Immer wieder neue Blickwinkel
Fotografie als Medium der Beschreibung von Wirklichkeit und der Schaffung ganz neuer Realitäten. Drei Ausstellungen mit Werken von Marc Lagrange, Horst Stasny und Robert Pichler.

Foto © PICHLER/PAVELHAUSRobert Pichler: Für Hochzeiten wird kein Aufwand gescheut
Marc Lagrange
Ende 2011 hatte Paradefotograf Christian Jungwirth mit dem Kalifornier Greg Gorman einen Weltstar seiner Zunft präsentiert. In der Waagner-Biro-Halle 8. Dort, wo das Grazer Zukunftsprojekt "Smart City" wachsen soll. Weniger smart ist, dass der imposante Stahlbau aus den 50ern, mittlerweile im Besitz von Raiffeisen, im Juni geschleift wird. Bürobau statt Architekturdenkmal? Vielleicht gibt's dafür ja den Unesco-Titel "City of Destroy".
Was eine der letzten Industriehallen in Graz auf ihren 3200 m² hergibt, zeigt der mit Birgit Enge zum passionierten Galeristen gewordene Jungwirth nun auch mit Großformaten von Marc Lagrange. Bei der Vernissage mit 5000 Kerzen in atmosphärisches Licht gesetzt, kamen dessen Dramatisierungen weiblicher Körper besonders gut zur Geltung.
Der Belgier wird gern mit Ikonen wie Helmut Newton, Robert Mapplethorpe oder Peter Lindbergh verglichen. Und bleibt doch seinem eigenen Stil treu. Den hat der 55-Jährige eigentlich durch Frust gefunden: Zunächst Hobbyfotograf, wusste der Techniker eines Tages: "Entweder ich steige jetzt aus dem Beruf aus oder ich verschimmle, werde alt und grau und sterbe - erst psychisch, dann physisch".
Das "Antischimmelmittel" wirkte jedenfalls bestens: Mit Porträts der Sekretärin des EU-Wirtschaftsministers fing seinerzeit alles an. Heute spielt der Antwerpener, dessen Frau (als Stylistin) und beiden Söhne im Unternehmen mitarbeiten, selbst in der höchsten EU-Liga. Seine (manchmal zu) inszenierten Bilder von (manchmal zu) schönen Models erzählen stets Freches bis Rätselhaftes. Dass Lagrange, der mit seinen Eltern mit vier Jahren aus dem Kongo nach Europa zog und heute immer mehr Sehnsucht nach Afrika verspürt, noch anders kann, beweist sein nächstes Projekt: "Arbeiten mit über 80-Jährigen. Da ist ein anderer Zugang zum Frausein gefragt. Aber gerade auch mit dem Ausleuchten von Furchen und Falten kann man sich auf die Spuren von Schönheit begeben".
Marc Lagrange. Bis 30. Juni, Di/Mi 11 - 17 Uhr, Do/Fr 15 - 22 Uhr. Waagner-Biro-Straße 124, Tel. (0 31 6) 81 55 05. atelierjungwirth.com, lagrange.be
Horst Stasny
"Täglich neue Blickwinkel": das ist das Motto von Horst Stasny. Als Fotoprofi in dritter Generation ist er seit seinem 16. Lebensjahr aktiv und kann auf ein gewaltiges Werk zurückblicken. Ausgesuchte Kostproben bietet diese erste Grazer Personale des 70-jährigen Salzburgers.
Stasny zeigt sich als mit allen fotografischen Wassern gewaschener Alleskönner. Dokumentarisches (etwa über Mühlviertler Bauern) und Inszeniertes (wie die Serie "Mann am See") findet sich gleichermaßen und von stets beeindruckender Perfektion. Dass er ein Porträtist mit präzisem Blick und subtilem Witz ist, belegen u. a. Bildnisse von Maria Lassnig, Gustav Peichl, Hubert von Goisern, Franz Welser-Möst, Kurt Krenn und Ferruccio Lamborghini. WT
Horst Stasny. Atelier Jungwirth, Opernring 12, Graz. Eröffnung: morgen, 11 Uhr. Ausstellung bis 21. Juli.
Robert Pichler
"Postsozialistische Lebenswelten im mazedonisch-albanischen Grenzgebiet" lautet der etwas sperrige Untertitel des Buch- und Ausstellungsprojekts "Erkundung einer Landschaft". Der Historiker und Fotograf Robert Pichler hat dafür besagte Region bereist und Landschaft und Menschen in beeindruckenden Aufnahmen festgehalten sowie die Hintergründe recherchiert.
Es ist das unglaublich vielfältige Panorama einer relativ kleinen Region, das der am Zentrum für Südosteuropäische Geschichte der Grazer Universität Lehrende vorlegt. Ein Bericht über eine aus vielen Gruppierungen zusammengesetzte Bevölkerung mit ebenso vielen religiösen Orientierungen, im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Umbrüchen von enormer Rasanz. Das faszinierende Bild- und Textdokument einer Weltgegend, relativ nah - und doch so fern. WT
Robert Pichler. Bis 30. Juni. Pavelhaus, Laafeld/Potrna 30. Führung mit Robert Pichler: 1. Juni, 15 Uhr. www.pavelhaus.at









