Sommer auf der Alm
1900 steirische Almen sind bewirtschaftet. Auch die Viehbergalm bei Gröbming. Ein Abstecher zur Ritzingerhütte, wo Steirerkas selbst gemacht wird und der Kaffee einen Schuss hat.

Foto © MARIJA KANIZAJ Volles Haus. Marianne und Matthias Gruber mit Enkel Paul und den beiden Praktikantinnen
Die Murmeltiere pfeifen uns was. Aber ganz offensichtlich gehören wir nicht in die Kategorie wirkliche Bedrohung: Rotzfrech bleibt eines genau vor der Hütte vis-à-vis sitzen - und schaut möglicherweise ebenso neugierig zu uns herüber wie wir zu ihm. Ganz lässt sich das allerdings nicht klären. Nicht einmal mit dem Feldstecher.
Wurscht. Oder eigentlich Käse. Denn genau der ist die Spezialität da heroben in 1445 Meter Höhe. Bei der Ritzingerhütte auf der über 1000 Hektar großen Viehbergalm gibt's Ennstaler Steirerkas. Den bröseligen. Selbst gemacht von Marianne Gruber (57) oder einer ihrer Praktikantinnen, die im Winter die Schulbank drücken und im Sommer am Ritzingerhof in Gröbming bzw. auf der Viehbergalm ihre Pflichtpraktika absolvieren. Christina heißen die zwei, die heuer da sind. Beide. Die eine kommt aus dem Waldviertel, die andere ist im Raum Baden daheim.
Käsen gehört dazu. Ebenso wie Butter machen. Und all die anderen Köstlichkeiten, die auf der schwarzen Tafel vor der Eingangstür angeschrieben sind. Steirerkrapfen, Krapfen mit Marmelade (selbst getestet, mmmmhhhh), Melissensaft und und und.
Zwar nicht zum Essen, aber doch zum Anbeißen ist der Nachsatz auf der "Karte": "Leben, Lieben, Lachen". Dem ist nichts hinzuzufügen.
Obwohl: Ein bisserl etwas schon. Schließlich sind wir deshalb ja heroben bei Marianne Gruber, die uns einen Almkaffee aufwarten würd' - aber Schnaps am frühen Nachmittag? Da sollte man schon etwas dafür getan haben. So wie sie: Gruppenweise kommen Wanderer herauf - Griaß Gott! -, immer wieder steigen Mountainbiker ab. Die Viehbergalm - acht Bauern haben da ihre Hütten - ist die erste Station auf der Dachsteinrunde und liegt auch am Dachsteinrundwanderweg. Da bleibt so mancher Sportler auch über Nacht. In einer eigenen Hütte mit acht Betten.
Eigens steht auch die Hütte mit der modernen Käserei. Alles neu: "Wir haben gewaltig viel investiert, das war ein großer Schritt", sagt die Bäuerin. Die ursprünglich aus Weißenbach bei Haus stammt und am Ritzingerhof eingeheiratet hat - einem Hof, der schon bei der Gründung des Stifts Admont urkundlich erwähnt worden ist. 1074, also vor fast 1000 Jahren. Es kommt nicht ohne Stolz. Verständlich.
Die Hütte selbst gibt's "auch schon 500 Jahre oder länger" - zwischendurch war aber nur noch das Jungvieh oben, bewirtschaftet wurde sie nicht mehr. Bis "die zwei Dirndln", die Töchter Bernadette und Birgit (Sohn Matthias führt mittlerweile den Hof), in ihren Ferien "die Almwirtschaft vor 15 Jahren wiederbelebt haben". Und dann eines Tages zur Mutter gesagt haben: "Jetzt tust du weiter."
Von den Dirndln lernte die Frau Mama das Käsen - und jetzt kommt sie schon seit elf Jahren selbst herauf. Von Anfang Juni bis Anfang September. Mit 40 Stück Jungvieh und zwei Milchkühen, die die Grundlage für Butter und Steirerkas liefern. Die Gäste wissen's zu schätzen. Und "wenn Butter übrig bleibt, kommt sie in den Bauernladen nach Gröbming".
