Giraffensprache hört aufs Herz
Seit September steht die Welt der Pädagoginnen im Kindergarten Krottendorf Kopf: Seit eine Trainerin mit ihnen die "Giraffensprache" übt, gehen sie komplett anders mit den Kindern um.

Foto © BergerAn diesem Tag üben auch die Kinder einmal die "Giraffensprache" ihrer Pädagoginnen: Sie fragen Karin Riedler mithilfe der Kärtchen oben, ob sie "wütend", "traurig" oder "enttäuscht" ist, weil eine Goldkugel aus ihrem Bastelstübchen verschwunden ist
Im Kindergarten Krottendorf, irgendwann vor September 2011: Zwei Kinder streiten, eines beginnt zu weinen. Die Kindergartenpädagogin mischt sich ein, versucht zu vermitteln, den Streit zu schlichten.
Im selben Kindergarten, seit September 2011: Wenn ein Kind weint, stellt die Pädagogin nicht mehr den vermeintlich "Schuldigen" zur Rede, sondern fragt das weinende Kind, wie es ihm geht. "Ein ,Wie geht es dir?' reicht aber nicht, man muss dem Kind ein Angebot an Gefühlen machen", erklärt Kindergartenleiterin Karin Riedler. Also kramt sie in der eingeübten "Gefühlskiste" in ihrem Kopf - von "ärgerlich" und "besorgt" bis "unsicher" und "verzweifelt" - und fragt zum Beispiel: "Bist du traurig, weil du dir einen freundlichen Umgang wünschst?" Oder: "Bist du genervt, weil du deine Ruhe haben möchtest?"
Großes Herz
Auf diese Weise werde das Kind, der Mensch, mit seinen wahren Bedürfnissen gehört - und das allein löse oft schon das Problem. "Gerade in diesem Alter reicht es meistens schon, wenn die Kinder das Gefühl haben, gesehen und ernst genommen zu werden", erklärt Rosemarie Höller (siehe Interview rechts). Sie ist Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation - auch "Sprache des Herzens" oder "Giraffensprache" genannt, weil die Giraffe das Landtier mit dem größten Herzen ist.
Einmal im Monat kommt Höller auf Initiative der Gemeinde in den Krottendorfer Kindergarten, um mit den Pädagoginnen zu arbeiten. "Es ist so eine Bereicherung, noch so viel Neues lernen zu dürfen", schwärmt Riedler - obwohl ihre ganze Welt seither Kopf stehe. "32 Jahre lang lobst du die Kinder wegen jeder Kleinigkeit, und auf einmal lernen wir, das nicht zu tun. Denn jedes Mal, wenn du jemanden lobst, setzt du jemand anderen hinunter", erklärt sie.
Kurz darauf wird klar, was sie meint: Mehrere Kinder, verkleidet als Prinzessinnen, Tiger und Spiderman, betreten den Raum. Der Spiderman strahlt bis über beide Ohren: "Schau mich einmal an!" Karin Riedler verkneift sich das "Bist du aber fesch" und fragt stattdessen: "Bist du jetzt stolz?"
"Mit dieser Methode haben wir gelernt und lernen immer noch, auf die Gefühle der Kinder zu hören", sagen Riedler und ihre Kolleginnen. Und die mühevolle Umstellung scheint Früchte zu tragen: "Man merkt zum Beispiel schon jetzt deutlich, dass die Kinder nicht mehr so oft petzen kommen wie früher und viel mehr unter sich selbst ausmachen", sagt Riedler.







