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Zuletzt aktualisiert: 03.01.2009 um 20:38 UhrKommentare

Als die Grenze plötzlich mitten durchs Land ging

November 1918 in der Steiermark - Ende der alten Monarchie und Beginn der neuen Republik. Wie dieser Umbruch ablief und unsere Heimat in zwei Teile spaltete, macht eine Ausstellung im Landesarchiv sichtbar.

St. Lorenzen - ein Dorf an der Grenze, aber dank Meßnerbäurin ungeteilt

Foto ©

Es war damals eine unruhige und wilde Zeit des Umbruchs. Der Erste Weltkrieg war verloren gegangen, die vielen Nationen des Vielvölkerstaates strebten eigene Nationalstaaten an - der deutschsprachige Rest wurde das neue Österreich.

Besonders hart für unser Land: die Untersteiermark wurde abgetrennt. "Tausende Bürger demonstrierten am 27. Jänner 1919 vor dem Marburger Rathaus für Deutschösterreich. Eine slowenische Patrouille schoss in die Menge, elf Tote und 60 Verletzte waren zu beklagen", erfährt man auf einer Schautafel der Ausstellung "November 1918. Die Steiermark zwischen Monarchie und Republik" im Landesarchiv in Graz.

Dieser Tag ging als "Marburger Bluttag" in die Geschichte ein. Aber auch weiter nördlich ging es drunter und drüber. Um Radkersburg und Straden operierten schlecht ausgerüstete lokale Heim- und Bauernwehren, um südslawische Militärtrupps am weiteren Vordringen zu hindern. Auch in der Weststeiermark bestanden Volkswehrkompanien in Deutschlandsberg, Eibiswald und Stainz. Eine Rückeroberung der von den Jugoslawen besetzten Gebiete der Untersteiermark wurde aber vom offiziellen Österreich nicht unterstützt, zu sehr war man von den Lebensmittellieferungen aus Kroatien abhängig, die durch Slowenien transportiert wurden.

Ab Februar 1919 zementierte eine Demarkationslinie zwischen Soboth und Radkersburg die bis dahin erreichten Positionen ein. Das Marburger Becken musste Jugoslawien überlassen werden, doch erhielt Österreich das Radkersburger Dreieck zugesprochen. Die Grenze durchschnitt die Stadt Radkersburg und verlief südlich von Spielfeld, Leutschach und Soboth. Diese Bestimmungen flossen in den Staatsvertrag von Saint Germain ein, der am 10. September 1919 unterzeichnet wurde und am 16. Juli 1920 Gesetzeskraft erlangte. Die endgültige Markierung der neuen Grenze erfolgte durch eine internationale Kommission in den Jahren 1920 und 1921 (siehe links).

Radikale Veränderungen.

Spätestens im November 1918 war klar geworden, dass die althergebrachte Ordnung radikale Veränderungen erfahren würde. Zu den hohen Verlusten an Menschenleben im Krieg kamen materielle Verluste, der Wirtschaftsmotor stockte und die Versorgungslage der Bevölkerung war katastrophal. Dazu hatte die Steiermark eben den herben Verlust von rund einem Drittel ihres Territoriums zu verkraften - die Untersteiermark. Diese Notsituation war eine ideale Basis für jede Radikalisierung politischer und weltanschaulicher Gedanken. Die junge Demokratie musste erst in einem schmerzvollen Prozess gelernt werden - und endete prompt in einer Katastrophe.

Doch noch war es nicht so weit: In der Steiermark wurde am 20. Oktober 1918 ein Wohlfahrtsausschuss gegründet, um das drohende Chaos beim Zusammenbruch zu verhindern. Nur so konnte die Versorgung der hungernden Bevölkerung überhaupt gewährleistet und die Ordnung aufrecht erhalten werden.

Am 6. November trat die Provisorische Landesversammlung im Grazer Landhaus zusammen. "Bei der konstituierenden Sitzung erfolgten wichtige, bis heute wirkende Weichenstellungen", erläutert Landesarchivdirektor Josef Riegler. "Das geschlossene deutsche Siedlungsgebiet des ehemaligen Kronlandes ,Herzogtum Steiermark' formierte sich unter dem Namen ,Land Steiermark' als eigenberechtigte Provinz und vollzog den Beitritt zum Staat Deutschösterreich. Das ist die Geburtsstunde des Bundeslandes Steiermark". Und er setzt nach: "Man macht sich keine Vorstellung davon, was es bedeutet, wenn sich eine staatliche Struktur auflöst - wie viel Improvisation da notwendig ist." Und wie viel Radikalität vorhanden war. Jeder war sich selbst der Nächste. Es kam zu Preistreiberei. "Ein Kilo Schmalz war für den Gegenwert eines Monatsgehalts zu erhalten", erzählt der Historiker. Die Kommunikation im öffentlichen Raum fand über aggressive Plakate auf Litfaßsäulen statt und die politischen Parteien sahen sich nicht als Konkurrenten, sondern als Gegner und Feinde.

Das alles zeigt anschaulich ein Rundgang durch die kleine, aber feine Ausstellung des Landesarchivs in Schaubildern, alten Zeitungen, Hör- und Bildstationen, auf Schautischen - sogar eine Litfaßsäule wurde aufgebaut.

ROBERT ENGELE

November 1918

Die Ausstellung "November 1918. Die Steiermark zwischen Monarchie und Republik" im Steiermärkischen Landesarchiv, Karmeliterplatz 3, ist bis 15. März 2009 Montag, Dienstag, Donnerstag von 9-17 Uhr, Mittwoch von 9-19 Uhr, Freitag von 9-13 Uhr geöffnet. Eintritt frei. Für Schulklassen werden Führungen angeboten (Tel. 0316-877-4031)

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