Kolleritsch: "Jetzt herrscht ein völlig anderes Klima"
Alfred Kolleritsch über die Frage, warum die Literatur derzeit in diesem Land trotz aller Politmiseren nichts mehr bewegen kann.

Foto © KLZ/Kanizaj
Herr Kolleritsch, zuerst zum Erfreulichsten: Sie feiern in wenigen Tagen, am 16. Februar, Ihren 80. Geburtstag. Hat dieser Tag für Sie besondere Bedeutung?
ALFRED KOLLERITSCH: Eigentlich nicht. Das eigene Lebensalter ist für mich nicht vordergründig. Es geht, wie schon beim "manuskripte"-Jubiläum im Dezember, vor allem darum, was ich im Laufe vieler Jahre gemacht oder auch angerichtet habe.
Das ist doch ein wenig zu viel an Understatement für den wichtigsten Literaturentdecker und -förderer Österreichs?
KOLLERITSCH: Naja, danke für das Kompliment. Ich bin mit der Gegenwartsliteratur doch ziemlich verhaftet. Und auch mit Dingen, die dadurch bewirkt wurden.
Wir sprechen da eher von der Vergangenheit, von der großen Aufbruchsstimmung. Für die gegenwärtigen Politiker bewegt sich die Literatur fast unter der Wahrnehmungsgrenze, oder?
KOLLERITSCH: Die politische Ignoranz ist in der Tat furchtbar und auch furchterregend. Es ist eine Wahrnehmung durch Nicht-Wahrnehmung. Aber das gilt ja nicht nur für die Literatur.
Sie haben vor einiger Zeit halb ironisch gemeint, dass Sie mittlerweile nicht einmal mehr von Feinden angerufen werden. Ist das wirklich zu bedauern oder nicht doch auch ein positives Zeichen?
KOLLERITSCH: Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist. Aber vielleicht vermisse ich ab und zu den einstigen Terror, all die plumpen Skandale, den Aufstand der alten Männer gegen uns wirklich ein wenig. Auf jeden Fall ist auch das ein Beleg für den momentanen Stillstand. Kunst erregt nicht mehr, man nimmt sie einfach hin.
Stichwort Erregung: Thomas Bernhard hätte kürzlich auch seinen 80. Geburtstag gefeiert. Würde unser Land nicht dringend einen ähnlichen Polemiker und Provokateur benötigen? Er hat ja auch die Politiker ordentlich auf Trab gehalten.
KOLLERITSCH: Grundsätzlich könnte man das bejahen. Aber Bernhard hat in einer anderen Zeit, in einer anderen politischen Lage agiert. Er hat viel Staub aufgewirbelt, aber trotzdem begann ja damals ein Klima der Offenheit, durch Kreisky, durch Sinowatz. Viele kritische Stimmen wurden auf einmal gehört. Jetzt herrscht ein völlig anderes Klima.
Das gilt aber auch für die Künstler, die sich zunehmend aus der Politik heraushalten. Ist das ein Zeichen der Resignation?
KOLLERITSCH: Ich kann mich da nur wiederholen. Wortmeldungen der Künstler erregen nicht mehr, sie bewegen nichts mehr. Wir sind bei Kreisky im Zimmer gesessen und konnten offen mit ihm reden, wir hatten das Gefühl, akzeptiert, gehört und verstanden zu werden.
Möchten Sie nicht auch bei Herrn Faymann oder Pröll im Zimmerchen sitzen?
KOLLERITSCH: Das wäre ja vielleicht eine ganz witzige Sache. Aber im Ernst: Es gibt keine Persönlichkeiten in der Politik mehr, von denen man irgendetwas erwarten kann. Aber sie bieten auch kaum Angriffsflächen. Die Politik ist ein Brachland. Natürlich könnten wir da Künstler wie Bernhard brauchen, die neues Feuer anzünden. Aber wozu und wofür? Und, ehrlich gesagt, ich sehe diese Künstler momentan nicht. Oswald Wiener hat die Kunst einstmals als Brechstange bezeichnet. Irgendwie ist diese Kraft verloren gegangen.
Trotzdem: Ist es nicht der falsche Weg, sich in der Kunst des Rückzuges zu üben?
KOLLERITSCH: Der Rückzug erfolgt notgedrungen. Weil es die schon erwähnte politische Wahrnehmung nicht mehr gibt. Von den Herren Faymann oder Pröll kann man sie nicht erwarten. Die sind ja nicht einmal in der Lage, zu erklären, warum sie die Kunst ablehnen. Dazu fehlt ihnen wahrscheinlich der erforderliche Horizont. Das ist das Schlimmste, was der Kunst passieren kann.
Aber, bleiben wir noch etwas zynisch, es gibt doch Alternativen. Einen Kärntner Kulturreferenten, der stolz von sich behauptet, keine Bücher zu lesen, oder den steirischen Landeskulturrat, der Parolen wie "Fürchtet euch nicht" ausgibt und gleichzeitig Existenzängste auslöst. Wie sind da Ihre Zukunftsaussichten?
