Bezirk Voitsberg

Abschiebung droht: Hilfe für afghanische Familie

Eine afghanische Familie, die seit Dezember in Kainach untergebracht ist, muss das Land wieder verlassen. Es handle sich laut Bescheid um Wirtschafts-, nicht um Kriegsflüchtlinge. Von Rainer Brinskelle

Schwester Lima, Lehrerin Flecker und Alt-Dechant Buc mit den Mädchen Zahra, Hania und Fatima (von links)
Schwester Lima, Lehrerin Flecker und Alt-Dechant Buc mit den Mädchen Zahra, Hania und Fatima (von links) © Rainer Brinskelle
 

Mit Filzstiften zeichnen die Mädchen Fatima (9), Hania (7) und Zahra (4) auf Papier. Die Jüngste, die den Kindergarten in Kainach bei Voitsberg besucht, bastelt sich eine Krone. Nur beim Ausschneiden muss Ordensschwester Lima helfen, ehe sich das lachende Kind die Kopfbedeckung aufsetzt.

Die gute Stimmung unter den Kindern trügt allerdings, geknickt sitzen Mutter Mina (39) und Vater Nasim (41) am anderen Ende des Tisches. Sie haben vergangene Woche ihren Asylbescheid zugestellt bekommen. „Sie gelten als Wirtschaftsflüchtlinge, deswegen dürfen sie nicht bleiben“, erzählt Alt-Dechant Engelbert Buc. Und das, obwohl die Famili in ihrer Heimat verfolgt wurde, schildert Lima: „Taliban haben der Mutter ein Messer angesetzt, wobei sie Narben am Hals und an der Hand erlitten hat. Und Tochter Fatima wurde ins Feuer gestoßen. Aber das haben sie beim Asylamt wohl zu wenig begründet“, vermutet die Ordensschwester. Buc, Lima und die Volksschullehrerin Nina Flecker wollen heute mit der betroffenen Familie gegen den Bescheid Einspruch erheben. Lehrerin Flecker will sich zudem mit der Unterstützung weiterer Bürger dafür einsetzen, dass die Familie trotzdem bleiben darf.

So viele Flüchtlinge leben hier

Anfang Juli waren 243 Asylwerber im Bezirk Voitsberg beherbergt.

Die Flüchtlingsquote

  • Bärnbach: 6 Flüchtlinge; 1,06 Asylwerber pro 1000 Einwohner
  • Edelschrott: 13; 7,33/1000 EW
  • Kainach: 11; 6,55/1000 EW
  • Köflach: 76; 7/1000 EW
  • Ligist: 34; 10,54/1000 EW
  • Maria Lankowitz: 17; 5,82/1000 EW
  • Rosental: 26; 15,49/1000 EW
  • Söding-Johann: 24; 5,92/1000
  • Voitsberg: 36; 3,82/1000 EW

Keine Flüchtlinge beherbergen:

  • Geistthal-Södingberg
  • Hirschegg-Pack
  • Krottendorf-Gaisfeld
  • Mooskirchen
  • St. Martin/Wöllmißberg
  • Stallhofen

 

„Aufgrund ihrer Zugehörigkeit zum schiitischen Volksstamm der Hazara werden sie in ihrer Heimat dementsprechend verfolgt und diskriminiert. Auf die verschiedenen Minderheiten wird im Asylrecht aus meiner Sicht sowieso viel zu wenig eingegangen“, sagt Buc. Mutter Mina und ihre drei Töchter waren Anfang Dezember 2014 alleine nach Österreich gekommen, wo sie schließlich im Gasthof Lind in Kainach aufgenommen wurden. „Seit April war die Familie auf der Flucht, in Griechenland ist der Vater abhanden gekommen“, erzählt Schwester Lima. In den Asylzentren und mit Unterstützung des Roten Kreuzes wurde versucht, den 41-Jährigen ausfindig zu machen, alles ohne Erfolg. Als am 20. Februar dieses Jahres im Fernsehen ein Bericht über zwölf im Burgenland aufgegriffene Flüchtlinge aus Afghanistan lief, klammerte man sich an diesen Strohhalm. Und tatsächlich stellte sich heraus, dass Nasim unter den Männern war.

50 Seiten dicke Bescheide

In den Asylbescheiden der fünf Familienmitglieder wird etwa angeführt, dass die Beziehung zum Heimatland noch immer größer sei als zum Gastland Österreich. Auch die mangelnde Sprachkenntnis der Eltern wird in den amtlichen Schreiben, die jeweils rund 50 Seiten umfassen, als Argument angeführt.

Während die Eltern wortkarg am Tisch sitzen, fühlen sich die Töchter sichtlich wohl und unterhalten sich auf Deutsch. „Zahra, das jüngste Mädchen, ist kürzlich vom Kindergarten nach Hause gekommen und ich habe gesagt, sie müsse Hände waschen“, erzählt Schwester Lima. Darauf habe Zahra nur entgegnet: „Bei uns im Kindergarten heißt das aber ,Gemma Händ’ woschn’“, lacht Lima.