Köflach

"Diese Menschen kamen nicht aus dem Urwald"

Kritischer Beginn mit positivem Ende beim Begegnungsabend mit Asylwerbern in Köflach. Der große Andrang und die vielen Fragen zeigten, wie notwendig diese Veranstaltung war. Andrea Kratzer

Der Parrsaal in Köflach platzte aus allen Nähten
Der Parrsaal in Köflach platzte aus allen Nähten © Andrea Kratzer
 

Von allen Seiten strömen Leute in den Pfarrhof in Köflach, alle Stellflächen sind verparkt, aufgeregtes Stimmengemurmel ist aus den hell erleuchteten Räumen zu vernehmen. Die Einladung von Pfarrer Johannes Baier und Regierungskommissär Wilhelm Zagler zu einem Begegnungsabend mit syrischen Asylwerbern, die seit einem Monat in der Region untergebracht sind, hat gewirkt. Im Eingangsbereich begrüßt John Ankomah, der bei der Integration hilft, die Besucher. Einige der Flüchtlinge aus Syrien schleppen zusätzliche Sessel in den Saal.

Wilhelm Zagler und Johannes Baier
Wilhelm Zagler und Johannes Baier Foto © Andrea Kratzer

"Ich bin überwältigt und überrascht über so viele Besucher", sagt Pfarrer Johannes Baier und erklärt nochmals, dass es ihm darum gehe, Vorurteile abzubauen und Gerüchte aus der Welt zu schaffen.

Lebensmittel

Ähnlich äußert sich Zagler, der darauf hinweist, dass Asylwerber bereits in der Bibliothek gewesen seien, um Unterlagen zum Deutschlernen zu holen. "Wir werden einen Kurs in der Bibliothek anbieten." Außerdem werden derzeit keine Strafgelder für säumige Leser eingehoben, sondern die Menschen ersucht, stattdessen Lebensmittel für die Syrer abzugeben. Silke Valeskini moderiert und lässt zwei Asylwerber von ihren Schicksalen erzählen. Sandrine Fadainville vom BG und BRG Köflach übersetzt.

Die Wohnung muss ein Bett, einen Herd, eine Waschmaschine, einen Sessel und einen Tisch haben. Damit hat es sich schon. 

Walter Ferk, Jugend am Werk

Gleich zu Beginn die ersten Zwischenfragen, aus denen man die Verunsicherung einiger Bewohner spürt. "Warum sind nur Männer hier? Warum haben Sie ihre Familien zurückgelassen?" Die Asylwerber, allen voran Jan Saria, der schon länger in der Steiermark und Mitarbeiter von Jugend am Werk ist, schildert auf Deutsch die Zustände in Syrien. Dass Männer zum Kämpfen verpflichtet werden, von der einen oder anderen Seite. Vom Verkauf des Hab und Guts, um die Schlepper bezahlen zu können. Von Fischkuttern für 40 Personen, auf die 400 gepfercht werden. Von den Frauen und Kindern, die in Flüchtlingscamps in der Türkei ausharren müssen. Die Männer werden auch dort von der IS geholt und in den Krieg geschickt. Und vom monatelangen gefährlichen Fußmarsch der Männer, der für Kinder zu beschwerlich ist, in die Freiheit. Bis zum Aufgriff durch die Polizei in Österreich.

Kalter Schauer

Die Temperatur im Pfarrsaal steigt, bei mancher Wortmeldung läuft vielen dennoch ein kalter Schauer über den Rücken. "Unsere Männer würden uns nicht im Stich lassen", ruft jemand im Publikum. Lauter Protest von Andersdenkenden, schließlich sei es leicht, etwas zu behaupten, wenn man nicht in so einer schlimmen Lage sei. Andere fühlen sich unwohl, wenn ihnen eine Gruppe der Syrer in der Stadt begegnet.

Wir wollen arbeiten, wir sind bereit, alles zu machen. Bitte helft uns und unseren Familien. 

