Ludwig Hirsch - Graue Lieder, schwarze Vögel
Vor 30 Jahren, als der Austropop noch wohlauf war, schrieb Ludwig Hirsch die "Dunkelgrauen Lieder". Ein Interview über Leben, Tod, und Watschen.

Foto © APA/ORF ('50 Jahre Austropop')Geschichtenerzähler, Poet, Musiker: Hirsch
Es ist erschreckend, wie zeitlos die Themen ihrer "Dunkelgrauen Lieder", 1978 erschienen, sind: Faschismus, Kindesmissbrauch, die Suche nach Sündenböcken, Ausgrenzung. Ändert sich denn nie etwas?
LUDWIG HIRSCH: Ich bin selbst überrascht, dass die alten Sachen heute oft aktueller sind, als sie es damals waren. Na ja, ist mir halt einfach passiert.
Und wie genau passiert einem ein Meisterwerk des Austropop?
HIRSCH: Da muss man meine Lebenssituation damals sehen. Ich absolvierte die Schauspielschule in Wien, ging dann drei Jahre nach Deutschland, arbeitete unter anderen mit Luc Bondy zusammen - und diese drei Jahre waren eine unglaublich aufregende, spannende, lustige, verrückte Zeit. Dann wurde ich an das Theater in der Josefstadt engagiert. Und dieses Zurückkommen nach Wien war so schrecklich. Diese Zentralfriedhofatmosphäre, dieses Grau über der Stadt, das hat mich total niedergedrückt. Für all das habe ich ein Ventil gesucht. Ich wollte noch grauer sein, als diese Stadt auf mich wirkte. Also habe ich die Dunkelgrauen Lieder geschrieben - als Ohrfeige zurück an Wien.
Und die Hörer haben diese Ohrfeigen geliebt.
HIRSCH: Vielleicht auch deshalb, weil ich nie laut auf den Tisch geschlagen habe. Aber die Menschen einlullen und ihnen dann ein bissl in den Hintern zwicken, das mache ich schon gern.
Auf ihrer Homepage findet sich der, pardon, etwas blöde Satz, Sie seien eine Mischung aus Jesus, Rambo, Mutter Theresa und Karl Valentin.
HIRSCH: Ja, blöd! Das ist eine Fanseite. Was habe ich mit dem Rambo am Hut? Oder mit dem Jesus?
Wie gefällt Ihnen denn meine Schublade? Für mich sind Sie eher eine Mischung aus Johann Nestroy und Randy Newman.
HIRSCH: Ja, das gefällt mir schon besser! Bei diesem Vergleich fühle ich mich viel wohler.
Der große schwarze Vogel, Titel ihrer zweiten Platte, ist als "Selbstmord-Hymne" berühmt-berüchtigt geworden. . .
HIRSCH: Nein, nein, nicht Selbstmord! Ich werd' Ihnen sagen, wie das Lied entstanden ist: Eine liebe Freundin von mir hatte einen Unfall, war ab dem Hals gelähmt, hing an tausend Schläuchen. Und irgendwann hat sie versucht, sich diese Schläuche mit dem Mund - etwas anderes konnte sie nicht mehr bewegen - aus dem Leib zu ziehen. Sie wollte einfach nur weg. Für diese entzückende, liebe Frau, die Elisabeth, habe ich damals dieses Lied geschrieben.
Kurz zurück zu den Watschen: Wem würden Sie denn heute gerne welche verabreichen?
HIRSCH: Nur mir selbst, ab und zu ein kleines Ohrreiberl. Die großen Ohrfeigen an die anderen, die habe ich schon ausgeteilt.
Features
Zur Person
Ludwig Hirsch wurde am 28. Februar 1946 in Weinberg/Steiermark geboren.
CD: Eine auf 1000 Stück limitierte 12 CD/DVD-Box mit allen Werken erscheint am 12. November.
Live: 17. November 20 Uhr im Kunsthaus Weiz. Karten: Tel. 0820 875 875 11.
Konzerte
Open
Air-Auftritte mag Hirsch weniger - und "man kann fast keine mehr
spielen: Da gibt es strahlenden Sonnenschein, und sofort ist wieder
ein Gewitter da", so Hirsch über seine negativen Erfahrungen mit den
Un-
wettern im Sommer .








