Der Kommunalpolitiker unterrichtet selbst Deutsch in Rosental. Und ist aktuell auf der Suche nach „pensionierten Lehrern oder anderen Menschen, die es sich das zutrauen“, den 37 neuen Asylwerbern in Rosental die deutsche Sprache zu lehren. Am 12. und 13. August gibt es in Rosental – koordiniert mit Flüchtlingsbetreuer Manfred Brenner, der mit den Asylwerbern in einem ehemaligen Hotel wohnt, – die Möglichkeit, Sachspenden abzugeben. Kleidung, Geschirr, Bettwäsche, Lesebücher für Anfänger und Schreibwaren werden an beiden Tagen von 18 bis 20 Uhr bei der Jugend- und Freizeitanlage in Rosental angenommen.

In Maria Lankowitz findet am 3. August um 18 Uhr ein öffentliches Treffen mit Flüchtlingen statt, um diese kennen zu lernen. „Wir planen jede Woche eine solche Veranstaltung in einem anderen Ort im Bezirk“, sagt Böhmer.

Allein im Juli ist die Zahl der im Bezirk Voitsberg untergebrachten Flüchtlinge um knapp 60 Menschen auf 294 gestiegen. Ein Großteil der Asylwerber befindet sich seit mehr als einem halben Jahr im Bezirk – abgeschlossen wurden aber erst wenige Asylverfahren.

Der offene Brief im Wortlaut

Wir Bürgerinnen und Bürger im Bezirk Voitsberg stehen vor großen Herausforderungen und sollten diese mit Mut und Herz anpacken. Eine dieser Herausforderungen ist das Thema Asyl.

Viele Flüchtlinge, die aus den syrischen und anderen Krisengebieten über gefährliche Wege zu uns gekommen sind, riskierten ihr Leben, um für ihre Familien und sich einen sicheren Ort zu finden, an dem sie weiterleben können.

Populisten rufen nach einfachen Scheinlösungen. Die Menschen, die zu uns gekommen sind, wieder fortzuschicken, ist dabei keine Möglichkeit. Wir haben uns dazu verfassungsrechtlich verpflichtet, verfolgten Menschen Schutz zu bieten. Unter anderem auch, weil Österreich in einer durch den Zweiten Weltkrieg verursachten Notsituation, geholfen wurde. Was wir tun können, ist die Potenziale dieser Region mit den Fähigkeiten der Menschen, die hierherkommen, zu verbinden und einen friedvollen Umgang miteinander zu pflegen. Geben wir den zu uns Geflüchteten und unserer Region eine Chance. Dieses Potenzial nicht zu nutzen, wäre eine Verschwendung.

Der Umgang mit anderen bereichert jeden persönlich, daher wollen wir hiermit ermutigen:
• Gehen Sie auf Asylwerber zu und nutzen Sie die vielen Gelegenheiten, mit ihnen ins Gespräch zu kommen.
• Unterstützen Sie Initiativen, die die Fähigkeiten und Erfahrungen der Asylwerber als Potenzial nutzen wollen.
• Ergreifen sie die Chance zu kulturellem Austausch, gewähren Sie den Schutzsuchenden Einsicht in unsere Kultur und lassen Sie sich vom Reichtum ihrer Kultur begeistern.

Der dänische Theologe und Philosoph Søren Kierkegaard sagte einmal: „Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden.“ Vieles ist im Nachgang weniger bedrohlich als es anfangs aussah. In dieselbe Kerbe schlägt auch der große Physiker Albert Einstein, wenn er schreibt: „Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.“

In diesem Sinne laden wir ein und wollen ermuntern, gemeinsam an einer besseren und lebenswerten Zukunft für uns alle zu arbeiten!

Dieser Brief wurde von (. . .) Personen bzw. Institutionen unterzeichnet. Auch Sie sind herzlich dazu eingeladen, ihn zu unterzeichnen.