Asylwerber aus Syrien

Mario Krug und sein Team von der Polizeiinspektion Köflach wurden mit Anrufen bombardiert: "Die Männer schleichen ums Gymnasium und sind hinter den Mädchen her." Die Wahrheit schaut anders aus: Die Syrer dürfen den Turnsaal auf Initiative von Walter Friedrich zum Sporteln benutzen.

Begegnungsabend mit Asylwerbern aus Syrien
Begegnungsabend mit Asylwerbern aus Syrien Foto © Andrea Kratzer

Den meisten Applaus erntet eine Köflacherin, die begeistert von ihren neuen Nachbarn erzählt. "Wir nennen uns Christen und spielen die Herbergssuche nach. Für mich waren heuer die schönsten Weihnachten, weil wir von den Asylwerbern so viel zurückbekommen. Sie haben sogar gekocht für uns und sind so gastfreundlich." Das Pendel schlägt um, weitere positive Wortmeldungen folgen. "Ich glaube nicht, dass irgendjemand hier im Saal ein Lebensmittel weniger im Kühlschrank hat oder ein Kleidungsstück weniger im Kasten, weil wir Flüchtlinge aufnehmen."

Für mich waren heuer die schönsten Weihnachten, weil wir von den Asylwerbern so viel zurückbekommen. Sie haben sogar gekocht für uns und sind so gastfreundlich. 

Eine Köflacherin

Auch in Richtung "Neid- und Hetzfraktion" erfolgt schonungslose Aufklärung. Es stimmt nicht, dass Asylfamilien rund 3500 Euro im Monat bekommen, oder die Wohnungen mit Geschirrspülern ausgestattet sind. Gerda Jansche vom Land Steiermark, Walter Ferk, Geschäftsführer von Jugend am Werk und Karl Petinger sind am Podium mit Umsicht bemüht, alle Fragen zu beantworten. "Asylwerber, die sich selbst verpflegen, bekommen 110 Euro im Monat und 40 Euro Taschengeld", so Jansche, die auch klar macht, dass die Nachholung der Familien nicht vom Staat oder Steuerzahler, sondern von den Asylwerbern zu bezahlen ist.

Wunschliste

Hilfsaktionen für die Asylwerber in der Region werden von
Jugend am Werk in Voitsberg koordiniert. Ansprechpartner Elke Maurer Tel. 0664-
800 06 46 60 und John Ankomah Tel. 0664 -80006 4683.

Wunschliste: Benötigt werden Lebensmittel wie Öl, Olivenöl, Reis, Nudeln, Kichererbsen, Bohnen, grüne Bohnen in der Dose oder getrocknete Bohnen. Weiters Mehl, Zucker, Salz, schwarzer Tee oder Hygieneartikel wie Shampoo, Seife, Zahnpasta. Rasierer, Waschpulver und Reinigungsmittel.

Aktivitäten. Vereine oder Privatpersonen können sich bei Elke Maurer melden, wenn sie Aktivitäten anbietenmöchten. Hans-Peter Stangl lädt die Asylwerber zum Nordic Walking ein.

Gesucht werden außerdem noch warme Männerbekleidung und Schuhe sowie alte Fahrräder für mehr Mobilität.

Grundversorgung. Nähere Informationen über die Grundversorgung vom Land: www.soziales.steiermark.at

Hannerl Wascher, Quartiergeberin für sechs Syrer in Maria Lankowitz, berichtet von ihren positiven Erfahrungen, von Nachbarn, die Apfelstrudel bringen. "Diese Menschen hatten ein Vorleben, sie kamen nicht aus dem Urwald heraus. Wir sind Christen und das sollen wir auch einlösen."

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monika2812
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Lesenswert?

Pfarrhäuser

Bin schon sehr neugierig was in einem Jahr über das selbe Thema geschrieben wird. Mein Vorschlag wäre einmal die großen Pfarrhäuser im Bezirk für Asylwerbern zu nutzen. Dürfte ja kein Problem sein bei so viel Nächstenliebe oder?

Antworten

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