"Es war, als ob die Welt untergeht"
Es war 18 Uhr, als am Samstag in der Kleinsölk die Katastrophe losbrach. 55 Menschen mussten ausgeflogen werden, Muren richteten riesige Verwüstungen an. Stein an der Enns wurde überflutet.
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Es war wirklich, als ob die Welt untergeht. Ausgewachsene Bäume hat's geknickt wie Zündhölzer, rund um die Hütte sind an die 20 Muren runtergedonnert, die ganze Alm war ein einziger Bach." Im Gesicht des Liezener Tischlers Thomas Mayr mischt sich der Schock des Erlebten mit der Erleichterung, sich und seine Familie in Sicherheit zu wissen. Seit 37 Jahren hat seine Familie eine Hütte auf der Breitlahnalm im Talschluss der Kleinsölk. "Ich hab' schon viele Unwetter da drin erlebt," erzählt Mayr, "aber gegen das war alles nix."
Um 18 Uhr brach das Unwetter los, fast drei Stunden lang tobte das Gewitter. Geröll, Felsen und Bäume wälzten sich über die steilen Hänge Richtung Alm. "Es war ein Krach, das kann sich niemand vorstellen", schildert eine Bekannte der Familie, "wir waren heilfroh, dass das Ganze wenigstens noch bei Tageslicht war. Wenn du das im Stockfinstern erlebst, drehst wahrscheinlich durch."
Gut 100 Liter waren es pro Quadratmeter, die in vier Stunden auf das Gebiet niederdonnerten, 50 Liter davon alleine in den ersten 40 Minuten.
Nach 21 Uhr, als sich auf der Breitlahnalm die Lage halbwegs entspannte, brach am Eingang des Tales in Stein an der Enns das Chaos los. Riesige Mengen Geröll und Holz hatten sich an einem Fußgängersteg verklaust und stauten den hochwasserführenden Bach. Kurz vor 21.30 Uhr walzte eine Flutwelle durch den Ort, überflutete mehr als 40 Keller und begrub ganze Ortsteile unter Schlamm und Geröll.
Birgit Höflehner war noch Minuten zuvor in ihrem Garten: "Ich bin grade reingekommen, schau beim Fenster raus und seh' noch, wie die Wassermassen daherkommen. Ich hab' nur mehr geschaut, dass ich die wichtigsten Sachen in Sicherheit bringe und hab' meine Buben angerufen. Die sind beide bei der Feuerwehr." Sonntag früh blieb Birgit Höflehner und ihrem Lebensgefährten Stefan Moser nur, wenigstens den ärgsten Schlamm zu beseitigen. "Wir sind erst im April eingezogen und haben gestern noch den Garten fotografiert, weil alles so schön beieinander war. Und jetzt das."
Feuerwehr im Dauerstress
Insgesamt an die 600 Mann der Freiwilligen Feuerwehren des Bezirkes Liezen kämpften die ganze Nacht in Stein an der Enns gegen die Fluten, beseitigten Geröll und Schlamm und pumpten mehr als 40 Keller aus. Und klarerweise taten auch die Bewohner von Stein an der Enns die ganze Nacht kein Auge zu, stemmten sich gemeinsam mit den Einsatzkräften gegen das Chaos.
Während im Ort noch die Aufräumungsarbeiten im Gang waren, organisierte der Krisenstab unter der Leitung von Kurt Kalcher, dem obersten Katastrophenschützer des Landes, die ersten Erkundungsflüge in die Kleinsölk: "Oberste Priorität hatte, sich erst einmal ein exaktes Bild der Lage zu verschaffen, zu sehen, ob es Vermisste, oder Verletzte gibt."