Dafür sorgt Ehemann Matthias "Hias" Gruber (66), der nicht nur regelmäßig mit allem, was gebraucht wird, über die neuneinhalb Kilometer lange Forststraße herauffährt, sondern heroben auch alles macht, was handwerkliches Geschick erfordert. Und alle zwei Wochen fährt die Bäuerin für einen Tag mit ihm hinunter. Dann halten die Praktikantinnen zu zweit die Stellung.
So ein Tag auf der Alm fängt früh an. Um 5 Uhr, erzählt Marianne Gruber, steht sie selbst auf. Einheizen, z'sammräumen, dann in den Stall zum Melken, schließlich kommen Käse oder Butter dran. In weißer Schürze mit Kopftuch, streng nach Vorschrift.
Um 7 Uhr ist Tagwache für die Praktikantin - dann kommen auch die Gäste schon zum Frühstück. Und während die sich wieder aufs Radl schwingen, werden die Krapfen gemacht. Die Weizenkrapfen und die Roggenen. Bis die ersten Wanderer heroben sind (eineinhalb Stunden geht man), sollten sie fertig sein.
Heraußen ist's etwas kühler geworden, drinnen in der Hütte sind alle Tische besetzt. Es wird gejausnet, getratscht - und kurz hat auch die Wirtin Zeit, sich dazuzusetzen. Lang nicht. "Wenn sie sich zuwasetzt zum Essen, steht sie garantiert nach zwei Minuten auf", lacht Hias Gruber.
Zuerst die Wanderer, dann die Übernachter. Abendessen, z'ammsitzen, reden, lachen, spielen. Für Gaudi etwa sorgt das Hui-Rad: Mit einem Holzstab wird der Propeller eines anderen zum Drehen gebracht. Wenn man weiß, wie's geht. Enkel Paul, für ein paar Tage auf der Alm, ist gnädig: Auch wir werden in das Geheimnis eingeweiht . . .
"10 wird's am Abend schon", erzählt Marianne Gruber. "Je nachdem, wie müde die Radler sind." Sie selbst ist den langen Tag längst "gewöhnt, sind eh noch sieben Stunden" bis zum Aufstehen.
Drei Monate auf der Alm. Bei Wind und Wetter, das schon auch seine kalten Seiten zeigen kann. Einmal im Monat, erzählt Matthias Gruber, schneit's, es ist auch schon vorgekommen, dass das Vieh vorzeitig hinuntergebracht werden musste. Oder dass der Blitz ein Kalb erschlug. "Das gehört dazu. Fürchten darf man sich keinen Deka."
Tut die Bäuerin aber eh nicht. Von Kind auf sei sie schon gern auf der Alm gewesen. Und sie wird da heroben bleiben. "So lange ich kann."
Features
FAKTEN
. . . dass es in der Steiermark 1921 "bestoßene" Almen gibt?
. . . dass sich 191 Agrargemeinschaften zusammengetan haben?
. . . dass 5796 Bauern ihr Vieh auf die Alm bringen?
. . . dass die Almen-Gesamtfläche 153.420 Hektar beträgt, die Futterfläche 48.037 Hektar?
. . . dass 50.236 Stück Vieh im Sommer auf der Alm sind?
. . . dass 48.824 Rinder hinaufgetrieben werden - allerdings nur 1403 Milchkühe? Damit unterscheidet sich die Grüne Mark beispielsweise von Salzburg, wo es viel mehr Milchalmen gibt
. . . dass sich die Strukturen aber auch in der Steiermark verändern? Gerade mit dem Tourismus gibt es immer mehr Almen etwa im Ennstal oder Ausseerland, erklärt Rosemarie Wilhelm von der Landwirtschaftskammer, die Milchprodukte selbst erzeugen und anbieten.
. . . dass auch 7822 Schafe, 900 Pferde und 102 Ziegen aufgetrieben werden?
. . . dass die prominentesten Almgäste die Lipizzaner aus Piber sind?













