Sparbudget: Mobile Dienste ausgehöhlt
Folgen der neuen Verordnung: Das Maß der Betreuungsstunden werde so reduziert, dass es insbesondere im Behindertenbereich auf einen Kahlschlag hinauslaufe, sagt der Dachverband.

Foto © Kanizaj
Es werden keine Leistungen abgeschafft, hatte Soziallandesrat Siegfried Schrittwieser angekündigt. Es werde nur beim Stundenausmaß gespart.
Sprecher der Dachverbände von Behindertenhilfe und Jugendwohlfahrtsträgern illustrierten am Freitag die Auswirkungen. Die Assistenzleistungen würden durch das geringe Stundenausmaß de facto ausgehöhlt. 15 Stunden Freizeitassistenz pro Jahr sei keine echte Hilfe. Die Familienentlastung werde bei niedrigen Pflegestufen sowie wenn die Betreuungsperson nicht arbeite, überhaupt abgeschafft, sagt Thomas Driessen.
Dennoch will der Geschäftsführer der Organisation Alpha Nova nicht nur pessimistisch sein. Das Gespräch der Vertreter des Behindertendachverbandes mit Soziallandesrat Siegfried Schrittwieser am Donnerstag sei ohne weitere gegenseitige verbale Verletzungen verlaufen: "Es gibt Gesprächsbereitschaft. Es kann ja auch nicht im Interesse des Landes liegen, dass die Einrichtungen alle schließen müssen, dass die Betroffenen keine Leistungen mehr bekommen."
Man verstehe, dass gespart werden müsse, aber die Folgen für einzelne Betroffene seien unverhältnismäßig (siehe auch unsere Beispiele oben).
Schrittwieser habe Einzelfälle herausgegriffen, wo unsauber gearbeitet wurde (überhöhte Kilometerabrechnungen), "und da sind wir die Ersten, die sagen, weg mit dem Verein". Aber dort seien keine 22 Millionen Euro zu holen. "Wir bleiben im Gespräch. Das ist jetzt das Allerwichtigste."
Gerhard Zückert, Betriebsrat bei Alpha Nova, geht es nicht nur um die bedrohten Arbeitsplätze, sondern auch um die Arbeitsbedingungen jener, die bleiben. Wenn wegen der reduzierten Personalschlüssel zu wenig Personal übrig bleibe, um mit betreuungsintensiven, aggressiven Klienten zurande zu kommen, dann werde es zu gefährlich, auch für die Arbeitnehmer. Dann müsse man die Einrichtungen schließen, denn sonst sei der nächste Pflegeskandal programmiert. Noch dazu, wo die Folge von Lainz, die regelmäßige Supervision, bei der die Betreuer den Druck abbauen könnten, auch beschnitten werde.
In Weiz gingen gestern 800 Betroffene und Unterstützer auf die Straße, um insbesondere gegen die Stundenkürzungen bei der Familienentlastung zu protestieren. Sie fordern ein Gespräch mit Landesrat Schrittwieser und kündigten bereits eine weitere Demo an.
Features
Kommentar
Familienentlastung
Der Familienentlastungsdienst ist künftig an Pflegestufe, Ausmaß der außerhäuslichen Betreuung und Berufstätigkeit der Betreuungsperson gekoppelt.
Im Fall einer Familie mit einem fünfjährigen schwer autistischen Kind, das halbtags in einen Kindergarten geht, bedeutet das, dass bisher 600 Jahresstunden
Familienentlastung zuerkannt wurden, künftig nur noch 78. Autistische Kinder sind betreuungsaufwendig.
Im Fall dieser Familie ist die Mutter nicht berufstätig, da ihre volle Aufmerksamkeit für das Kind gefordert ist. Das Kind ist aber nicht bettlägerig. Es kann selber aufs Klo gehen, essen, etc. Der Familie wurde für das Kind daher nur Pflegestufe 3 zuerkannt. Bei Pflegestufe 3 stehen hier nur noch 78 Jahresstunden zu.
Wohnassistenz
Die Wohnassistenz wurde von einer Dauerbetreuung zu einer "Startleistung". Wenn jemand ständig Hilfe benötigt, hat er keinen Anspruch mehr.
Herr R., Mitte 40, leidet seit einem Unfall an halbseitiger Lähmung und an einer Hirnverletzung. Er wird derzeit täglich betreut, weil er gewisse Dinge nicht machen kann (Frühstück vorbereiten, Wählen am Telefon, etc.) sowie zu Aggressivität gegen sich und andere neigt. Wird ihm die Assistenz nicht mehr finanziert, muss er in ein Heim.
Junge Behinderte, vor allem auch Körperbehinderte, haben die begründete Angst, künftig wieder in Altersheime abgeschoben zu werden.
Auch in der Jugendfürsorge wurden die Sätze für mobil betreutes Wohnen radikal gekürzt.
Fotoserie
Freizeitassistenz
Bisher wurden bei der Freizeitassistenz den Klienten im Schnitt 240 Jahresstunden zuerkannt, künftig ist dies das Höchstmaß. Die tatsächlichen Stunden sind abhängig von der Pflegestufe und vom Ausmaß der außerhäuslichen Betreuung. Viele Klienten kommen nur noch auf 15 Stunden im Jahr!
Frau E. hat eine autistische Tochter, die 33 Stunden in einer Tageswerkstätte betreut wird. Frau E. ist Frühpensionistin, als Folge der Überanstrengung bei der Betreuung (vom Amtsarzt attestiert). Die Freizeitassistenz ist wichtig, damit die autistische Tochter möglichst lange an die reale Welt angedockt bleibt. Bisher gab es 240 Stunden, künftig nur noch 60 Stunden pro Jahr.
Personal
Bei der Betreuung stark Verhaltensauffälliger und Schwerstbehinderter wurde bisher - erfolgreich - auf Kleingruppen gesetzt. Insbesondere das Aggressionspotenzial konnte damit gemindert werden. Dennoch sind die Arbeitsbedingungen für die Betreuer hart: Im Schnitt dreimal pro Woche gebe es auf die Betreuer derzeit in einer dieser Einrichtungen "schwere Übergriffe", berichtet Alpha Nova-Betriebsrat Gerhard Zückert.
Jetzt wird der Personalschlüssel um 22 bis 37,5 Prozent reduziert, das Zusatzpersonal werde gestrichen, die Gruppen müssten vergrößert werden. Gleichzeitig werden die regelmäßigen Teamsitzungen und Supervisionen abgeschafft. Es entstehe "ein enormer Druck".