An die 60 Menschen waren auf den Almen der Kleinsölk durch Muren eingeschlossen. Stundenlang bangten Angehörige und Freunde um Vermisste, bis von der Einsatzleitung am Nachmittag die erlösende Botschaft kam: Alle Vermissten wurden gefunden, es sind keine Opfer zu beklagen. 55 mussten mit Hubschraubern des Bundesheeres und des Innenministeriums ausgeflogen werden. Sie wurden vom Roten Kreuz in Empfang genommen, registriert und von Psychologen betreut. Rot-Kreuz-Einsatzleiter Albin Hubner: "Die Evakuierten, vor allem die Kinder wurden vom Kriseninterventionsteam des Roten Kreuzes übernommen und betreut."
Auch in den umliegenden Gemeinden kam es zu Verwüstungen. Die B 320 wurde wegen Überflutungen bei St. Martin gesperrt, eine Mure verschüttete Garagen in Gröbming-Winkel, in denen ausgerechnet die Ausrüstung des Katastrophenzugs der Feuerwehr untergebracht ist. Schweres Gerät wurde zum Räumen angefordert. Am späteren Abend standen allein im Bezirk Liezen 40 Feuerwehren im Einsatz. "Überall sind Bäume umgestürzt, stehen Keller unter Wasser", berichtet Pressesprecher Christoph Schlüßlmayer. In Pruggern wurden im Raum Sattental fünf Brücken durch Muren weggerissen. Die Wasserleitung wurde in einem Bereich von 100 Metern unterbrochen, die Bewohner sind derzeit ohne Trinkwasserversorgung.
Katastrophenalarm
Katastrophenalarm gab es auch in Trieben. Im Raum Dietamannsdorf wurden zahlreiche Keller überflutet. In Lassing wurde im Bereich Fuchslucken die Straße durch einen Murenabgang kurzfristig gesperrt.
Leoben und Knittelfeld
Mehr als tausend Mann der Feuerwehr standen steiermarkweit seit Samstagnacht im Unwettereinsatz. Die meisten von ihnen im Ennstal, doch viele auch in den Bezirken Leoben und Knittelfeld, wo zahlreiche Bäche über die Ufer traten, Straßen überflutet wurden und Muren abgingen.
Besonders dramatisch war die Situation in Kaisersberg bei St. Stefan ob Leoben, wo nicht nur die Südbahnstrecke und die Landesstraße 518 unpassierbar wurden, sondern sich ein Bach einen Weg direkt durch den Ort bahnte und eine Brücke wegriss. Mehrere Wohnhäuser mussten evakuiert werden. Eine 80-jährige Pensionistin, deren Haus von den Wassermassen überflutet wurde, musste mittels Traktor geborgen werden. In Feistritz im Bezirk Knittelfeld wurde bei einem Stallgebäude der Dachstuhl weggerissen, in Seckau stand der Keller des Gemeindeamtes einen knappen Meter unter Wasser. In Sachendorf schlug ein Blitz in ein Trafogebäude ein und bescherte den Estag-Technikern eine lange Arbeitsnacht.
Südbahnstrecke verschüttet
Mann des Tages war Josef Lieber, Chef der Asfinag Knittelfeld, der in Kaisersberg einen Bachlauf kontrollierte und dabei eine total vermurte Gleisanlage der ÖBB Südbahnstrecke entdeckte. Als Lieber das Streckensignal von rot auf grün springe sah reagierte er sofort und lief dem kommenden Personenzug entgegen. "Ich habe gewunken und mit meiner Taschenlampe geleuchtet und der Zugsführer hat auch prompt eine Schnellbremsung eingeleitet", so Lieber. So wurde zwar die Lok beschädigt aber es wurde kein Mensch verletzt.
Einsätze in Kapfenberg.
Auch die Feuerwehr Kapfenberg-Diemlach musste nach dem Unwetter ausrücken. Mehrere Keller und Straßen standen bis zu einem Meter unter Wasser. Zwei Eisenbahnunterführungen mussten ausgepumpt werden. Zwei Muren blockierten Zufahrtsstraßen und das örtliche Einkaufzentrum stand mehrere Zentimeter unter Wasser.


