KOLLERITSCH: Düster natürlich. Das Schlimme ist ja, dass diese Politik oft auch mit einer Art Drohgebärde gemacht wird und man vor allem den jungen Künstlern fast schon predigt, bloß still, ruhig und demütig zu sein. Und da sich ja alles immer mehr um Subventionen dreht, wird die Haltung ja durchaus verständlich und nachvollziehbar.
Sehen Sie dennoch Licht am Ende des Tunnels?
KOLLERITSCH: Was die Literatur betrifft: durchaus. Es gab damals, in den Forum-Zeiten, eine ganz starke Dichtergeneration, meist rund um den Jahrgang 1940, von Handke bis Bauer, von Scharang bis zu Elfriede Jelinek oder Barbara Frischmuth. Und es kommt jetzt wieder eine ganz starke Autorengeneration, ich denke da nur an Clemens Setz, Andreas Unterweger, Valerie Fritsch, um nur einige Namen zu nennen. Das ist wie mit den wirklich guten Pilzen; die wachsen ja auch nur alle paar Jahre.
Von der Kunst zu einer anderen Baustelle: der Bildung. Sie waren lange Jahre ja auch als Pädagoge tätig, was halten Sie von den Reform-Debatten und Plänen?
KOLLERITSCH: Von Reformen wird doch seit Jahrzehnten geredet, fast immer ergebnislos. Durch die derzeitigen Debatten ist wieder nur eine große Luftblase entstanden, in der es viele kleine, oft fast ärgerliche Diskussionen gibt, die nicht weiterführen. Ich kann mich auch überhaupt nicht anfreunden mit all der Aufregung rund um die Pisa-Studie.
Was verursacht Ihren Groll?
KOLLERITSCH: Man will, basierend auf sehr fragwürdigen Untersuchungen und Tests, bildungsmäßig Menschen herstellen, die für den Betrieb brauchbar sind. Sie sollen gefügig sein und funktionieren, wie man es sich wünscht. Sie sollen, wie Computer, ausspucken, was von ihnen verlangt wird. Alles muss praktisch einsetzbar sein. Mir läuft es da kalt über den Rücken.
Eine hypothetische Frage: Wie hätte eine von Ihnen unterrichtete Klasse wohl beim Pisa-Test abgeschnitten?
KOLLERITSCH: Ich fürchte, die Zeichensetzung hätte sie nicht wie gewünscht beherrscht. Aber offenbar ist das die Zukunft: Die Fähigkeiten des Menschen immer mehr durch Tests zu bewerten. Überall werden Fragebögen ausgefüllt, auch in der Medizin. Die Wörter treten an die Stelle des Verstehens, die Schüler denken in zunehmendem Maß nur noch tabellarisch. Verheerend.
Der Zustand an den Universitäten ist ja ähnlich?
KOLLERITSCH: Ich gehe noch einen Schritt weiter. Der Zustand dort ist noch schlimmer. Die Geisteswissenschaften verkümmern und verkommen völlig. Der einstige Bildungsbegriff ist tot. Wer heute Philosophie studiert oder unterrichtet, gilt ja schon als Spinner, die Bildung wird völlig reduziert auf rationale Strategien, der Rest ist obskur, streichbar.
Jetzt klingen Sie fast schon wie Thomas Bernhard.
KOLLERITSCH: Ach so? Und ich dachte, dass auch ich den Mund nicht mehr so weit aufmache wie früher.
Das glauben wir Ihnen jetzt aber überhaupt nicht.
KOLLERITSCH: Na gut, dann bemerke ich es vielleicht nicht mehr. Aber ich war früher viel anfälliger, mich zu wehren, ich war besessen vom Widerstand gegen falsche Gedankengänge.
Bleiben wir bei guten Gedankengängen. Würde es Sie nicht reizen, noch ein Buch zu schreiben?
KOLLERITSCH: Der Reiz war immer da, was fehlte, war und ist die Zeit. Die einstigen Forum-Dichter sind ja durchwegs zehn Jahre jünger als ich. Mir kam oft, auch bei Lesetourneen, die Rolle des Organisators zu. Daher erhielt ich sogar den Spitznamen Reiseleiter. Auch kein schlechter Titel, oder?
INTERVIEW: WERNER KRAUSE, MICHAEL TSCHIDA
Features
Alfred Kolleritsch
Alfred Kolleritsch, geboren am 16. Februar 1931 in Brunnsee (Südsteiermark), zählt zu den wichtigsten Wegbereitern der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.
Er war Mitbegründer und Langzeitpräsident des Forum Stadtpark, ist seit 51 Jahren Herausgeber der "manuskripte", in denen Autoren von Handke bis Bauer, von Jonke bis Roth, von Frischmuth bis Jelinek, debütierten.
Lesetipp: Zu seinem 80. Geburtstag erscheint der poetische Prachtband "Das schönste Fremde ist bei dir" mit zahlreichen Beiträgen seiner Dichter-Freunde (Droschl-Verlag, 25 Euro).









Derzeit gibt es hier keine Fotos zu diesem Thema.
